Ler­nen über Bau­kul­tur – am ei­ge­nen Schu­lhaus

Schulen sind nicht nur Lern- sondern auch Lebensorte. In Schulhausarealen schlummert darum wertvolles Potenzial für baukulturelle Bildung. Dieses muss häufig noch aktiviert werden. 

Data di pubblicazione
19-03-2026
Eveline Althaus
Sozialwissenschaftlerin Mitglied des ETH Wohnforums – ETH CASE (Center for Research on Architecture, Society & the Built Environment)

Kinder und Jugendliche verbringen viel Zeit in Schulhäusern, Schulzimmern, auf Pausen- und Sportplätzen oder Schulwegen. An kaum einem anderen Ort können sie in ihrem Alltag deshalb so viel über Baukultur lernen wie rund um die eigenen Schulräume: Wie wirken verschiedene Raumsituationen und Materialien? Was machen Bauwerke, Freiräume oder wasser- und energietechnische Infrastrukturen aus? Wer entscheidet, wie ein Raum, zum Beispiel eine Schule oder der Pausenplatz, aussehen soll? In der Schule setzen sich Kinder und Jugendliche meist nur wenig mit solchen Fragen auseinander. Die baukulturelle Bildung will das ändern.

Raum als dritter Pädagoge

Raum wirkt als «dritter Pädagoge». Das hat die Reggio-Pädagogik um Loris Malaguzzi bereits in den 1960er-Jahren erkannt. Entsprechend diesem Ansatz sollen in Vorschulen und Schulen Räume mit hoher Qualität bereitgestellt werden, die Kinder zum Erkunden, Interagieren und sich begegnen einladen. Kinder sollen dabei nicht nur ein Bewusstsein für ihre Umgebung entwickeln, sondern auch Werte von Demokratie, sozialer Gerechtigkeit und Solidarität lernen.

Dass Raum essenziell für die Erziehung ist, zeigen Unterrichtsformen, die Wert auf die Raumgestaltung beim schulischen Lernen legen. Das «Churermodell» für die Primarstufe verabschiedet sich vom Frontalunterricht und denkt das Klassenzimmer neu. Es wird so umgestaltet, dass differenzierte Lernorte entstehen. Ähnlich ist das auch bei den «Lernlandschaften»in der Oberstufe. Hier arbeiten Schülerinnen und Schüler eigenständig an unterschiedlichen und individuell gestalteten Arbeitsplätzen. Ganz auf feste Sitzplätze verzichtet die «Classe flexible». Die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler stehen im Vordergrund. Mittels anpassbarer Raum- und Zeitgestaltung wird ein selbstgesteuerter Lernprozess gefördert. Die genannten Konzepte stellen alle anspruchsvolle Anforderungen an die Gestaltung von Schulraum – etwa an Akustik oder Raumgrösse und -flexibilität oder auch an die Nutzung von Nischen, Zwischen- und Schwellenräumen. 

Wie der Erziehungswissenschaftler Martin Viehhauser von der Universität Freiburg anlässlich der Archijeunes-Netzwerktagung im vergangenen November betonte, «wird in solchen Ansätzen das Klassenzimmer wie selbstverständlich pädagogisch eingesetzt – etwa durch Sitzanordnungen, Lern- und Arbeitszonen und Materialien im Raum.» Dazu kommen «grafische Signale, Regeln, Gebote, Verbote, Aufforderungen oder Weisheiten», die wie eine «linguistische Landschaft» wirken. Und trotzdem stellt Viehhauser fest: «Wie in der Schule eine bewusste Haltung dem Raum gegenüber entwickelt werden kann, die diesen nicht trivialisiert, ist noch eine offene Frage.» Auf diese Frage geht die baukulturelle Bildung ein, indem sie mit Kindern und jungen Menschen – genauso wie mit Erwachsenen – Lernprozesse über Baukultur gestaltet. 

Baukulturelle Bildung

Die baukulturelle Bildung will, dass sich Menschen fundiert mit ihrer gestalteten Lebensumwelt auseinandersetzen, um deren (Weiter-)Entwicklung mitzugestalten. Ein wichtiges Dokument, mit dem in Deutschland die baukulturelle Bildung gestärkt wird, ist die Potsdamer Resolution zur baukulturellen Bildung. Sie ist von der Bundesstiftung Baukultur an ihrem Konvent 2022 erarbeitet worden. Die Resolution hält fest: «Baukultur braucht die Fähigkeit aller, die gebaute Umwelt bewusst wahrzunehmen, zu reflektieren und aktiv zu gestalten.» Die drei Elemente – Wahrnehmen, Reflektieren und Mitgestalten – machen denn auch zentrale Lerndimensionen baukultureller Bildung aus. Um diese in Schulen anzuwenden, brauchen Lehrpersonen nicht weit zu reisen: Aufgrund ihrer unmittelbaren Lebensweltnähe eignen sich Schulräume hervorragend, um mit Kindern und Jugendlichen altersstufengerecht Baukultur zu thematisieren. 

