Solothurner Schule

Projektwettbewerb Schulanlage Brühl – Neubau Doppelkindergarten und Tagesschule

In Solothurn soll ein Doppelkindergarten samt Tagesschule neu gebaut werden. Unter den rangierten Entwürfen siegt der Zugang von aussen über die innen liegende Erschliessung. Der Projektgewinn erlaubt dem ­erstrangierten Team kollektiv marudo die Bürogründung.

Mira Heiser Architektin

Wie derzeit viele Gemeinden hat die Stadt Solothurn ­Strategien für die Instandsetzung und Erweiterung ihrer ­Bildungsbauten entwickelt. Da für die Kindergärten Birkenweg und Tannenweg im Weststadtquartier eine Sanierung nicht wirtschaftlich sei und der Bedarf an Tagesschulräumen steige, hat die Stadt entschieden, auf dem Areal des Schulhauses Brühl (1992) den Neubau ei­nes Doppelkindergartens samt Tagesschule für 120 Kinder zu planen.

Die bestehende, stadionförmige Schule von Markus Ducommun ist umgeben von zweigeschossigen Wohnbauten. Ostseitig schliesst ein Wäldchen das eigentliche Schul­areal ab, hinter diesem liegen Sportplätze samt Fussballstadion. In ­einem einstufigen, anonymen Projektwettbewerb im offenen Verfahren wurden für das heterogene Umfeld in Bezug auf Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft nachhaltige Projekte gesucht. Diese sollten sparsam mit den Land­ressourcen umgehen – bei gleichzeitiger Ge­stal­tungs­plan­pflicht ab drei Geschossen – und eine optimale Effizienz der Nutz- im Verhältnis zu den Geschossflächen aufweisen. Die Teams aus Archi­tekten und Landschaftsarchitekten hatten die Aufgabe, identifikations- und kommunikationsfördernde flexible Räume zu entwerfen – bei bestmöglicher Belichtung und Akustik.

Das Wettbewerbsprogramm verweist dezidiert auf die hohe Bedeutung von Erschliessung, Flexi­bilität und Belichtung. Die rangierten Projekte interpretieren diese auf unterschiedliche Weise – auffallend ist, dass die ersten drei Ränge aussen liegende, gedeckte Haupt­erschliessungen entwerfen, während die Ränge 4, 5 und 6 innen liegende Erschliessungshallen ausbilden.

Ähnlich und doch anders

Das erstrangierte Projekt «Ecole de Soleure» von kollektiv marudo entwickelt einen variierend aus­kragenden, um das Gebäude lau­fenden Laubengang samt Treppen­anlagen, über den alle Haupträume erschlossen werden. Vorfabrizierte Betonstützen und Unterzüge strukturieren das Haus und ermöglichen, dass jeweils zwei der vier stirn­seitigen Tagesschulräume im Obergeschoss zu einem doppelt grossen Raum zusammenschaltbar sind. Zwei kompakt organisierte Gardero­benschichten, die Nebenräume und eine zusätzliche Treppe aufnehmen, schaffen auf das Minimum reduzierte Verbindungsräume.

Das zweitrangierte Projekt «Spielhaus» von IPAS Architekten reiht die geforderten Räume im Erdgeschoss unter einer auskragenden Holz-Beton-Verbunddecke aneinander. Die durch Nebenräume unterteilten Haupträume erstrecken sich von Ost nach West direkt zum Aussenraum und sind über fassadenseitige Enfiladen flexibel mit­einander verbunden. Durch den Verzicht auf innere Korridore weist das Projekt die geringste Fläche und das kleinste Volumen auf. Vor allem wegen der nicht genügend geschützten Aussenräume stellte die Jury die Eignung für die vorgesehene Funk­tion infrage.

Das drittrangierte Projekt «Bei Zwergen, Elfen & Waldtrollen» von Nuak führt einen diagonal verlaufenden, sich zu einem Hof öffnenden Korridor durch das rechteckige, eingeschossige Holzgebäude. Er separiert die Tagesschule vom Kin­dergarten. Durch den Verzicht auf innen liegende Korridorflächen entsteht ein Konglomerat an Haupt­räumen, die sich um die Neben­raumkerne gliedern und fliessende Raumfolgen erzeugen. Die resultierende Durchwegung der Haupt­räume führe gemäss Jury aus betrieblicher Sicht allerdings zu störenden Situationen.

Zu wenig effizient

Im Gegensatz zu den weitgehend nutzungsneutralen Räumen der ­ersten drei Projekte arbeiten die Ränge 4, 5 und 6 an einer Ausdif­ferenzierung des Innenraums mithilfe ihrer Erschliessungshallen. Dabei entstehen informelle Schwellen- und Zwischenräume, die neben den Garderoben zusätzlich Lern- und Spielräume schaffen und dabei einen wohnlichen Charakter an­nehmen. Nutzungsüberlagerungen und flexible Übergänge zu den Haupt­räumen werden möglich – das beheizte Volumen vergrössert sich damit allerdings.

