Neue Orte – sichtbare Schnitte

Die SIA-Tage 2018 haben die hohe Qualität und Vielfalt der Schweizer Architektur zum Ausdruck gebracht.

Frank Peter Jäger Redaktor des SIA

Rahel Uster Redaktorin im Team Kommunikation des SIA

Héloïse Gailing Selbstständige Architektin und Architekturvermittlerin

Die SIA-Tage sind eine ehrliche Wiedergabe des qualitativen Anspruchs, den die Planenden des SIA an ihr Schaffen haben. Und die Architekturschau lebt dank dem Engagement der SIA-Sektionen. Drei Schreibende schwärmten aus, betrachteten bauliche Massnahmen und Reaktionen der Menschen auf die neuen Orte und stellten fest: Die Bauten zeugen von hoher Qualität, Vielfalt und hoher Sensi­bilität für die künftigen Benutzer.

In Lausanne begannen die SIA-Tage mit der Besichtigung des Musée Historique, das von Brauen Wälchli Architectes renoviert und erst vor zwei Monaten wiedereröffnet wurde. Die Sektion SIA Waadt organisierte von diesem Gebäude aus einen Themenspaziergang, zu dem sich bei Türöffnung schon rund 40 Besucher versammelt hatten. Nach den ersten Erläuterungen, insbesondere zur Sgraffitoarbeit auf der Fassade nach einem Motiv, das sich im Museum wiederfindet, wurden zwei Gruppen für die Führung gebildet.

Während sich die eine Gruppe in Richtung des hellen, weissen Lichts der Säle für Sonderausstellungen aufmachte, besuchte die andere die Dauerausstellung in einer dunklen, gedämpften Atmosphäre. Einige kannten die Räumlichkeiten bereits, andere entdeckten sie neu. Alle schienen die neue Szenografie jedenfalls zu schätzen und sparten nicht mit Lob und Fragen an den Architekten, der die Beiträge der Arbeit seines Büros zum ursprünglichen Programm präsentierte: hier eine Aussicht, dort ein Garten … Die besonders Interessierten freuten sich schon, ins Museum zurückzukehren und sich dann Zeit zu nehmen, nicht nur das Gebäude, sondern auch seinen Inhalt zu geniessen.

Ästhetischer Schutz vor Hochwasser

Auf dem Murg-­Areal gleich neben dem Bahnhof Frauenfeld ist in einem langwierigen Prozess eine Überbauung mit drei Einheiten entstanden. Die Bewohner leben in 2.5- bis 3.5-Zim­mer-Wohnungen, die entweder zum Frauenfelder Bahnhof und Stadtkern ausgerichtet sind oder zum Fluss Murg, der als grüne Ader durch die Stadt verläuft und von Linden gesäumt ist. Eine begeisterte Bewohnerin öffnete für neugie­rige Besucher ihre Wohnung mit Balkon zum Fluss. Die Linden standen in Blüte, darin zwitschernde Vögel, Fahrradfahrer fuhren gemächlich vorbei … So beruhigend kann Wohnen mitten in der Stadt Frauenfeld sein – mit 40 Minuten Pendlerdistanz per Bahn nach Zürich.

Mit einfachen, aber wirkungsvollen Massnahmen, für deren Einsatz sich Burkhalter Sumi Architekten, Zürich, stark machen mussten, wurden Gebäude geschaffen, die in der mentalen Landkarte vieler Frauenfelder haften bleiben dürften: Le-Corbusier-Farben erstrahlen in versetzten Abfolgen auf den Seitenwänden der Gebäude. Das Farbenspiel in Rot, Ocker und Blau bestimmt auch die Veranden, die Treppenhäuser und die Rampen, die vom Vorplatz (gestaltet von Vogt Landschaftsarchitekten) zu den erhöhten Hauseingängen führen. Die Rampen waren keine Laune der Architekten, sondern sind ein hervorragendes Beispiel für ästhetischen Schutz vor Hochwasser, von dem Frauenfeld alle 300 Jahre heimgesucht werden könnte.