Potenziale für die Grundbildung

Schulhausareale werden mit bestimmten Bildungs- und Architekturverständnissen gebaut und saniert. Sie entstehen im Rahmen von kommunalen Schulraumplanungen und unterliegen dabei auch politischen und demokratischen Entscheidungsprozessen. In der Nutzung beziehungsweise im Schulalltag lassen sie sich unterschiedlich bespielen und bis zu einem gewissen Grad auch verändern. Im Bestand wie auch bei Sanierungen erhalten Schulen teilweise die Möglichkeit, an der Gestaltung der Schulräume mitzuwirken. Dazu gehören Projekte, bei denen beispielsweise unter Mitwirkung von Schülerinnen und Schülern ein Pausenplatz erneuert oder bestimmte Schulräume oder Einrichtungen neugestaltet werden. Viel Potenzial für Lernprozesse mit Schülerinnen und Schülern bergen Vorprojekte in Phase Null. Die Montagsstiftung fördert seit vielen Jahren Projekte zur Entwicklung zeitgemässer Schulen. Sie hat dazu jüngst das Playbook «Phase Zehn» erarbeitet, das Schulgemeinschaften dazu einlädt, neue Schulräume zu erschliessen.

Partizipation bei der Schulraumentwicklung setzt Bereitschaft seitens der Entscheidungstragenden und gegenseitiges Verständnis zwischen allen Beteiligten voraus. Es braucht geeignete Instrumente, klare Kommunikation sowie ein entsprechendes Bewusstsein und Wissen über die Komplexität von Bau- und Planungsprozessen. Wenn Kinder und Jugendliche dabei erfahren, dass Umbauen und Neugestalten immer ein Resultat von Aushandlungsprozessen sind und nicht alle Partikularwünsche umgesetzt werden können, so leistet das auch einen Beitrag zur Demokratiebildung. Ebenso gibt es enge Zusammenhänge zur Umweltbildung und der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Angesichts der Tatsache, dass in der Schweiz derzeit viele Schulhäuser saniert oder neugebaut werden, eröffnet sich rund um den Kosmos Schulhaus ein breites und faszinierendes Lern- und Betätigungsfeld, das darauf wartet, noch genauer definiert und ausgearbeitet zu werden.

Die Archijeunes-Netzwerktagung hat sich Ende November 2025 dem Thema «Kosmos Schulhaus: Lern-Räume über Baukultur» gewidmet. Ein ausführlicher Tagungsbericht kann auf Archijeunes Netzwerktagung 2025 nachgelesen werden. Ebenso finden sich die Tagungsbeiträge – darunter auch der Beitrag des zitierten Martin Viehhauser – auf dem YouTube-Kanal von Archijeunes. Geplant ist nun, das Thema in einer Gesprächsreihe (Podcast) und Publikation noch weiter zu vertiefen.

Archijeunes: Baukulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche

Archijeunes setzt sich für baukulturelle Bildung in Schulen und ausserschulischen Lernorten in der ganzen Schweiz ein. Die Online-Plattform www.archijeunes.ch stellt dazu eine Vielzahl an Unterrichtseinheiten und Lernmedien zur Verfügung. Mit diversen Projekten vernetzt Archijeunes Akteurinnen und Akteure aus Bildung, Vermittlung und Baukultur und setzt sich für wissenschaftliche, pädagogische und politische Grundlagenarbeit zur Thematik ein. 2008 als Spacespot gegründet, hat sich der gemeinnützige Verein 2018 unter dem Namen Archijeunes neuformiert und wird seitdem vom Bund Schweizer Architekten und Architektinnen (BSA) und dem Schweizer Ingenieur- und Architektenverein (SIA) getragen. Ebenso wird Archijeunes vom Bundesamt für Kultur unterstützt. Projekte wie der «Kosmos Schulhaus» sind dank Förderbeiträgen und Spenden möglich.

Stadträume für Kinder

SIA inForm führt im kommenden Oktober ein Webinar zum Thema «Stadträume für Kinder planen» durch. Dieses sensibilisiert Planerinnen und Planer sowie Fachpersonen dafür, den urbanen Raum aus der Perspektive von Kindern zu betrachten. Im Fokus stehen die Bedürfnisse der jüngsten Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner: sichere Wege, zugängliche Freiräume, Orientierung und Lebensqualität. 

Weitere Informationen und Anmeldung zum Webinar: Planen für Kinder

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