Breites Spektrum prämierter Werke

Perspektiven für periphere Bergregionen, intelligente Gebäudekonzepte, kluge Verdichtung und solidarisches Miteinander in der Agglomeration – die Siegerprojekte der Umsicht 2017 spiegeln die aktuellen Herausforderungen im Bauwerk Schweiz.

Frank Peter Jäger Redaktor des SIA

Weil es im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich keinen Saal gibt, der alle 400 Gäste der Umsicht-Auszeichnungs­feier fassen kann, entschied sich der SIA dafür, die Feier für die prämierten Werke von Umsicht –Regards – Sguardi 2017 in einem Saal des Neubaus und einem des Altbaus zugleich durchzuführen. Die Gäste im jeweils anderen Saal verfolgten die Moderatorin Monika Schärer, SIA-Präsidenten Stefan Cadosch sowie die Prämierten via Live-Übertragung – erst im Neubau, dann im Altbautrakt des burgartigen Baus, ehe nach der Zeremonie alle im Foyer zusammentrafen.

Soll so etwas gelingen, braucht es eine perfekte Koordinierung, gute Absprachen, rea­listische Zeitpläne, und man sollte die Prozesse beherrschen – die Choreografie der Umsicht-Auszeichnung 2017 war also Sinnbild dafür, was gute Planung heute leistet: die Her­ausforderung komplexer Ansprüche zu meistern, mit Teamwork, Kommunikation, Erfahrung und Umsicht.

Beispielhaft dafür ist der fast zwölf Jahre ­währende Um- und Ausbau des Bahnhofs Zürich Oerlikon (vgl. «Die neue Mitte»). Trotz der Vielzahl von Beteiligten, mehreren Bauherrschaften, Umplanungen, dem Bauen unter Betrieb und mehrfacher Erweiterung der Planungsaufgabe ist es dem Zürcher Büro 10 : 8 Architekten im Teamwork mit insgesamt 16 Fachplanern gelungen, eine einheitliche gestalterische Handschrift über alle Teile des Bauwerks umzu­setzen (vgl. «Oerlikon underobsi»).. Genau deshalb erhielt der Bahnhofsumbau – wie aus dem Juryprotokoll hervorgeht, in grosser ­Einmütigkeit – eine der sechs Auszeichnungen. Auf lange Perspektive ausgelegt, vielschichtige Planungen, die von disziplinübergreifenden Teams entwickelt wurden, sind genau das, was der SIA mit Umsicht – Regards – Sguardi auszeichnet.

79 Arbeiten waren für die inzwischen vierte Umsicht-Auszeichnung eingereicht worden – exakt so viele wie für die Prämierung von 2013 (vgl. Sonderheft Umsicht 2013). SIA-Präsident Stefan Ca­dosch, zugleich Präsident der Jury, unterstrich, dass die Qualität der Eingaben von Mal zu Mal gestiegen sei; für die Umsicht-Initiatoren ein untrügliches Zeichen, dass die Einreicher ihr Konzept annehmen, sich der Preis also etabliert habe. 

«Verlassen Sie den Katzentisch»

Trotz der Lobesworte war die Auszeichnungsfeier keineswegs der Abend gegenseitigen Schulterklopfens der im SIA vereinten Disziplinen. «Verlassen Sie den Katzentisch der Politik», rief Matthias Daum, Leiter der Schweiz-Redaktion von «Die Zeit», den versammelten Gästen zu. An der politischen Tafel von Bundesrätin Doris Leuthard und anderer Politiker seien Planerverbände zwar als Experten geduldet, die wirklichen Entscheide träfen jedoch andere. «Sie sollten aber nicht nur Berater und Dienstleister sein», sagte Daum. Sei es der Kampf gegen die Zersiedlung oder eine zeitgemässe Energiepolitik: «Sie dürfen und müssen auch politisieren!» Und zwar nicht alle paar Jahre, sondern Tag für Tag aufs Neue. 

Der Beifall für den kritischen Weckruf des Ehrengasts war kaum verhallt, da startete die Regie eine Videoübertragung aus dem Altbau, wo die Verleihung der Auszeichnungen an die noch unbekannten Preisträger begann. Die Laudatio auf die Prämierungen sprachen wechselnde Jurymitglieder, und je ein Vertreter des Projektteams nahm schliesslich den «Sesam» entgegen, den später fest am Bauwerk anzubringenden Mini-Tresor, in dem das Votum der Jury enthalten ist – das Markenzeichen der Umsicht-Auszeichnung. 