Wohlbehagen als Priorität

In Winterthur-Seen entstand auf einem Handwerksareal – in vierter Generation im Besitz der Familie Hagmann – eine atmosphärische Siedlung für Menschen in allen Lebensphasen. Mit sichtlicher Hingabe begleitete Christian Hagmann, einer der drei Hagmann-Geschwister und Bauherren, das Projekt seit 2009. Er entwickelte die Projektidee mit, wählte die Architekten (weberbrunner architekten und soppelsa architekten, Zürich) und betreute die Baustelle mit, bezog eine der 50 Wohnungen, führt die Verwaltung und gab an den SIA-Tagen Auskunft.

Während im Innenhof Kleinkinder im Badeanzug mit dem Gartenschlauch spielten, konnten die Besucher im fünften Stock von der Terrasse der Sauna über die Dächer Winterthurs blicken. Das Areal, erbaut nach den Richtlinien des SIA-Effizienzpfads Energie, ist exemplarisch für ein engagiertes Zusammenspiel von Bauherrn und Planenden, deren Priorität das Wohlbehagen der Bewohner ist. ­Diese haben sowohl Privatsphäre in hölzernen Aussenzimmern als auch Gelegenheit für Begegnungen im Innenhof, im Gemüsegarten, im Veranstaltungssaal und auf dem Sitzplatz unter einer Platane, bei der ein Baustellwagen steht, der als Kinderbibliothek dient.

Sichtbare Schnitte

In Windisch AG baute Nicolaj Bechtel vom Zürcher Büro Wülser Bechtel ein typisches dreigeschossiges Zweifamilienhaus aus den 1930er-­Jahren mit Satteldach um. Solche Umbauten gehören zum Alltagsgeschäft von Architekten, häufig auch mit Allerweltsergebnissen. Ein Grund mehr, einmal etwas zu wagen – zumal, wenn man das Haus der eigenen Schwester umbauen darf. Für deren vierköpfige Familie reorganisierten Wülser Bechtel den Grundriss so, dass aus den ursprünglich zwei Wohneinheiten eine grosse wird.

Aus Kostengründen wie auch aus ästhetischen Über­legungen beruht das Umbaukonzept vor allem auf der Subtraktion von Bauteilen – Wänden, kleinen Kammern, Teilen des Dachs und ein Stück Geschossdecke; pa­rallel dazu fügten die Architekten punktuell neue, raumdefinierende Einbauten vor allem aus Holz hinzu. Jedoch beliess Bechtel alle Spuren und Anschlüsse der herausgebrochenen Wände und Decken konsequent sichtbar; diese Bruchkanten wurden nur bereinigt und geweisst. Im Boden liess man die Fehlstellen anstelle entfernter Wände lediglich mit Unterlagsboden auffüllen. Somit bewahrt das durch geschickte Eingriffe luftig und grosszügig gewordene Haus die Erinnerung an seine frühere Gestalt.

Im Verzicht auf oberfläch­liche Kosmetik an den Schnittpunkten ihrer baulichen Eingriffe sehen die Architekten ein ästhetisches Kontinuum zwischen Vorher und Nachher. Das andere grosse Thema des Umbaus ist die Dramaturgie von Offen- und Geschlossenheit: Im geneigten Dach fügten die Architekten zwei grosse, markant aus der Dachhaut tretende Gauben ein, die das Dachgeschoss zum Himmel öffnen. Die Decke über dem neuen, zwei Räume vereinenden Wohnzimmer wurde entfernt; ein eingefügtes grossformatiges Fenster zum Garten unterstreicht zudem die Bedeutung des Wohnzimmers als neuer Mittelpunkt des Hauses.

Ein Projekt, das inspiriert und zu reden gibt – weil es gestalterisch etwas wagt, Standards hinterfragt und mit seiner Ästhetik der sichtbaren Schnitte erfrischend daran erinnert, wie ­Architektur bestehenden Räumen mit wenigen Mitteln eine ganz neue Identität geben kann.
 

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