Tit­lis To­wer – vom Richt­strahl­turm zum neuen Aus­sichts­punkt

Herzog & de Meuron transformierten zusammen mit Schnetzer Puskas Ingenieure den markanten Richtstrahlturm zu einem neuen touristischen Magneten in den Schweizer Bergen.

Date de publication
09-07-2026

Der 3238 m hohe Titlis ist ein beliebtes Wintersport- und Ausflugsziel in der Innerschweiz und zählt zu den international bekanntesten Tourismusdestinationen der Schweiz. Die Bergstation aus den 1960er-Jahren genügte den heutigen Anforderungen nicht mehr. Sowohl die begrenzten Raumverhältnisse als auch die veraltete Ver- und Entsorgungsinfrastruktur führten zu betrieblichen Einschränkungen und erschwerten effiziente interne Abläufe. 

Die über Jahre gewachsene Anlage war betrieblich aufwendig, logistisch anspruchsvoll und in ihrer Substanz stark beansprucht. Nach rund 60 Jahren Betrieb unter extremen klimatischen Bedingungen war ihre Nutzungsdauer in vielerlei Hinsicht erreicht. Mit dem Projekt «Titlis» wird die bestehende Infrastruktur grundlegend optimiert und erneuert. Ziel war ein klar strukturiertes Gesamtsystem, das Betrieb, Unterhalt und Logistik vereinfacht. 

Weitere Beiträge zum Thema Stahl finden Sie in unserem digitalen Dossier.

Künftig soll die Anlage ohne fossile Energieträger betrieben werden und Lösungen für Wasser, Abwasser und Entsorgung direkt vor Ort integrieren. So entsteht eine kompakte, langfristig tragfähige Infrastruktur, die den Anforderungen des Standorts und der neuen Nutzung gerecht wird.

Turm für die Öffentlichkeit

Herzog & de Meuron wurden 2017 beauftragt, im Rahmen eines Masterplans die Bergstation zu erneuern und dabei auch den bestehenden Richtstrahl- und Antennenturm in das touristische Angebot zu integrieren. Der oberirdisch rund 50 m hohe Turm wurde ursprünglich als Infrastrukturbauwerk für die militärische Telekommunikation errichtet. Über einen unterirdischen Verbindungstunnel ist er mit der Bergstation verbunden. Aufgrund seiner exponierten Lage wurde er 1983 mit einer aussergewöhnlich robusten Konstruktion gebaut: Ein tief im Felsen eingespannter Stahlbetonkern, ein massiver Sockel und ein äusserst steifes Stahltragwerk mit vier stählernen Ecktürmen bilden die Grundlage. 

Die Ecktürme sind mit horizontalen Raumfachwerken verbunden und bilden aussteifende Rahmentragwerke. Heute wird nur noch der oberste Bereich des Turms für Antennenanlagen genutzt. Darum entschieden sich die Planenden für eine Umnutzung. Das statische Ziel war, die vorhandenen Tragreserven der bestehenden Struktur gezielt zu nutzen und ressourcenschonend durch ergänzende Elemente weiterzuentwickeln.

Seit seiner Eröffnung Ende Mai 2026 ist die Struktur eine öffentlich zugängliche Attraktion mit Restaurant, Uhrenboutique und Aussichtsplattform. Die Besuchenden erreichen sie aus dem neuen Bergkristall-Gebäude – dieses befindet sich noch im Bau und soll 2029 eröffnet werden – über den unterirdischen Stollen oder oberirdisch über Gehwege. Die vier Ecktürme führen zur Aussichtsplattform, wobei zwei als Fluchttreppen dienen und zwei die neuen Lift­anlagen aufnehmen. 

Der bestehende, vier­geschossige Betonsockel beherbergt als Eingangs- und Verteilgeschoss neben den wettergeschützten Besuchererschliessungen auch technische Nutzungen sowie eine Pisten­fahrzeughalle.

Fachwerk überall

In die bestehende Struktur schieben sich zwei horizontale, weit auskragende Raumfachwerke in Stahlbauweise, die den Turm kreuzförmig überlagern und ihm seine markante neue Silhouette verleihen. Diese beiden Raumvolumen wirken statisch als raumhohe Vierkantrohre und sind in effizienter Stahl-Fachwerkbauweise hergestellt. Sie sind 12 m breit, 6 m hoch und kragen beidseitig 12 m weit aus. 

Um die Lasten über die Stahltürme in den Baugrund ableiten und den Bestand aufgrund der erhöhten Anforderungen aussteifen zu können, erweitern räumliche Fachwerke ebenfalls die dreieckigen Fachwerkecktürme. Der untere Baukörper beherbergt einen eine Uhren­boutique, im oberen ist ein Restaurant mit 120 Sitzplätzen untergebracht. Grosszügige Verglasungen eröffnen eindrückliche Panoramablicke in die alpine Landschaft. 

Die Materialisierung orientiert sich am Bestand und an den extremen klimatischen Bedingungen des Berges. Ver­zinkter Stahl, Beton, Glas, Aluminium und Chromstahl prägen das Erscheinungsbild. Dabei prägt die Tragstruktur die Architektur mit. Dr. Kevin Rahner, verantwortlicher Partner bei Schnetzer Puskas Ingenieure, sagt über den Entwurfsprozess: «Wir durften von Anfang an intensiv mit den Architekten im Dialog am Ausdruck des Gebäudes mitwirken, damit die Architektur und die Tragstruktur insgesamt eine gemeinsame Sprache sprechen.» 

Im Inneren bleiben bestehende Strukturen bewusst sichtbar und ergeben eine technisch geprägte Atmosphäre. Das Restaurant wiederum ist vollständig mit Holz ausgekleidet und bildet einen warmen Kontrast zur rauen Umgebung. Gekrönt wird das ambitionierte Projekt von einer öffentlich zugänglichen Aussichtsplattform mit uneingeschränktem 360°-Rundblick. Von hier aus lässt sich auch der fortlaufende Wandel der Gipfelinfrastruktur beobachten, die bis 2029 gesamtheitlich modernisiert, optimiert und ökologisch und betrieblich erneuert werden soll.
 

Titlis Tower, 
Engelberg, Schweiz 
 

Bauherrschaft
Bergbahnen Engelberg-Trübsee-Titlis, Engelberg 
Architektur
Herzog & de Meuron, Basel
Bauleitung
Caretta & Weidmann, Zürich (ab 06.2025)
Architektur & Baumanagement, Stans (bis 05.2025)
Tragkon­struktion
Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel
Stahl-/Metallbau 
H. Wetter, Stetten; (Subunternehmer: RUCH Metallbau, Altdorf)
HLKS-Planung
Stokar + Partner, Basel
Bauphysik
MBJ Bauphysik + Akustik, Kirchberg (ab 2024)
brücker+ernst gmbh, Luzern (bis 2024)
Elektroplanung
Stromplan, Stans
Fassadenplanung
Emmer Pfenninger Partner, Münchenstein
Brandschutzplanung
Gruner, Basel
Gebäudevolumen (SIA 416)
21 500 m3
Höhe
75 m (komplett)
Geschosse
11

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