«Wir ha­ben ge­lernt, uns kei­ne Gren­zen zu se­tzen»

Ueli Brauen und Doris Wälchli führen seit 1990 das Büro Brauen Wälchli Architectes in Lausanne. Mit dem Projekt «Normandie», einer Umnutzung von Büros zu Wohnungen, haben sie für Aufmerksamkeit gesorgt. Im Gespräch sagen die beiden, was Bauen im Bestand für sie bedeutet.

Data di pubblicazione
13-05-2026

Bauen im Bestand zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Arbeit. Was reizt Sie daran? 

Wälchli: Das Weiterbauen im Bestand begleitet uns seit unseren Anfängen. Re-Use gehörte damals selbstverständlich dazu. Unser Grundsatz war immer: Wir verwenden wieder, was erneut einsetzbar ist. Dazumal war das Thema allerdings noch nicht so stark präsent. Heute wird es als eigenständige Disziplin gesehen: Man kann mit Umbauten Anerkennung erhalten, was früher schwieriger war. 

Hat sich der Begriff «Re-Use» im Verlauf der Zeit verändert?

Wälchli: Ich würde sogar sagen, er ist erst in der heutigen Zeit entstanden. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren Baumaterialien teurer als handwerkliche Arbeit. Daher wurden Backsteine nach dem Rückbau für neue Gebäude wieder benutzt, Dachstühle demontiert und an anderen Orten neu aufgebaut. Spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geriet aber die Wiederverwendung von Materialien in Vergessenheit.

Und heute? 

Brauen: Heute haben wir andere Sachzwänge wie beispielsweise die Klimaerwärmung. Dadurch rücken ökologische und kulturelle Aspekte stärker in den Fokus. Jegliche bauliche Aktivität verursacht CO₂. Umso wichtiger ist es, Emissionen so weit wie möglich zu reduzieren und Materialien wiederzuverwenden. Daraus kann eine eigene Form von Qualität und Schönheit entstehen. Gleichzeitig haben wir auch schon Gebäude abgerissen, wenn ein Umbau langfristig nicht tragfähig gewesen wäre. Denn eines darf man nicht vergessen: Das wichtigste Kriterium der Nachhaltigkeit ist für uns die Dauerhaftigkeit. Ein Gebäude, das bereits nach dreissig Jahren umfassend saniert werden muss, ist nicht sinnvoll.

Wälchli: Bauen im Bestand im städtebaulichen Kontext ist der Normalfall. Für das einzelne Objekt stellen sich aber oft finanzielle oder kulturelle Fragen. Es liegt am Architekten oder der Architektin, der Bauherrschaft den kulturellen Wert des Bestands aufzuzeigen. Häufig scheitert ein Projekt jedoch nicht am architektonischen Ausdruck, sondern an der strukturellen Substanz. Ist diese nicht durchdacht, erfordert es akrobatische Kopfarbeit, um unkonventionelle Lösungen zu finden.

Womit wir beim Thema CO₂ sind. Machen Sie für Ihre Projekte eine Ökobilanzierung?

Wälchli: Heute beginnt man, die graue Energie einzurechnen. Das ist eine positive Entwicklung. Bei unserem Projekt «Normandie» (Anm. der Redaktion: mehr zum Projekt am Ende des Interviews) in Genf wurde keine Ökobilanz verlangt. Das Bürogebäude wurde zu Wohnungen umgenutzt, weil es für die Bauherrschaft ökonomisch die interessanteste Option war. Ursprünglich wollte sie das Gebäude abbrechen und durch einen Neubau ersetzen. Dann wurde das Gebäude ins Inventar der schützenswerten Gebäude aufgenommen, ein Abbruch kam also nicht mehr in Frage. Ich denke, die Bauherrschaft hat durch dieses Projekt auch einen Sinneswandel durchgemacht sowie den Wert vom Verdichten im Bestand und von Umnutzungen erkannt.

Da waren also die wirtschaftlichen Interessen der Bauherrschaft und die kontextorientierten Überlegungen der kantonalen Denkmalpflege. Wie sind Sie mit den unterschiedlichen Akteuren umgegangen? 

Brauen: Zu den Denkmalpflegestellen in den verschiedenen Kantonen haben wir einen guten Zugang – sie unterstützen uns oft bei Argumentationen gegenüber der Bauherrschaft. Dabei hören wir nicht selten, dass wir in mancher Hinsicht noch orthodoxer seien als sie. Und das stimmt, wir lieben die Geschichte, und wir lieben die qualitätvolle bestehende Architektur.

Wälchli: Auch nachdem wir den Wettbewerb für das Projekt «Normandie» gewonnen hatten, bestanden Zweifel an der Bewohnbarkeit unserer Grundrisse. Wir bauten deshalb im bestehenden Gebäude ein Modell einer Wohnung aus Gipskarton im Massstab 1:1. So hatten wir die Gelegenheit, unsere ungewöhnlichen Grundrisse vor Ort zu testen und die Bauherrschaft und die Genfer Behörden von deren räumlichen Qualität zu überzeugen.

