Fri­sche De­si­gn­bri­se am Zü­ri­see

Im Kongresshaus Zürich fand vergangenes Wochenende die internationale Designmesse Blickfang statt. Rund 180 Designlabels aus der Schweiz und dem angrenzenden Ausland luden in den temporären Concept Store für unabhängiges Design.

Data di pubblicazione
21-11-2022

Auch bei der 26. Ausgabe des Events konnten die Produkte aus den Bereichen Möbel, Interior-Accessoires, Mode und Schmuck direkt vor Ort erworben werden. «Der Andrang unter den Herstellern auf einen Messestand war sehr gross», erklärte Blickfang-Gründer Dieter Hofmann. «Dabei sind wieder alte Hasen aus der Designbranche, aber auch viele neu zu entdeckenden Labels».

Gleich am Eingang empfing die Besucher:innen das Münchner Label Edition 33. Die Zahl 33 verweist dabei auf das Prinzip, nach dem neue Entwürfe für die Kollektion ausgewählt werden: Ein Möbel geht nur in Produktion, wenn bei der Markteinführung mindestens 33 Bestellungen eingehen. «Auf diese Weise wird nur produziert, was wirklich gefragt ist», erklärt Designer Max Neustadt. «Unnötiger Energie- und Logistikaufwand wird vermieden, Vertriebs- und Marketingstrukturen werden minimiert und Ressourcen geschont.»

Erstes Produkt der Kollektion war «Adhoc», ein Stufenhocker aus Eschenholz. Das Kleinmöbel ist vielseitig einsetzbar – von der Sitzgelegenheit am Esstisch über den Nachttisch bis zum Tritthocker. Multifunktional ist auch der Entwurf «Tangens». Der filigrane Beistelltisch aus Stahl besteht aus zwei sich ergänzenden Elementen. Die ineinander verschlungenen Rahmen bilden eine konstruktive Einheit und kombinieren geschickt ihre funktionalen Fähigkeiten. Die beiden Griffpaare, mit denen der gesamte Tisch oder auch nur das Tablett bewegt werden kann, machen das Möbel zum praktischen Helfer. Die Edition überzeugte auch die Jury des Blickfang-Preises «Future Forward».

Vielseitig einsetzbare Möbel

Multifunktionalität wurde auf der diesjährigen Ausgabe der Blickfang gross geschrieben. Auf der Sonderfläche «Kidas» zeigt Carolin Hackers Label Architect Mum Produkte, die über das Verfallsdatum eines Kindermöbels hinaus bestehen. Das Design ist zeitlos, die Materialien simpel, natürlich und langlebig. So ist der Holztisch «Ikigai» zunächst ein Waschtisch für kleine Kinder, wird dann zum Maltisch und schliesslich zum Nachttisch im Elternschlafzimmer.

Die Münchner Industriedesignerin Olivia Herms, ehemalige Mitarbeiterin im Studio von Konstantin Grcic, hat mit ihrem Label Bada & Bou drei tierische Freunde fürs Wohnzimmer entwickelt, die zugleich Hüpfball, Schaukel und Wagen sind. Im Stand nebenan zeigte das Label Benni’s Nest handgemachte mobile Babybetten aus Zirbenholz. Ist das Kind einmal aus dem Babybett herausgewachsen, kommt das Möbel als Spielzeugkiste, Sitzbank oder Nachttisch zum Einsatz, der Zirbenduft sorgt für ein schlafförderndes Raumklima.

In der Schweiz heisst die Zirbe Arve und prägt das Label Raïna. «Arve, anders gedacht», heisst der Slogan der Manufaktur aus Tscherlach. Ralph Steiner will das Arvenholz vom Heimatstil befreien. Das Resultat sind zurückhaltende Möbel in kleinen Auflagen wie der Hocker «Milk». Das Holz stammt aus dem Val Müstair und wird lokal auf Bestellung hin verarbeitet. Ganz im Sinne der Kreislaufwirtschaft: Mit dem Verschnitt der Produktion wird auch die Werkstatt der Schreinerei beheizt.

Für die reduziert gestaltete Kollektion wurde auch «Raïna» mit dem «Future Forward»-Award ausgezeichnet. Die Auszeichnung ging zudem an das Zürcher Studio Krach, das einen Entwurf nach einfachem Prinzip präsentierte. Hinter dem Label stehen der Designer Lukas Baumgartner und der Schreiner Severin Meier. Ihr Stuhl «Sihl« – erhältlich in den Farben U-Boot-Gelb, Schaumrosa, Tiefblau und Bachgrün – wird aus lokalen Hölzern mitten in Zürich gefertigt. Der Kreuzzargenstuhl aus massiver Eiche kombiniert eine runde Sitzfläche mit einer geraden Rückenlehne. Neu gibt es den Stuhl auch mit gepolsterter Sitzfläche: Der von Hand gewobene Bezugsstoff stammt von der Zürcher Textildesignerin Vera Bruggmann.

