Chris­ti­an Menn, Bau­in­ge­nieur aus Lei­den­schaft

Christian Menn hat den Brückenbau bereichert. Seine Projekte genügen ästhetischen Ansprüchen und hielten vertretbare Baukosten ein. Dennoch zweifelte er oft. Eugen Brühwiler, Professor an der ETH Lausanne, erinnert sich.

Publikationsdatum
07-06-2019
Eugen Brühwiler
Lehrstuhl für Erhaltung, Konstruktion und Sicherheit von Bauwerken, ETH Lausanne (EPFL)

Christian Menn (1927–2018) war durch und durch Ingenieur: Verstandeskraft als Esprit, kreative Fantasie und Leidenschaft prägten seine Person ebenso wie die Faszination technologischer Möglichkeiten. Er war immer auf der Suche nach der technisch effizientesten Lösung und besorgt um beste Qualität. Kritisch denkend, auch etablierte und normierte «Regeln» infrage stellend, hart mit ­anderen, aber auch mit sich selber, sparsam, nüchtern und prägnant. Bis ins Alter von 91 Jahren blieb er unermüdlich und überraschend.

Ästhetik, Effizienz und Wirtschaftlichkeit

Menn war ein Ästhet. Das Spannungsfeld zwischen Gestaltung und wirtschaftlicher Realität hat ihn immerzu beschäftigt, fasziniert und gequält. Seine Projekte mussten hohen ästhetischen Ansprüchen genügen und dennoch vertretbare Baukosten einhalten. Dies empfand er als die moralische Pflicht des Ingenieurs. Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Ästhetik sind seine Kriterien der «Structural Art» – die neue, eigenständige Kunstform Ingenieurbau, die David P. Billington proklamierte.

Menn verstand Brücken auch als Ausdruck einer kunstaffinen Persönlichkeit, die auf einem soliden wissenschaftlichen Hintergrund und Verständnis der strengen volkswirtschaftlichen Anforderungen an Infrastrukturbauten basieren. Die Rolle der Ästhetik blieb dabei zentral. Auch wenn sie die erste Motivation beim Entwurf sein sollte, darf sie nie die technischen Anforderungen und Gegebenheiten verletzen.

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Stets war Menn auf der Suche nach dem noch besseren Entwurf, fand ihn, rastete nicht, ging weiter zum nächsten. Noch im hohen Alter blieb sein Blick nach vorn gerichtet. Er erachtete es als notwendig, seine Brücken und deren Verhalten genau zu analysieren. ­Kritik und Selbstkritik waren wichtige Teile seiner Arbeitsweise, die ihn und seine Entwürfe weiterbrachten. Er konnte die richtigen Fragen stellen, um eine Anregung oder Idee zu gewinnen. Seine Neugier führte ihn zum «Experimentieren», einem Erkunden neuer Gestaltungsmöglichkeiten, dabei neuartige Techno­logien aus der Baustoffkunde und der Baumethoden ausnutzend. Es interessierte ihn nicht, Entwürfe zu kopieren – auch keine Kopie der Sunnibergbrücke an einem anderen Ort, wofür man ihn anfragte. Er schaute nur zurück, um sich an Gehaltvolles und an Fehler zu erinnern. Diesen Anspruch auf Kreativität und ­Originalität hat er stets beibehalten.

Emotional und beharrlich

Der Erfolg seiner Brücken hat Christian Menn Bestätigung gegeben und Selbstvertrauen verliehen. Trotzdem blieb er – aus einem Verantwortungsgefühl gegenüber «seinen» Projekten heraus – bescheiden und ging nüchtern mit Erfolgen um. Seine Dominanz im Schweizer Brückenbau rief Neider und Kritiker hervor, denen er bestimmt gegenübertrat, indem er mit Qualitätsmerkmalen seiner Projekte argumentierte. Es brauchte Energie, um Leute zu überzeugen. Nicht immer blieb er geduldig, und ­zuweilen drückte er sich undiplomatisch aus. Diese Kommentare waren zwar oft in der Sache richtig, aber nicht adäquat formuliert. Er zeigte Emotionen und konnte impulsiv sein.

Manche Berufskollegen zogen es deshalb vor, zu ihm auf Distanz zu gehen. Menn bedauerte dies, denn seine Kritik war nicht persönlich, sondern projektbezogen gemeint. Im privaten Umfeld war er umgänglich, kollegial und liebenswert. In der Projektarbeit aber strebte er mit aller Konsequenz nach der effi­zientesten Ingenieurlösung. Dann war er konzentriert, scharf analysierend, klar beurteilend und kompromisslos gegenüber schwachen Argumenten.

Nah an der Verzweiflung

So bestimmt Menn war, so offen war er gegenüber Neugierigen und Interessierten. Er gab seine Ideen und Erfahrungen Studenten und Berufskollegen preis. Im November 2012 publizierte er seine «Erfahrungen im Schweizer Betonbrückenbau» – ein reichhaltiges Vermächtnis. Gleichzeitig zweifelte und verzweifelte er zuweilen an der Inkompetenz, die ihn umgab.

Eine beachtliche Menge an Projekten wurde und wird nie realisiert, wurde abgeändert oder verunstaltet. Sie zeugen von Misserfolgen und Frustration, die Menn neben dem Ruhm ebenfalls erlebte. Dies betrifft vor allem Projekte während der dritten Schaffensperiode im Ausland, in einem kulturellen Kontext und in einer Baukultur, die nicht immer zugänglich war. Die Projekte in den USA überzeugten zwar durch Kühnheit, waren technisch einleuchtend, und die Bevölkerung war oft begeistert. Doch die damit einhergehende Selbstverständlichkeit, Eleganz und Filigranität ergaben eine Qualität, die bei den Entscheidungsträgern und der beauftragten lokalen Planerschaft nicht immer erkannt wurde. Menn hatte grosse Mühe, diese paradoxe Situa­tion zu akzeptieren, und verurteilte sie scharf. Die nicht gebauten Projekte sind wertvolle Inspirationsquellen.

So war und ist Menn nicht nur bekannt als ­ausführender Ingenieur, sondern gibt uns als Brückendesigner auch studierenswerte, innovative Entwürfe, Ideen und Konzepte weiter.

Dieser Artikel ist erschienen in
TEC21 22/2019 «Chris­ti­an Menn (1927–2018)»

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