Fünf Häu­ser re­pa­rie­ren die Stadt

Umbau und Sanierung, Kaiserhaus, Bern

Nach langjährigem Umbau haben Aebi & Vincent Architekten das Berner Kaiserhaus als Begegnungsort und städtische Manufaktur zurück­gebracht. Das denkmalgeschützte Ensemble denkt das traditionelle Kaufhauskonzept neu und setzt einen Gegenpol zum Konsumtempel.

Date de publication
14-08-2026

Was wäre die Berner Altstadt ohne ihre charakteristischen Lauben? Hier flanieren Passantinnen und Passanten an den zahl­reichen Schaufenstern vorbei, trinken Kaffee und jeder scheint Zeit für einen Schwatz zu haben.

Teil des Gefüges ist das Kaiserhaus an der Markt- und Amthausgasse. Einst Herz des städtischen Handels, zog es seit seiner Eröffnung 1904 durch den Kaufmann Wilhelm Kaiser breite Bevölkerungsschichten an und prägte das Leben in der Innenstadt über Generationen. Das Ensemble besteht aus ehemals fünf Altstadthäusern, die sich heute an den historischen Fassaden ablesen lassen. Das älteste Gebäude aus dem Jahr 1842 ist die ehemalige Burgerliche Mädchenschule an der Amthausgasse. Dieses erwarb die Firma Kaiser & Cie. ab 1923 zusammen mit dem ab 1909 erbauten Vier-Jahreszeitenhaus an der Markgasse.

Der Innenhof, einst ein Werkhof für Wagenbauer, wurde damit zur rückwärtigen Erschliessungszone eines der bedeutendsten Warenhäuser der Stadt. Nachdem die Familie Kaiser das Kaufhaus im Jahr 1971 an die Schweizer Nationalbank (SNB) verkaufte, verlor das Haus im Zuge eines tiefgreifenden Umbaus seine Grosszügigkeit zusehends. So entstand im Erdgeschoss eine verschachtelte, enge Ladenpassage, die sich über die Jahre zu einem Unort entwickelte, den die Berner Bevölkerung mied.

Im April dieses Jahres kehrte das Kaiserhaus nach sechs Jahren Umbauzeit als städtische Manufaktur und gesellschaftlicher Angelpunkt zurück. Der versiegelte Asphalt der Lauben zieht sich durch die jederzeit zugänglichen Passagen bis in den gepflasterten Innenhof und unterstreicht den öffentlichen Charakter. Mittig an der Strassenfassade angeordnet, treffen die Durchgänge im Innenhof asymmetrisch aufeinander; genau so, wie auch die Altstadt nach Notwendigkeit und Gelegenheit über Generationen gewachsen ist.

 In den Obergeschossen entstanden Büros, unter dem Dach Wohnungen – wie es die Berner Bauordnung in der Altstadt bis heute vorschreibt, um das Quartier lebendig zu erhalten. Im Unter-, Erd- und ersten Obergeschoss befinden sich Läden, Gastro und das Moneyverse der SNB.

Mit Fragmenten zur harmonischen Einheit

2012 schrieb die SNB einen geladenen Wettbewerb aus, an dem sechs Büros teilnahmen. Aebi & Vincent Architekten gingen beim Verfahren als Siegerteam hervor. Das Berner Architekturbüro setzte sich mit seiner Haltung, die Verschiedenheit der einzelnen Häuser am Bundesplatz 1 und des Kaiserhauses sichtbar und erlebbar zu machen, gegen die Konkurrenz durch. Ihr Entwurf folgt dem Prinzip, das Kaiserhaus als historisch gewachsenes Stadtfragment wahrzunehmen, anstelle eines einheitlichen Neubaus hinter alten Fassaden.

Das Team studierte historische Pläne und rekonstruierte die statische Logik der Häuser: Während die Fassaden im Erdgeschoss vollständig erneuert wurden, blieben diejenigen in den Obergeschossen weitgehend bestehen. Wo historische Dokumentation vorlag, stellte das Büro die Elemente präzise wieder her. So etwa die einstigen Bögen mit ihren Säulen und den darüberliegenden Lochfassaden im Innenhof. Beim Stahlbau aus den 1970er-Jahren suchten die Architekten zum Innenhof hin eine zeitgemässe Erscheinung, die auf historischen Prinzipien beruht: doppelgeschossiger Sockel mit horizontalen Stürzen in weissem Sichtbeton, darüber gefasste Fenster in schachbrettartig verputzter Fassade.

Mit gezielten Eingriffen zu grosser Wirkung

Den Innenhof öffneten die Planenden für die Öffentlichkeit; eine Geste, die in der oberen Berner Altstadt selten geworden ist und gleichzeitig Fehler aus der Vergangenheit ausbügelt. Die neue Pflasterung ist rollstuhlgängig und frostsicher. Intarsien, die von Stütze zu Stütze verlaufen, unterteilen die Fläche optisch. Kaum sichtbar auf den Dächern installiert, hat der Bieler Künstler Rafael Hefti, mit Atelier in Zürich, sieben Glasprismen auf den Innenhof ausgerichtet, die je nach Sonnenstand wandernde Spektralfarben auf die Innenhoffassaden und den Platz projizieren. Die künstlerische Intervention teilt die zeitlose, selbstverständliche und feinfühlige Haltung der Architektur.

