«Es gibt ei­nen wa­ch­sen­den Wun­sch, das Le­ben­di­ge in Grab­stät­ten zu in­te­grie­ren»

Die Bestattungsbräuche entwickeln sich weiter. Wie lassen sich die Friedhöfe von heute (und von morgen) unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Entwicklungen, ökologischer Aspekte und gesetzlicher Auflagen gestalten? Spaziergang über den Friedhof von Neuenburg mit Natacha Guillaumont, Projektleiterin des NFP 81-Projekts «Funerary Lives».

Data di pubblicazione
15-10-2026

Die Verstorbenen haben eine schöne Aussicht, auch die Lebenden. Natacha Guillaumont lehnt an der Brüstung des Besucherzentrums des Friedhofs Beauregard mit Blick auf den Neuenburgersee. Von hier aus kann man die Grabfelder erkennen, die sich in aufeinanderfolgenden Terrassen nach unten erstrecken und direkt ins Wasser zu fallen scheinen. Gegenüber wachen die Berge wie grosse, steinerne Schwestern über die Verstorbenen.

Neuenburg gehört zu den neun Gemeinden, die am Projekt des NFP 81 «Funerary Lives» teilnehmen. Unter der Leitung von Natacha Guillaumont, Professorin an der Hochschule für Landschaftsgestaltung, Ingenieurwesen und Architektur in Genf, untersucht das Projekt die Veränderungen im Bestattungswesen sowie die damit verbundenen Herausforderungen. Gemeinden, Bestattungsunternehmen, Betreiber von Friedhöfen und Krematorien, betroffene Bürger:innen: Sie arbeiten gemeinsam an konkreten Lösungen.

Natacha Guillaumont, warum haben Sie den Friedhof von Neuenburg als Ort für dieses Gespräch ausgewählt?

Der Friedhof Beauregard ist ein gutes Beispiel für einen historischen Friedhof, der sich im Rahmen umfangreicher Sanierungsarbeiten in jüngster Zeit teilweise neu erfinden musste. Er wurde in den 1880er Jahren angelegt und umfasst noch immer mehrere Bereiche mit Gräbern im alten Stil. Im Laufe der Zeit mussten Lösungen gefunden werden, um die Grabstätten mit kürzerer Nutzungsdauer sowie eine steigende Anzahl von Urnen auf möglichst elegante Weise zu integrieren. Und natürlich, um den trauernden Angehörigen Räume für den würdevollen Abschied anzubieten. Auch hinsichtlich der Bepflanzung galt es, einen Mittelweg zu finden zwischen dem ursprünglichen Konzept – das auf sorgfältig geschnittene, monumentale Bäume ausgerichtet war – und dem heutigen Gespür für Räume, in denen spontane Vegetation wie etwa Magerwiesen im Vordergrund stehen.

Wenn man gemeinsam mit der Landschaftsarchitektin die Wege auf dem Friedhof entlanggeht, ist der Kontrast in der Tat auffällig zwischen den älteren, dauerhaften Grabstätten, die ihre raffinierten Skulpturen zur Schau stellen, und den bescheidenen, säuberlich angeordneten Reihengräbern. Auch in den Stützmauern der Terrassen sind Urnen untergebracht. Ganz gleich, wie sie auf dem Friedhof ruhen – alle friedlichen Bewohnerinnen und Bewohner geniessen denselben Schutz durch die uralte Bäume. Wie so oft auf Friedhöfen findet man hier eine Mischung aus verschiedenen Baumarten: Nadelbäume wegen ihrer immergrünen Nadeln und Laubbäume, die den Kreislauf und die Wiedergeburt des Blattwerks symbolisieren.

Welches sind die auffälligsten Veränderungen in den Bestattungsbräuchen in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten?

Die bedeutendste Entwicklung ist zweifellos die Verbreitung der Feuerbestattung. Derzeit werden in der Schweiz etwa 90 % der Verstorbenen eingeäschert. Diese Änderung wirkt sich in mehrfacher Hinsicht auf die Verwaltung der Friedhöfe aus. Einerseits müssen neue Möglichkeiten für die Bestattung der Asche gefunden werden. Andererseits kann der durch die geringere Anzahl an Gräbern frei gewordene Platz anderweitig genutzt werden, beispielsweise für mehr und andere Begrünung. Eine weitere wichtige Entwicklung ist die Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse nichtchristlicher Menschen, unabhängig davon, ob sie einer anderen Konfession angehören oder konfessionslos sind.