Der Bürokomplex «Normandie» wurde in den 1970er-Jahren von Jean-Marc Lamunière gebaut. Kannten Sie ihn persönlich?

Brauen: Ja, er war Professor an der ETH in Lausanne und wir besuchten einige seiner Vorlesungen. Entsprechend respektvoll gingen wir an die Aufgabe heran. Ich bin kein besonderer Liebhaber der Architektur der 70er-Jahre, aber dieses Gebäude war strukturell sehr interessant. Zudem verfolgte Lamunière mit seinem Bau auch bioklimatische Ideen im Zusammenhang mit der damaligen Ölkrise. Mit unserem Entwurf für die Umnutzung stiessen wir aber auch an unsere Grenzen. Wir fragten uns oft: «Wie sollen wir das lösen? Lamunière hätte niemals solche Wandschrägen eingebaut.»

Wälchli: Als wir den Bau zum ersten Mal sahen, fragten wir uns, wie wir damit umgehen sollen. Je länger wir uns jedoch damit befassten, desto bewusster wurde uns die sorgfältige Komposition und Gestaltung des Gebäudes. Mit unserem heutigen Eingriff, der eine zusätzliche Schicht hinzufügt, ist etwas Neues entstanden. Es handelt sich dabei nicht nur um einen Umbau, sondern es ist ein Mehrwert entstanden, der dem Gebäude neues Leben einhaucht.

Sie sprechen von den bioklimatischen Ideen aus den 70er-Jahren. Wie wichtig sind klimatische Überlegungen für Ihre Arbeit?

Brauen: Klimatische Überlegungen stehen bei unseren Projekten nicht im Vordergrund. Der Einbezug des Klimas gehört selbstverständlich dazu, wir verfolgen mit unseren Entwürfen aber einen ganzheitlichen Ansatz. Als wir zu Zeiten des Minimalismus aus klimatischen Gründen Vordächer gebaut haben, wurden wir belächelt. Heute entdeckt man den Nutzen des Vordachs wieder, es dient nicht nur dem Sonnenschutz, sondern auch zum Schutz der Fassade. So verhält es sich bei vielen unserer Ansätze.

Wenn Sie heute auf das Projekt zurückblicken: Gibt es fachliche Aspekte, die Sie neu sehen? 

Brauen: Wir haben gelernt, uns keine Grenzen zu setzen. Bei den ersten Skizzen ist Kreativität eine Voraussetzung. Sie ist nur dann möglich, wenn zunächst keine Einschränkungen gesetzt werden. Dabei entstehen zwangsläufig auch weniger überzeugende Ansätze; hier wirkt das Team als Korrektiv.

Die Wohnungsknappheit ist ein grosses Thema. Die Transformation von leerstehenden Büroflächen in Wohneinheiten kann entgegenwirken. Welche Hürden gibt es? 

Wälchli: Ich sehe vor allem Hürden in den verbindlichen Vorgaben. Bürogebäude liegen häufig nicht in Wohnzonen. Deshalb erfordern Umnutzungen Änderungendieser Grundlagen. Die damit verbundenen Kosten stellen eine zusätzliche Hürde dar. Der Investor muss bereit sein, zu warten, zu zahlen und mit den Gemeindebehörden zusammenzuarbeiten. 

Ich denke, dass unser Projekt «Normandie» eines der ersten Gebäude in der Schweiz war, das von einer Büronutzung zu Wohnzwecken umgebaut wurde. Heute zeichnet sich diesbezüglich ein klarer Trend ab.

Was ist Ihr Appel an die Politik? Was soll sich ändern?

Wälchli: Es braucht schnellere Verfahren. Die Anpassung der gesetzlichen Grundlagen dauert erfahrungsgemäss mehrere Jahre. Erst danach kann das Baugesuch eingereicht werden, dessen Genehmigung wiederum ein bis zwei Jahre in Anspruch nimmt.

Wie würden Sie Büros zum Bauen im Bestand animieren? Viele sagen wahrscheinlich, das sei zu anspruchsvoll. Wir bauen lieber auf der grünen Wiese…

Brauen: Da habe ich keine Bedenken. Es gibt heute eine junge Generation von Architektinnen und Architekten, denen der ressourcenschonende Umgang mit der gebauten Umwelt wichtig ist. Ihnen muss man nicht erklären, dass das Bauen im Bestand ein zukunftsweisender Ansatz ist. Wir hoffen jedoch, dass sie die ganzheitliche Sicht auf die Architektur nicht vergessen werden.

Lesen Sie auch: 
Artikel zum Projekt «Normandie»: Kontinuität in Geist und Form

Der SIA-Aktionsplan Klima, Energie und Ressourcen definiert Bauen im Bestand als eines von acht Handlungsfeldern. Das Bauen im Bestand und die Verlängerung der Nutzungsdauer sparen Ressourcen und Treibhausgase: SIA-Aktionsplan Klima, Energie und Ressourcen

Articoli correlati