Die ge­stelz­te Flie­se

Data di pubblicazione
07-09-2017
Revision
07-09-2017

Der Reisebericht einer Redak­tionskollegin aus Portugal und die Bilder von prachtvoll gekachelten Häusern erinnern mich daran, dass Keramik bei uns eben erst wieder gross in Mode ist. Kaum ein Gebäudesockel wird gebaut, der nicht mit «Plättli» zu­ge­klebt wäre. Zunehmend werden sogar ganze Hauswände von unten bis oben mit Fliesen abgedeckt. Die Vorteile – ein besserer Schutz gegen Feuchtigkeit oder ein Kontrast zum meist bie­deren Kompaktfassaden-­Groove – haben sich in Architekturkreisen offensichtlich herumgesprochen.
Im Gegenzug muss die richtige Anordnung erst ästhetisch abge­wogen werden. Liegen die Kacheln quer, sind sie zumeist bündig, ­damit auch ja kein gemauertes Bild vorge­gaukelt wird. Aber selbst wenn einem, wie oben im Bild, das vertikale, geflieste Wandmuster einer muralen Stapelei unmittelbar begegnet, verstört dieser Anblick: Während das Haus links solide auf dem Backsteinsockel ruht, hält sich der Nachbar rechts auf statisch fragilen Stelzen gerade.
Zugegeben: Die Wahrnehmung von Architektur ist immer subjektiv und folgt oft keinen theoretisch geschulten Regeln. Dennoch ist zu bedauern, dass sich bei uns viele gekachelte Hausfassaden mit einem reformatorischen Ausdruck be­gnügen, anstatt die barocke Geste der Azulejos nachzuahmen.
 

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