Neben den gesellschaftlichen Herausforderungen legt das Projekt «Funerary Lives» den Schwerpunkt auf die ökologischen Aspekte, die mit der Art und Weise zusammenhängen, wie wir unsere Verstorbenen bestatten. Könnten Sie einige davon nennen?

Wir beobachten einen deutlichen Anstieg des Interesses an umweltfreundlicheren und naturnahen Formen der Bestattung und Einäscherung. So kommen neu Praktiken der Biokompostierung auf, auch wenn deren rechtlicher Status in den meisten westlichen Ländern noch geklärt werden muss. Als Beispiel sei die Terramation genannt, bei der der Leichnam in einen mit pflanzlichem Zerkleinerungsgut gefüllten Sarkophag gelegt wird, um dessen Zersetzung zu erleichtern. Bei der Humusierung sollen sich die sterblichen Überreste unter der Erde in fruchtbaren Humus verwandeln, indem sie mit pflanzlichem Häckselgut bedeckt werden. In der Schweiz hat das Swiss Human Institute of Forensic Taphonomy (SHIFT) Anfang 2026 ein Pilotprojekt gestartet, um diese zweite Methode zu erproben. Auch Bestattungsrituale inmitten der Natur werden beliebter. So entstehen immer mehr Friedwälder, in denen die Angehörigen eines Verstorbenen die Asche am Fusse eines Baumes beisetzen.

Haben diese neuen gesellschaftlichen und ökologischen Trends Auswirkungen auf die Gestaltung traditioneller Friedhöfe?

Oh ja. Ein gutes Beispiel hierfür ist Genf mit dem Friedhof Châtelaine, auf dem in Kürze ein Naturfriedhof eingeweiht wird. Personen, die dort ihre letzte Ruhe finden möchten, sowie ihre Angehörigen verpflichten sich, bestimmte Grundsätze einzuhalten: keine temporäre Konservierung der Verstorbenen, nur natürliche Materialien bei der Kleidung, ein Sarg aus einheimischem, unbehandeltem Holz, der zur besseren Zersetzung weniger tief vergraben wird, usw. Ein weiteres interessantes Beispiel ist der Friedhof Madretsch in Biel, der die Möglichkeit bietet, die Asche direkt in einem an die Anlage angrenzenden Waldfriedhof beizusetzen.

Abgesehen von Bestattungsritualen hat der Klimawandel auch Auswirkungen auf den Verwesungsprozess der Körper.

In der Tat. Der starke Rückgang der Artenvielfalt und der Anzahl der Insekten, die für die Zersetzung toter Körper sorgen, stört den gesamten Regenerationszyklus. Daher ist es erforderlich, die zulässige Mindesttiefe für die Bestattung von Leichen neu zu bewerten. In einem anderen Zusammenhang sind die Landschaftsgestaltungen auf Friedhöfen zu nennen. Aufgrund des gestiegenen Umweltbewusstseins wurde vor etwa zwanzig Jahren auf den Einsatz bestimmter Pflanzenschutzmittel verzichtet. Die Vegetation wird dadurch zwangsläufig verändert.

Wenig später, als wir einen Weg entlanggehen, der am Jardin du recueillement vorbeiführt – einer Grünanlage mit Bänken, die an einen Park erinnert –, zeigt Natacha Guillaumont auf einige Gärtner, die nicht etwa Pestizide sprühen, sondern in ihrer Arbeitskleidung in der Hocke sitzen und das Unkraut von Hand jäten. Die Forscherin holt eilig ihr Smartphone hervor, um diese Szene festzuhalten. Dann verlässt sie den asphaltierten Weg und biegt auf einen grasbewachsenen, feuchten Querweg ab, der an einem wild anmutenden Bach entlangführt. Der Kontrast zu den gepflegten Bäumen des 19. Jahrhunderts ist eklatant. «Es besteht ein echter gesellschaftlicher Bedarf an mehr Biodiversität in öffentlichen Anlagen», erklärt die Professorin.