«Ein Regal aus Holz. Nur aus Holz», damit wirbt Studio Noun an seinem Stand. Das Zürcher Architekturbüro, das sich «Sustainable Strategies for Human-Centred Architecture» verschrieben hat und Häuser aus natürlichen Materialien baut, spannte dafür mit der auf leimfreie Möbel spezialisierten Schreinerei Lindauer zusammen. Denn das Regal «001» ist völlig ohne Leim und Metall gefertigt:  Es besteht aus simplen Platten aus 100 Prozent lokalem unbehandeltem Eschenholz. Der Clou liegt im versteckten Detail: Die einzelnen Bretter fügen sich per ausgeklügeltem Klick-System zusammen.

Das so einfache wie nachhaltige Regal gibt es in verschiedenen Breiten und Höhen, die zeitlose Gestaltung aus Tablaren und Stangen ermöglicht einen leichten und raschen Aufbau ohne zusätzliches Werkzeug. Durch die Modularität kann das Regal mit seinen Aufgaben wachsen oder aus einem Regal werden im Handumdrehen zwei. Neu gibt es auch eine mit japanischer Tinte behandelte Variante.

Algen und Weidengeflecht

Nachhaltig sind auch die Produkte des Zürcher Labels Kollektiv vier. Die Textildesignerinnen Eva Zuberbühler, Johanna Widmer und Mirjam Huwiler entwickeln seit 2014 gemeinsam textile Produkte für das Bad. Wie den Badteppich «Moos», der rezyklierte Jersey-Abfälle in einen strukturierten Entwurf verwandelt. Nun haben sie ihre Kollektion für das Schlafzimmer erweitert. Die Fixleintuchkollektion, gefertigt aus Leinen und Baumwolle, erzählt mit einem Dessin aus Blüten und Wolken vom Sommer.

Von Algen lässt sich dagegen die Textildesignerin Estelle Gassmann inspirieren. Fasziniert vom Schaffen des Algologen Américo Teles reiste die Luzernerin in die Bretagne, wo sie Algen pflückte, präparierte und trocknete. Eingescannt und auf Stoff gedruckt schmücken die Algen ihre jüngste Bettwäsche-Kollektion «Algas Marinhas». Ganz sanft scheinen die zarten Unterwassergewächse sich auf das Jacquard-Gewebe in Weiss und Grün zu legen.

Das Berner Label Baruch dagegen bringt Kunsthandwerk aus Kolumbien in die Schweiz. So unter anderem Gartenmöbel von Tucurinca, einem Familienunternehmen aus Santa Marta in Kolumbien. Bei der Herstellung werden die Traditionen der Region beibehalten und Materialien der Region verwendet. So ist der «Classic Artesano Rocker« aus Weiden- oder Yaré-Fasern geflochten. Die Struktur wird mit elektrostatischer Farbe beschichtet, die Wippen aus Móncoro-Holz verleihen dem Stuhl Glanz.

Eine Entdeckung auf der Blickfang war das Label Altherrundaltherr. Gründerin ist Johanna Altherr, Enkelin von Alfred Altherr Junior (1911–1972). Dieser prägte die moderne Schweizer Architektur als Designer, Architekt, Museumsdirektor, Dozent und Ausstellungsgestalter sowie als Mitinitiant der Auszeichnung «Die Gute Form» und als Geschäftsführer des Schweizerischen Werkbunds SWB.

Bereits in jungen Jahren konnte Alfred Altherr Junior bei der Firma Embru in Rüti seinen ersten Entwurf einer Stahlrohrliege ausführen und sammelte einschlägige Erfahrungen während seines Praktikums bei Le Corbusier und Pierre Jeanneret in Paris. Sein bekanntester Entwurf ist die Landi Bank, die er 1939 gemeinsam mit Charles Hoch entwarf. Johanna Altherr hat nun Re-Editionen aus dem Nachlass ihres Grossvaters neu aufgelegt, so eine Stehleuchte aus dem Jahr 1953, die ein drehbarer Aluminiumreflektor und ein charakteristischer Dreifuss prägen. «Die Bestellung von mehreren Dutzend Leuchten von Mijong Architecture and Design für deren neues Interiorkonzept im Hotel du Barrage im Val d’Hérens bei Sion gab den Ausschlag für die Neuauflage», erklärte Johanna Altherr. Man darf gespannt sein auf weitere Wiederentdeckungen des Altmeisters.