Solothurner Schule

Das Kennwort des Gewinnerprojekts «Ecole de Soleure» weckt Assozia­tionen zur Themenwelt der «Solothurner Schule». Die Aktualität und das Potenzial ihrer Schulbauten liegt in der Raumbildung mit den Mitteln von Erschliessung, Flexi­bilität und Belichtung sowie durch das Zusammenspiel von Innen- und Aussenraum in Form offener und gedeckter Pausenräume.

Der Siegerentwurf überzeug­te die Jury vor allem durch seine «sehr gute Grundrissfunktionalität und die hohe Nutzungsflexibilität»; der Ausdruck der Fassadengestaltung, die natürliche Belichtung der Innenräume sowie die Licht- und Aufenthaltsqualität des Laubengangs müssten hingegen überarbeitet werden.

Die Gegenüberstellung der rangierten Projekte lässt indes die Frage aufkommen, ob die Tendenz zur aussen liegenden Erschlies­sung unter den hiesigen klimatischen Bedingungen, den organi­satorischen Anforderungen sowie einer räumlich-sozialen Vielschichtigkeit für ein wandelbares Gebäude modellhaft ist – zumal für eine Tagesschule, die für die Kinder auch ein zweites Zuhause sein soll.

Weitere Infos und Pläne unter competitions.espazium.ch

Interview mit Wettbewerbssieger Rafael Zulauf von «Kollektiv Marudo»

«Unverhoffter Gewinn»

Herr Zulauf, was waren die wich­tigsten Prämissen für den Entwurf «Ecole de Soleure»?
Am wichtigsten war sicherlich der Umgang mit dem Bestand von 1992 – einem spannenden, selbstbewussten Schulbau mit grosszügiger Umgebungsgestaltung. Diese Situation wollten wir nicht zerstören, sondern stärken und weiterstricken. Eine weitere Prämisse für unseren Entwurf waren die pädagogischen Erläuterungen in der Aufgabenstellung des Wettbewerbs und wie wir darauf eine architektonische Antwort finden können. Unsere Aufgabe ist es, für die zukünftigen Nutzer eine Struktur und ein Gefäss zu entwickeln, das der heutigen Zeit und Flexibilität an Lehr-, Lern- und Aufenthaltsräumen gerecht werden kann.

Was gab den Anstoss für das sprechende Kennwort?
Uns war schon bei vorangegangenen Wettbewerben wichtig, dass das Kennwort die Haltung des jeweiligen Projekts erahnen lässt. In diesem Fall der Schulhauserweiterung war es sogar eine Sammlung passender Analogien. Erstens ist es auf die bekannte «Solothurner Schule» mit den Architekten Fritz Haller, Franz Füeg, Max Schlup, Alfons Barth und Hans Zaugg zurückzuführen.
Zweitens haben die oben genannten Archi­tekten oft Projekte miteinander entwickelt, ohne dass sie ein gemeinsames Büro führten – genau wie wir bei der Wettbewerbseingabe.
Drittens, und das bezieht sich dann letztendlich auf die Idee des Entwurfs, soll die Schulhauserweiterung eine flexible, vorfabrizierte Struktur und mit ihr eine klare architektonische Haltung verkörpern.

Wie ist die Zusammenarbeit von «kollektiv marudo» entstanden?
Wir sind drei langjähige Freunde, die die Leidenschaft für Architektur teilen. Wir haben eine intensive Ausbil­dung an der ETH Zürich genossen, die uns geprägt hat. Diese Zeit hat uns immer wieder veranlasst, an offenen Architekturwettbewerben teilzunehmen. Nach einem zweiten Preis im vergangenen Sommer für einen Innenausbau eines Cafés im Zürcher Kreis 4 ist es uns dieses Frühjahr unverhofft gelungen, den offenen Wettbewerb für die Schulhauserweiterung Brühl in Solo­thurn zu gewinnen. Dieser Wettbewerbs­gewinn hat nun dazu geführt, dass wir unser eigenes Büro unter dem Namen «kollektiv marudo» gründen konnten.

Auszeichnungen

1. Rang / 1. Preis: «Ecole de Soleure»
kollektiv marudo, Baden; planivers Landschaftsarchitektur, Zürich

2. Rang / 2. Preis: «Spielhaus»
IPAS Architekten, Solothurn; Landschaftsar.ch, Attiswil

3. Rang / 3. Preis: «Bei Zwergen, Elfen und Waldtrollen»
Nuak, Zürich; Umland, Zürich

4. Rang / 4. Preis: «Das doppelte Lottchen»
phalt Architekten AG, Zürich; Neuland ArchitekturLandschaft, Zürich

5. Rang / 5. Preis: «dom-ino»
Zulauf & Schmidlin Architekten, Baden; Rainer Zulauf Landschafts­architekt, Baden

6. Rang / 6. Preis: «Alpak»
Aeschlimann Hasler Partner Archi­tekten, Zürich; Mettler Landschaftsarchitektur, Gossau

FachJury

Pat Tanner, Architekt, Biel (Vorsitz); Markus Ducommun, Architekt, Solothurn; Gudrun Hoppe, Land­schafts­­architektin, Zürich; Andrea Lenggenhager, Leiterin Stadtbauamt Solo­thurn; Lukas Reichmuth Chef Hochbau, Stadtbauamt Solothurn (Ersatz)

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