Be­son­dere Bedürf­nisse, be­son­dere Be­din­gun­gen

Quartier für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, Murten

In Murten entsteht ein neues Quartier: Die Heinz Schöffler Stiftung plant Wohnungen und Dienstleistungen für beeinträchtigte und hilfsbedürftige Menschen. Den offenen einstufigen Wettbewerb konnte der Zürcher Gregor Honold für sich entscheiden. Für den jungen Architekten ist dies das Sprungbrett in die Selbstständigkeit.

Date de publication
23-09-2026
Tina Cieslik
Korrespondentin Architektur/Innenarchitektur espazium magazin

Mit Knäckebrot und Salzbrezeln zu bezahlbarem Wohnraum für alle – was nach einer kuriosen Kombination klingt, wird demnächst im freiburgischen Murten umgesetzt. Dort hatte die Heinz Schöffler Stiftung 2025 einen Wettbewerb ausgeschrieben für ein generationsübergreifendes, inklusives Quartier mit bezahlbaren Wohnungen.

Heinz Schöffler führte ab 1949 die von seinem Vater Leopold Schöffler 1939 in Murten gegründete Roland Murten AG, bekannt für Salzgebäck und Dauerbackwaren. 2002, vier Jahre vor seinem Tod, gründete er die nach ihm benannte Stiftung mit dem Ziel, Menschen in Not unter die Arme zu greifen, etwa auch mit bezahlbarem Wohnraum. Im konkreten Fall soll dieser auf dem ehemaligen Privatgrundstück der Schöfflers am See zu liegen kommen, zwischen Schloss und Schwimmbad und mit Blick auf den Mont Vully. Die drei Parzellen mit einer Gesamtfläche von rund 10 000 m2 sind teilweise bebaut, die vier Bestandbauten – darunter das einstige Wohnhaus der Familie – liegen am östlichen Rand, zur Ryfstrasse hin.

Weitere Infos zum Wettbewerb finden Sie auf competitions.espazium.ch

Gegen Nordwesten fällt der Hang steil zur Schwemmebene des Sees ab, eine Folge der Ersten Juragewässerkorrektion, die den Seespiegel absenkte. Der Uferbereich ist geschützt und liegt ausserhalb der Bauzone, sodass die bebaubare Grundfläche rund 7000 m2 umfasst. Die Bestandsbauten beherbergen aktuell Wohnungen sowie die Büros der Stiftung. Bis auf das westlichste, das ehemalige Poolhaus, sollen sie erhalten bleiben und waren nicht Gegenstand des Wettbewerbs. Letzteres ist wegen seiner nicht mehr relevanten Funktion sowie aufgrund seines Gesamtzustands für den Abbruch vorgesehen.

Eine Bedarfsanalyse ergab, dass auch in Murten günstiger Wohnraum Mangelware ist. Die Stiftung beschloss, dafür einen parzellenübergreifenden Wettbewerb auszuschreiben. Das Programm sah flexibel nutzbaren Wohnraum vor, etwa für ältere Menschen, psychisch oder körperlich beeinträchtigte Personen oder auch für Jugendliche in schwierigen Verhältnissen. Dazu kamen eine Kindertagesstätte und ein Ort des Austauschs, der auch für die Nachbarschaft zugänglich sein sollte. Zudem sollte eine «conciergerie sociale» eingeplant werden, eine Anlaufstelle, die die Bewohnenden bei Anliegen aller Art – von der Steuererklärung bis zu Reparaturen – unterstützen und eventuell auch Arbeitsplätze für einige der Bewohnenden bieten soll.

Unterschiedliche Flughöhen 

38 Büros nahmen an dem einstufigen offenen Wettbewerb nach SIA 142 teil – wobei offen relativ ist, durften sich doch nur Schweizer Büros mit SIA- oder BSA-Mitgliedschaft anmelden.

Die Stiftung wünschte sich vor allem Ideen auf konzeptioneller Ebene für die vier genannten Bereiche: Wohnungen, Kita, «conciergerie sociale» und öffentlicher Begegnungsort. Von Interesse war auch die rollstuhlgängige Verbindung der durch die Hanglage topografisch getrennten Bereiche zwischen dem Bestand an der Ryfstrasse und der bebaubaren Zone im unteren Teil des Grundstücks sowie der generelle Zugang, der über den Aussenbereich des Schwimmbads im Westen zu erfolgen hat. 

Während für die Wohnungen lediglich die gesamthaft geforderte Fläche und eine sinnvolle Aufteilung in verschiedene Typen nachzuweisen waren und es keine besonderen Anforderungen zu erfüllen gab, etwa im Hinblick auf körperliche Einschränkungen der Bewohnerschaft, war die Abgabe der Entwürfe bis ins Detail reglementiert. So verlangten die Initiantinnen, auf Visualisierungen zu verzichten. Die Abgabe hatte in Papierform und nach einem genauen Planschema zu erfolgen und selbst die maximale Papierstärke war vorgegeben. 