Die interdisziplinäre Herangehensweise stand besonders im Vordergrund bei jenen zwei Prämierungen, die am und mit dem Wasser geplant wurden: die Modernisierung des Kraftwerks Hagneck am Bielersee sowie die Revitalisierung des Flusses Aire am Rand von Genf. Beim erneuerten Wasserkraftwerk nahe Biel (vgl. «‹Mehr Engagement bei Infrastrukturbauten›») verbindet sich zeitgenössische Architektur mit modernster Kraft­werks­technik sowie mit wasser­baulichen, landschaftsplanerischen und ökologischen Belangen. Neben dem auf Augenhöhe geführten Dialog der Fachplaner liegt das Rezept, derart vielschichte Aufgaben souverän zu meistern, darin, bisher übliche Vorgehensweisen und Routinen zu hinterfragen, meint Projekt­einreicher Christian Penzel vom Zürcher Büro Penzel Valier Architekten.

Planer mit langem Atem

Einen ähnlich langen Atem wie beim Bahnhof in Oerlikon brauchten die Planer bei der Revitalisierung der Aire (vgl. «Landschaft, weitergedacht»). Lange Zeit war der Fluss bei Genf in ein Betonbett gezwängt gewesen. Doch Ingenieurin Corinne Van Cauwenberghe, die den Preis entgegennahm, sieht in der langen Dauer des ­Projekts und den vielen Beteiligten keine Bürde, sondern eine Chance; immerhin seit 2000 befasst sie sich planerisch mit diesem Fluss. «Wir ­haben aus den Erfahrungen mit den vorangegangenen Bauabschnitten für den jetzt prämierten dritten Flussabschnitt gelernt, und auch aus der jüngsten Projektphase werden wir Erfahrungen in den vierten Bauabschnitt mitnehmen», meinte sie nach der Auszeichnung. «Ich bin froh, dass wir diese Zeit hatten.» Fünf planeri­sche Disziplinen und vier Gemeinden sind in das Projekt eingebunden. 

Was als Hochwasserschutzprojekt begann, entwickelte sich an der Aire zu einem Miteinander von Wasserbau, Biologie und Landschaftsgestaltung. Konkret schufen die Wasserbauingenieure und ­Landschaftsarchitekten auf Flächen längs des bestehenden Kanals den Flusslauf neu, indem sie einen ­breiten Streifen parallel zum kanalisierten Fluss aushoben und eine regelmässige Struktur rautenförmiger Erhöhungen stehen liessen. Als das Wasser schliesslich durch dieses neu geschaffene Bett floss, verwandelten sich die anfangs streng symmetrischen Inseln nach kurzer Zeit in grosse und kleine Mäander. Der alte Kanal dagegen wurde mit architektonischen Akzenten ergänzt – so entstand ein räumlich abwechslungsreicher Park am Wasser. 

Identität und Aufbruchsstimmung 

Die Projekte bedeuten also häufig eine identitätsstiftende Stärkung des Genius loci für den Ort und die dortige Bevölkerung. Kaum ein Projekt löst das stärker ein als die von Nikisch Walder Architekten zum Naturpark-Besucherzentrum umgebaute Alte Schule in Valendas GR. Die neue Nutzung steht exemplarisch für jene lokalen Initiativen, die der Entvölkerung der Berggebiete mit konkreten Projekten entgegentreten. Und sie verbreiten Aufbruchsstimmung: «Es gibt schon zwanzig junge Leute, die aus der Stadt zurückzügeln wollen in unser Dorf», freute sich einer der örtlichen Projektinitiatoren.

Was ist die Summe des Abends? «Je mehr sich die Umsicht von einem normalen Architekturpreis abhebt, desto mehr ermutigen wir auch Fachleute aus Spezialgebieten der Planung, mitzumachen», betonte Stadtplanerin und Jurymitglied Barbara Zibell. 

Der Architekt David Munz fand die «Bandbreite an Eingaben» imponierend; als Projekt- und Gebäudemanager des Zürcher Flug­hafens ist er in einem technischen Metier zu Hause. «Aber es spricht für die Umsicht, dass mir heute Abend am meisten die Arbeiten gefallen haben, die eher vom konventionellen Bauverständnis wegführen», sagte Munz.

Stefan Cadosch nutzte sein Schlusswort, um Matthias Daum zu entgegnen: Sein kritischer Appell sei absolut berechtigt – der SIA ­müsse nach wie vor um seine politische Wahrnehmung kämpfen. «Wir sind aber seit vier, fünf Jahren viel politischer geworden als davor. Und ich verspreche: Wir bleiben dran, wir gehen diesen Weg weiter.» 

Die aus dem ganzen Land angereisten Gäste fühlten sich ­sichtlich wohl in den Saalfluchten des Landesmuseums. Wohltuend entbehrte der Anlass langatmiger Begrüssungsreden, umständlicher Verleihungszeremonien und anderer dramaturgischer Durststrecken – auch dank Monika Schärers ebenso souveräner wie geistreicher Moderation.

Weitere Infos zu den Auszeichnungen und Anerkennungen finden Sie hier. Die Projekte werden im wöchentlichen Rhythmus auf espazium.ch vorgestellt.

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