«Aus al­lem mö­gli­chem kann et­was Neues en­tste­hen»

Das Material ändert seine Bestimmung: Die niederländische Künstlerin Madelon Vriesendorp macht aus Abfall heitere Kunstobjekte. Aber eigentlich ist sie wütend auf eine Gesellschaft, die so viel konsumiert und wegwirft.

Data di pubblicazione
29-09-2020
Caspar Schärer
Architekt, Publizist und Raumplaner; Generalsekretär BSA und Co-Kurator der Biennale svizzera del territorio (ehemals: Biennale i2a)

Frau Vriesendorp, in Ihrem Kunstprojekt «Iconoplast» rezyklieren Sie Plastikverpackungen zu bunten, fröhlichen Objekten wie Blumen und Tierchen. Welche Absicht steckt hinter dieser Aufwertung von Abfall?

Wissen Sie, es fällt mir sehr schwer, Sachen wegzuwerfen. Ich bin in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Wir hatten kaum etwas, alles war wertvoll. Der Mangel macht erfinderisch. Aus allem möglichem kann etwas Neues entstehen: In Südamerika soll es ein ganzes Orchester geben, dessen Instrumente aus Material von Abfallhalden zusammengebaut wurden. So etwas ist doch wunderbar! In dem Sinne verstehe ich meine Arbeit nicht als «hohe Kunst», sondern eher in einem bodenständigen Sinn, so wie sich die brasilianische Architektin Lina Bo Bardi für das Vernakuläre und die lokale Volkskunst interessierte.


Was passiert mit dem Material, wenn es sich von der leeren Verpackung zu Kunst verwandelt?

Es ist in der Tat eine Verwandlung. Das Material ändert seine Bestimmung. Besonders mag ich es, wenn man nach der Transformation nicht mehr erkennt, was es vorher war, zum Beispiel eine Flasche. Ich habe unzählige Flaschen gesammelt und Hunderte von Dingen daraus gemacht – Blumen, Vögel, Elefanten, Schwäne. Wenn ich eine Flasche oder eine andere Verpackung sehe, fängt meine Vorstellungskraft gleich an zu arbeiten und dann gibt es kein Halten mehr. Wichtig ist mir auch, dass mich meine Arbeit unterhält und sogar zum Lachen bringt. Aber ich muss an dieser Stelle anfügen, dass ich ziemlich wütend bin auf unsere eitle Gesellschaft, die so viel komplett unnötigen Mist konsumiert und wegwirft. Dieser Wahnsinn muss aufhören!


Wie geht Ihr Umfeld, etwa die Kunst- und Architekturszene, mit dem Thema der Wiederverwendung um? Sind Klima, Energie und Recycling ein Thema?

Oh ja. Ich kenne einige, die das sehr beschäftigt sind, darunter besonders viele Architektinnen und Architekten. Und die jungen Leute sind echt besorgt. Ich arbeite gelegentlich mit dem Londoner Kollektiv Assemble zusammen. Das sind engagierte Aktivistinnen und Aktivisten, die Architektur als ein viel grösseres Thema verstehen als nur Häuser zu bauen. Eine junge Künstlerin aus Italien, Elisa Muliere, machte mich kürzlich mit dem Begriff «upcycling» bekannt. Das Wort gefällt mir, ich kannte es vorher nicht. Es bedeutet, dass eine Sache durch die Transformation einen anderen oder sogar mehr Wert erhält.


Wo sehen Sie kulturelles und künstlerisches Potenzial von Re-Use in der Architektur?

Man sollte wieder lernen, naiv auf die Dinge zu schauen – wie die Kinder. Einfach mal hinschauen und sich inspirieren lassen. In jedem Gegenstand steckt ein kulturelles Potenzial, ob er nun nagelneu, gebraucht oder gar «nur» eine Verpackung ist. Wie so oft braucht es die Künstlerinnen und Künstler, um dieses Potenzial zu sehen und zum Leben zu erwecken, aber eigentlich könnten wir es alle selbst.

Madelon Vriesendorp nimmt virtuell an der Podiumsdiskussion «The Way Things Go: Reassembling Pieces» im Rahmen der Schweizer Biennale des Territoriums teil.

Schweizer Biennale des Territoriums: Re-Use

Die dritte Ausgabe der «Biennale svizzera del territorio» (ehemals: Biennale i2a)  widmet sich vom 1. bis 3. Oktober dem Thema Re-Use.

 

An drei Tagen werden bei Konferenzen, Ausstellungen, Filmvorführungen und Stadtspaziergängen zwischen Wissenschaftlern, Urbanisten, Architekten und Landschaftsarchitekten Projekte für die Wiederverwendung von Stadtteilen, Gebäuden und Brachflächen vorgestellt und diskutiert.

 

 

Informationen und Anmeldung:
www.biennale.i2a.ch

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