In einigen Bereichen, durch die wir soeben spaziert sind, vergisst man fast, dass man sich auf einem Friedhof befindet. Man könnte meinen, wir wären in einem öffentlichen Park oder sogar mitten in der Natur.

Tatsächlich hat sich das Erscheinungsbild der Friedhöfe in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Ein erster Grund ist die Vereinheitlichung der Grabstätten: Sie sind insgesamt kleiner, schlichter und weniger auffällig. Darüber hinaus stelle ich fest, dass bestimmte Gemeinden den ernsthaften Willen haben, diese Grünflächen aufzuwerten und sie der Bevölkerung zugänglich zu machen. Im Ausland ist der Vestre Kirkegård in Kopenhagen ein besonders eindrucksvolles Beispiel. Dieser weitläufige Friedhof verfügt über breite, von Bäumen gesäumte Alleen und weitläufige Rasenflächen. Die Anwohner:innen kommen hierher, um zu lesen, zu picknicken und sogar joggen zu gehen.

Kurz gesagt: Haben wir daraus einen Ort zum Leben gemacht?

Wir sind noch nicht auf dem Niveau bestimmter südamerikanischer Friedhöfe, auf denen der Tod gefeiert wird. Es gibt jedoch einen wachsenden Wunsch, Lebendiges in die Grabstätten zu integrieren – vielleicht auch, um eine klare Trennung zwischen den «beiden Welten» zu vermeiden. In der Schweiz leistet die Stadt Bern in dieser Hinsicht grosse Anstrengungen. Ein Beispiel: Vor kurzem wurde ein Teil des Krematoriums auf dem Friedhof von Bremgarten in ein Restaurant umgewandelt, das für die breite Öffentlichkeit zugänglich ist. Sein Name sagt schon alles: La Vie.

Im Gegensatz zu Städten wie Bern fehlen vielen kleineren Gemeinden die Mittel und strukturierten Instrumente, um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen. Inwiefern könnte das Projekt «Funerary Lives» ihnen helfen?

Eine von uns im Jahr 2024 durchgeführte Vorstudie hat in der Tat eine grosse Differenz zwischen kleinen und grossen Gemeinden aufgezeigt. Erstere verfügen in der Regel nicht über eine Abteilung, die auf die Planung von Bestattungsritualen und die Gestaltung von Friedhöfen spezialisiert ist. Angesichts dieser heiklen Themen sind sie oft überfordert, zumal es auf nationaler Ebene eine Vielzahl unterschiedlicher Vorschriften gibt. Vertreter:innen der neun am Projekt «Funerary Lives» beteiligten Gemeinden sind direkt in die Forschung eingebunden. Sie stehen vor unterschiedlichen Herausforderungen, wie beispielsweise der Auswahl der Bepflanzung oder der Gestaltung des Friedhofs. In praktischen Workshops tauschen wir unser jeweiliges Wissen aus. Ergänzt werden diese durch die Beobachtungen von Kolleg:innen aus den Bereichen Anthropologie und Soziologie, die die Bedürfnisse der Bevölkerung und der Familien insbesondere im Hinblick auf Nachhaltigkeit ermitteln. Unser Ziel ist es, daraus konkrete Instrumente zu entwickeln, die den Gemeinden zur Verfügung stehen.

Wir machen einen Abstecher zum Quartier des 4 saisons, einem halb-anonymen Urnenfriedhof, auf dem der Name jedes Verstorbenen auf der Rückseite einer der vier blattförmigen Granitskulpturen eingraviert ist. Ein plötzlich einsetzender heftiger Regenschauer zwingt uns jedoch dazu, schnell ins Restaurant eines Pflegeheims in der Nähe zu flüchten.

Ist es nicht eigenartig, dass sich ein Pflegeheim direkt neben einem Friedhof befindet? Guillaumont bleibt gelassen: «Er grenzt ausserdem an eine Kletterhalle, mehrere Schulen und eine Kindertagesstätte», entgegnet sie. Mehrere lebensfrohe Generationen, die sich in den Alleen von Beauregard mit all jenen vermischen, die ihnen vorausgegangen sind.

Patricia Michaud ist freie Journalistin. Sie lebt und arbeitet in Bern. Als Tochter eines Bauingenieurs hat sie schon in der Kindheit ein Sensibilität für Baukultur entwickelt.

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