Bau- und En­er­gie­mes­se: Un­ter­schied­li­che An­sich­ten zum The­ma En­er­gie­spa­ren

Die Berner Bau- und Energiemesse ging am 11. November zu Ende. Wir haben an einem Seminar zum Thema «Von Minergie zum Plus-Energie-Standard» teilgenommen. Nachfolgend unser Fazit.

Publikationsdatum
19-11-2012
Revision
01-09-2015

«Wir bedauern, dass beim Standard laut Minergie-Label die Themen graue Energie und Mobilität noch nicht genügend berücksichtigt werden.» Mit diesen Worten eröffnete Olivier Meile in seiner Funktion als Leiter des Bereichs Gebäudetechnologie beim Bundesamt für Energie dieses Seminar.
Architekt Conrad Lutz betonte wiederum, dass es beim Energiesparen am Bau keinen Königsweg gebe; die interessanteste Energie sei auf jeden Fall diejenige, die man erst gar nicht verbrauche. Er führte als Beispiel für seine Aussage ein Nullenergiehaus an, das 2008 im Kanton Waadt erbaut worden war. Bei diesem Gebäude wurde eine thermische Lösung gewählt: Im Sommer wird Energie auf Vorrat gespeichert. Am Haus selber werden ca. 45.000 Liter Wasser in einem zylindrischen Behälter gespeichert. Selbst wenn dies Platz braucht, so ist es trotzdem immer noch eine technisch mögliche Lösung, und «manche Kommunen zählen diese Lagerfläche nicht mit zur Wohnfläche.»
Das Architekturbüro hat ausserdem ein weiteres Projekt in Planung: ein Wohnhaus nach Minergie-P-Eco in Riaz im Kanton Freiburg. Das grösste Problem, das sich beim Bauen in Sachen Energiesparen stellt, besteht darin, dass auf dem Dach nicht genügend Fläche vorhanden ist, um eine für den Betrieb der Wärmepumpe ausreichende Anzahl an Solarpaneelen zu montieren. Willy Frei, Partner bei Bauart Architectes et Urbanistes SA, sprach in diesem Zusammenhang das Problem der dichten Bebauung in den Ballungsräumen an. Wie kann man sinnvoll in die Höhe bauen 

Beispiel einer Renovierung nach Minergie-P-Standard

Jacques Bony, Projektingenieur an der École d'Ingénierie et de Gestion im Kanton Waadt, führte seinerseits das Beispiel eines nach Minergie-P-Kriterien renovierten Hauses an. Die Gebäudehülle sowie die technischen Anlagen wurden komplett umgebaut. Die Renovierung bestand grösstenteils darin, dass das gesamte Gebäude eine Hülle bekam, insbesondere an den Balkonen. «Es gibt zwar keine Balkone mehr, aber die Wohnfläche wurde vergrössert.» An den bestehenden Betonmauern, die so gut wie nicht isoliert waren, wurden 60mm Glaswolle sowie ein Fertigelement mit einer Stärke von insgesamt 235mm aufgebracht, das aus einer Isolierschicht von 120mm (einer Pappstruktur mit Wabenmuster) und einer Verglasung besteht.
Laut Aussage von Jacques Bony konnte der Energiebedarf nach Fertigstellung der Renovierung auf ein Siebtel des ursprünglichen Werts gesenkt werden. Der Wärme- und Akustikkomfort in den Wohnungen stieg, und es wurde auch gleich der Verbrauch von sanitärem Heisswasser gesenkt. An dem gewählten Beispiel werden zwei wesentliche Aspekte deutlich: die Frage der Renovierung und die Frage danach, inwieweit ein Gebäude von seiner Gestalt her verändert wird. Zum Zwecke des Energiesparens wurde die Hülle dieses Gebäudes komplett umgestaltet – so sind die Balkone so gut wie verschwunden. Darf man die Anmutung eines schon bestehenden Gebäudes so stark verändern, nur um Energie zu sparen 
Auch die anderen Referenten gingen auf das Thema Renovierung ein. Für Lucie Mérigeaux, Ingenieurin beim technischen Service der Aussenstelle von Lignum in der Romandie, heisst die beste Lösung beim Renovieren Holzbau. Holz sei deswegen die optimale Lösung, weil es ein Leichtbaumaterial sei, mit dem man höher als mit anderen Werkstoffen bauen könne. Deswegen braucht man mit Holz die Fundamente nicht nachzuarbeiten und spart dadurch Zeit am Bau. Renovierungen sind eine gute Lösung, und «heute gibt es Beihilfen vom Bund, von den Kantonen und den Kommunen, so dass man es sich leisten kann.» Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Pluspunkt für Holz: Es fällt weniger graue Energie an, und es wird erheblich weniger CO2 produziert – im Gegensatz zu Beton, Ziegel oder Stahl setzt Holz kein CO2 frei.

Gebäudetechnik: Wunderlösung oder Entmündigung 

Während des Seminars war auch von Spitzentechnologie die Rede, so insbesondere von der Gebäudetechnik. «Berücksichtigt man die Sonneneinstrahlung, kann man die künstliche Beleuchtung je nach Tageslicht regeln: Dank Gebäudetechnik wird im Gebäude nur dann etwas zugeschaltet, wenn man es benötigt», betonte Pierre Schoeffel, Leiter des Zürcher Büros der Gebäude-Netzwerk-Initiative. «Dank Gebäudetechnik können einzelne Funktionen miteinander kommunizieren. So wird z.B. die Heizung abgeschaltet, wenn die Bewohner lüften, und das Gebäude kann auf äussere Gegebenheiten wie die Anwesenheit der Bewohner reagieren.»
Willi Frei vertritt dagegen die Ansicht, dass es umso schwieriger ist, in einem Haus zu leben, je komplizierter es ist. Seiner Meinung nach muss ein Gebäude nicht technisch hochgerüstet werden, nur um Energie zu sparen. Am wichtigsten sei es, die vorhandenen Gegebenheiten wie natürliche Belüftung und Tageslicht zu nutzen. Er ist der Ansicht, Gebäudetechnik enthebe die Bewohner jeglicher Verantwortung.

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