Im Innenraum durchbrachen die Architekten auf zwei Ebenen die Decken und schufen damit Sichtverbindungen über drei Geschosse. Unter den Lauben Gehende sehen so ins Ober-, Erd- und Untergeschoss; von innen nehmen die Besuchenden den Trubel auf Stadtebene wahr, sehen Busse und Trams vorbeiziehen. Das Untergeschoss fühlt sich neu an wie der Keller der Altstadt: Backsteinwände in alten Formaten, an der Decke Beton mit einer Bretterschalung und am Boden der gleiche Gussasphalt, wie man ihn auch von den Lauben kennt. Die Schalungsrichtung wechselt stets um 90 Grad, sobald man von einem Fragment des Ensembles zum nächsten wechselt. Das erleichtert die Orientierung in einem Haus, das keine durchgehende Raumlogik kennt.

Wie tief das Kaiserhaus tatsächlich in den Boden reicht, bleibt offen: Die SNB gibt aus Sicherheitsgründen keine Auskunft. Früher zumindest dürften sich in den Untergeschossen Gold­tresore und das Münzsortierzentrum befunden haben.

Manufaktur statt Warenhaus

Eine zentrale Frage, die Aebi & Vincent Architekten und die SNB früh im Prozess stellten, lautete: Wie funktioniert ein Kaufhaus heute und was für ein Erlebnis soll es bieten können – ausser Konkurrenz zum Onlinehandel?

Rolltreppen gibt es im Kaiserhaus keine. Wer es besucht, soll durch die Etagen streifen, den Ort entdecken und sich dabei unweigerlich verlangsamen. Entstanden ist eine Manufaktur, in der vor Ort produziert wird und Rohstoffe, wenn möglich, aus der näheren Umgebung kommen. Im Haus befinden sich unter anderem eine Massschneiderei, ein Keramikatelier, ein Goldschmied, eine Bäckerei, ein Deli sowie die Brasserie Kaiser mit ihren hohen historischen Räumen. Dazwischen liegen Ateliers und Werkstätten für Reparatur und Veredelung sowie kleine Pop-up-Stores.

60 Labels tragen gemeinsam als Mitinhaber der Kaiserhaus Handelz AG das wirtschaftliche Risiko. Die Kreislaufwirtschaft ist ein Betriebsprinzip: Die Einbauten bestehen aus Re-Use-Elementen und sind auf Demontage ausgelegt. An der Decke läuft ein Schienensystem, das Wechsel im Verkauf, Kurse und Veranstaltungen ermöglicht. 

Hier lesen Sie den Beitrag zum Globus Basel, der ein gegensätzliches Verkaufskonzept verfolgt.

Das Verkaufskonzept knüpft an die ursprüngliche Idee des Kaufhauses an, als Wilhelm Kaiser hier ab 1904 einen Ort schuf, an dem sich die Stadt selbst begegnete. Ein Lift mit Sofa, die pneumatische Kassenanlage und das elegante Verkaufspersonal verwandelten das heute denkmalgeschützte Ensemble zum Treffpunkt der ganzen Stadt. Diesen Geist wollten das Architekturbüro und die Eigentümerin zurückbringen. Das neue Kaiserhaus soll ein Ort sein, an dem Konsum wieder menschlich wird, die Bevölkerung ins Gespräch kommt und an dem sich entdecken lässt, was anderswo nicht zu finden ist.

Einen eigenen Schwerpunkt bildet das Moneyverse, ein Besuchszentrum der SNB in Zusammenarbeit mit dem Bernischen Historischen Museum. Auf mehreren Geschossen beleuchtet es das Phänomen Geld aus vier Perspektiven: historisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und auch persönlich.

Vierzehn Jahre haben Aebi & Vincent Architekten das Projekt geführt. Umso mehr Genugtuung, wenn sich zeigt, dass Stadtgeschichte das präziseste Entwurfswerkzeug sein kann, das Architektinnen und Architekten zur Verfügung steht. Das neue Kaiserhaus funktioniert: Seit der Eröffnung im April ist die Brasserie jeden Tag gut besucht, in den Läden zirkulieren neugierige Besuchende und den Innenhof hat die Berner Bevölkerung mit offenen Armen empfangen.

Umbau und Sanierung, Kaiserhaus, Bern


Fertigstellung
2026


Bauherrschaft
Schweizerische Nationalbank


Architektur und Baumanagement
Aebi & Vincent Architekten SIA AG, Bern


Tragkon­struktion
Planergemeinschaft Emch + Berger, Bern; WAM Planer und Ingenieure AG, Bern


HLKS-Planung und Brandschutz
Amstein + Walthert Bern AG


Elektroplanung
Bering AG, Bern


Bauphysik und Akustik
Gartenmann Engineering AG, Bern


Sicherheitsplanung
Amstein Walthert Sicherheit AG, Buchs


Lichtplanung
vogtpartner, Winterthur


Fassadenplanung
Emmer Pfenninger Partner AG, Münchenstein


Kunst am Bau
Felice Varini (Brasserie); Raphael Hefti (Innenhof) 


Signaletik
sofies Kommunikationsdesign AG, Zürich

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