Das Zebra des Architekten

Derzeit steht im Ausstellungsraum Archizoom der EPFL ein merkwürdiger Gast: Ein Zebra inmitten von Architekturmodellen, Skizzen und Zeichnungen von Patrick Berger. Es steht als Symbol: Berger versucht Muster der Natur aufzugreifen, um seine Bauten sowohl funktional, ästhetisch und symbolisch zu formen. Die Ausstellung «Animals » ist noch bis zum 8. Mai 2014 zu sehen.

Charles von Büren Bautechnik/Design, Korrespondent TEC21

Patrick Berger, der 1947 geborene Pariser Architekt und langjährige Dozent an der Architekturabteilung der EPFL, hat in Archizoom eine «Carte blanche» erhalten; er war frei in der Wahl der Exponate und der Gestaltung. Drei Projekte stellt er in den Mittelpunkt: Eine neue Kirche in Saint-Denis in der Pariser Banlieue, den Sitz von Novartis-Pharma France in Rueil-Malmaison und die Dachkonstruktion «La Canopée», verbunden mit der umfassenden Erneuerung des «Forum des Halles» in Paris. 

Auf den ersten Blick haben die drei Projekte wenig gemeinsam. Doch bei näherem Hinsehen zeigen sie, wie genau beobachtend Patrick Berger zur letztlich gültigen Form und Struktur seiner Bauten findet. Er skizziert, zeichnet von Hand seine Entwürfe und findet über Modelle zur letztlich überzeugenden Ausformung und Konstruktion.  

Drei Projekte mit hohen Ansprüchen
Die Kirche Saint-Paul-de-la-Pleine in Saint-Denis stellt für Berger ein architektonisches Theorem dar und wird nach seinen Worten über die ungewöhnliche Form zu einem sozialen, symbolischen und baukonstruktiven Zeichen. Novartis-Pharma France in Rueil-Malmaison sieht er als architektonisches System, das mit seinen Glaspavillons und Terrassen aus der gegebenen Enge der urbanen Situation entstanden ist. Mit der Überdachung aus Stahl und Glas der Canopée (Baumkronendach / Blätterdach) für das «Forum des Halles» in Paris will Berger dem von den Parisern ungeliebten Ort neues Leben einhauchen und ihn zum eigentlichen Tor von Paris werden lassen. Das Dach aus Stahl und Glas befindet sich derzeit im Bau. 

Ein Spaziergang durch architektonische Ideen
Die Ausstellung ist stringent gestaltet. Im Zentrum des Raums liegt eine langgezogene Plattform auf der – wie auf einer Bühne – Modelle ausgebreitet sind. Im Hintergrund zieht das riesige Modell der Canopée die Blicke auf sich. Die drei Projekte sind auf einer Längswand mit Plänen Skizzen und Bildmaterial dokumentiert.

Die Wand gegenüber zeigt gestalterische Überlegungen älterer Entwürfe und Arbeiten in Zusammenhang mit Bergers Lehrtätigkeit an der EPFL, auch sie zumeist in Form von Skizzen und Zeichnungen. Berger hat in seinem Arbeitsleben nach eigener Aussage gegen neunzig Projekte verfasst. Zu den bekannteren Projekten zählt die Umgestaltung des ehemaligen Theaters «Le Palace» in Paris von 1978 in einen mittlerweile legendären Treffpunkt der Schickeria und der internationalen Szene aus Mode, Film, Kunst und Rockmusik.

Aber auch das Projekt für die «Promenade plantée» stiess auf grosses Echo und wurde zum Vorbild für ähnliche Vorhaben in New York, Chicago, Rotterdam und auch in Zürich. Die Mitte des 19. Jahrhunderts gebaute Bahnlinie Bastille-Bois de Vincennes wurde 1969 still gelegt. Patrick Berger hat ab 1993 auf den 67 Bogen des Viadukts eine bepflanzte Promenade errichtet. In der Schweiz ist Berger durch eine Retrospektive in Mendrisio und auch mit dem Neubau des Uefa-Hauptsitz in Nyon aufgefallen.

Aber eigentlich ist er vor allem in Fachkreisen bekannt und sucht nicht nach Aufmerksamkeit. Zu dieser bescheidenen Haltung passt die nun gezeigte Ausstellung gut: Kein Glanz und Gloria sondern einfach mit Nadeln an die Wand geheftete Zeichnungen und Pläne, Modelle, die ungeschützt aufliegen.  

Buch trägt zur Klärung bei
Die einzelnen Etappen der Ausstellung sind mit Texten auf einfachen A5-Blättern erläutert. Im Zusammenhang mit dem Gezeigten wirken sie instruktiv, teils sind sie aber zu wenig präzis formuliert. Abhilfe schafft hier das Buch zur Ausstellung mit Texten zu Bergers Entwurfskonzepten, Geschichten und zahlreichen Illustrationen. Darin zitiert ist auch der Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Karl von Frisch mit seinen Aussagen zu Struktur und Bauweise von Bienenwaben, was den eher kryptischen Ausstellungstitel erklärt.

Operation am Bauch von Paris

Von 1850 bis 1969 war der legendäre Fleisch- und Gemüsemarkt «Les Halles» in Paris in Betrieb. Der französische Schriftsteller Victor Hugo nannte den Ort den «Bauch von Paris». Dann wurde dieser Grossmarkt nach Rungis in den Stadtteil La Villette verlegt und 1971 die Strukturen aus Eisen und Glas von Architekt Victor Baltard abgebrochen. Das anschliessend erstellte Einkaufszentrum, das «Forum des Halles», wurde von den Bürgern nie wirklich akzeptiert. Es wirkte rasch schäbig und machte einen zunehmend verlotterten Eindruck. Eine umfassende Renovation und ein riesiges geschwungenes Glasdach soll dem Ort neues Leben einhauchen. Hervorgegangen aus einem zweistufigen Wettbewerb (2004 und 2007) ist das ambitiöse Projekt von Patrick Berger und Jacques Anziutti seit 2011 im Bau. Mit 7000 Tonnen Stahl und mit seiner riesigen verglasten Fläche über der rund 7ha umfassenden, bis in 25m Tiefe reichende Fussgängerzone soll es Ende 2014 fertiggestellt sein. Die Arbeiten im Einkaufszentrum in den darunter liegenden Metro- und RER-Stationen werden indes noch bis 2016 dauern (vgl. «Un nouveau toit pour les Halles»). Mit dieser Canopée (Baumkronendach / Blätterdach) soll auf der Achse von der «Bourse de Commerce» über den «Jardin Nelson-Mandela» bis zum «Centre Pompidou» ein parallel zur «Rue de Rivoli» und zur Seine verlaufendes Ensemble entstehen, das mit seinen Stahl- und Glaskonstruktionen des 19., 20. und 21. Jahrhunderts sowie mit dem weitläufigen Park Nelson-Mandela eine erneuerte Stadtmitte anstrebt.   Ausstellung Bis 8. Mai 2014 zu sehen bei Archizoom in Lausanne. Weitere Infos Buch zur AusstellungDie Publikation dokumentiert die Suche und die Experimente, die Patrick Berger im Laufe seines Arbeitslebens unternommen hat, um seiner Architektur Form und Inhalt zu geben, die den Prinzipien der Natur entsprechen. Verlag Les presses du réel (Dijon F) und PPUR Lausanne, 2014. 16.5 x 22.5 cm, Broschur, 156 Seiten mit zahlreichen Zeichnungen und farbigen Illustrationen. Französisch (auch in Englisch erhältlich). Fr. 35.-. Weitere Infos

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