In einer Frage-Antwort-Runde konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer offene Punkte deponieren, etwa die Frage, warum auf diesem sensiblen Grundstück keine Teams mit Landschaftsarchitektinnen und -architekten zu bilden waren und die Disziplin auch nicht in der Jury vertreten war. Die Stiftung vertrat hier die Meinung, das architektonische Konzept stünde zu diesem Zeitpunkt der Planungen im Vordergrund – dies trotz der zu klärenden Erschliessung, der differenzierten Aussenräume und der anspruchsvollen Topografie.

Punkte, Riegel, Bogen, Schlangen

Die Teilnehmenden konzentrierten sich also auf die architektonische Umsetzung des Raumprogramms. Eine Mehrheit löste die Aufgabe mit zwei bis neun Punktbauten. Viele unter ihnen wählten eine um 90° gedrehte Firstlinie zum See. Die Anordnung erstaunt, sind die benachbarten Gebäude doch mehrheitlich parallel zum Ufer platziert. Einige Büros entschieden sich für mäandernde oder gebogene Freiformen und einige wenige für Riegelbauten. 

Einer davon, der Entwurf Cabane du Lac des Architekten Gregor Honold aus Zürich, machte das Rennen, interessanterweise mit einer stark landschaftsarchitektonisch geprägten Idee. Der Entwurf sieht vor, das bestehende Poolhaus durch einen Neubau zu ersetzen, der sich mit seinem Walmdach an die Nachbarbauten auf dem Grundstück anlehnt und zugleich den Zugang zum Gelände markiert. Im Sockel ist die Kita untergebracht. Nordwestlich davon platzierte er zwei parallel zur Ufer­linie angeordnete dreigeschossige Riegelbauten, vom Bestand durch einen aufgeschütteten Aussenbereich getrennt. Darunter liegt die Tiefgarage. Mit diesem Kniff entschärft der Verfasser die Hanglage, schafft einen semiöffentlichen Aussenbereich und bettet die Neubauten in die Landschaft ein, während sie von der Stras­­se aus nur zweigeschossig erscheinen. Die Aussicht bleibt für den Bestand erhalten. 

Die namensgebende Cabane bezieht sich auf die Erschliessung der Einheiten. Jede Wohnung hat einen eigenen Aussenbereich und damit eine eigene Adresse. Mehr Reihenhaussiedlung als Grossstruktur oder eben auch: eine Aneinanderreihung und Stapelung einzelner Wohneinheiten, mit denen sich die künftigen Bewohnenden identifizieren können.

Mit Cabane du Lac hat sich die Jury für ein Projekt entschieden, dem es gelingt, das eher vage gehaltene Programm in eigenständige, angemessene Architektur zu übersetzen und darüber hinaus auch die Aussenräume zu ordnen. Dass der Siegerentwurf von einem noch jungen Büro stammt, ist der ironische Twist in diesem sehr auf Sicherheit und Regelkonformität ausgelegten Wettbewerb.

Quartier für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, Murten
Offener einstufiger Architekturwettbewerb 

 

1. Preis (Fr. 40 000): «Cabane du Lac»
Gregor Honold, Zürich

 

2. Preis (Fr. 30 000): «Abbraccio»
Architektur: Schmid Schärer Architekten, Zürich; Landschaftsarchitektur: Lars Ruge Landschaften, Zürich

 

3. Preis (Fr. 25 000): «Riva»
Architektur: raumbüro, Zürich; Tragwerksplanung: Tomas Boyle + Partner, Zürich; HLKSE-Planung: Amstein + Walthert, Zürich

 

4. Preis (Fr. 20 000): «Pain d’Anis»
Chablais Fischer Architectes, Estavayer-le-Lac

 

5. Preis (Fr. 12 000): «Mont-Ryf»
Architektur: ARGE 0815 Architekten & Aviolat Chaperon Escobar, Freiburg; Landschafts­architektur: RELIEF architecture du paysage, 
Delémont

 

6. Preis (Fr. 10 000): «Huriya»
RBRC architectes, Fribourg

 

7. Preis (Fr. 8000): «Priscilla»
Winkelmann Haymoz Architektur, Murten

 

Fachjury
Manuel Gysel, Architekt, Zürich; Alexis Maeder, Architekt, Bern (Ersatz); Claudia Schermesser, Architektin, Münchenstein; Doris Wälchli, Architektin, Lausanne

 

Sachjury

Regula Mader, Präsidentin Schöffler Stiftung (Vorsitz); Daniela Nussbaumer, Stiftungsrätin Schöffler Stiftung; Kaspar Sutter, Stiftungsrat Schöffler Stiftung (Ersatz)

 

Vorprüfung
Urfer Architekten, Freiburg

 

Auftraggeberin
Heinz Schöffler Stiftung

Sur ce sujet