Blickfang Stahl
Der Querschnitt erinnert an ein Schweizerkreuz und entwächst einem grünen Steilhang. Verputzte Häuser und die alte Steinkirche bilden die Nachbarschaft. Der Stahl des ungewöhnlichen Mehrfamilienhauses in Daro ist auffällig, fügt sich aber erstaunlich gut in die Landschaft ein.
Die Baustellenbilder erinnern an den Hollywood-Schriftzug. Sticht die Stahlkonstruktion doch etwas pittoresk in den Himmel über Bellinzona. Nur ist die Tessiner Landschaft natürlich bedeutend einladender als die Wüstengegend der Hollywood Hills.
Felsanker halten die betonierten Fundamente, aus denen stählerne Türme wachsen, im Steilhang, die als HEB-220-Träger ausgeführten Stützen sind mit HEB-200-Querschnitten verbunden, doppelte U-Profile steifen die Konstruktion aus.
Eine stählerne Rahmenkonstruktion verbindet die Türme in Längsrichtung des Gebäudes. Der Obergurt läuft dabei über die Stützenenden hinweg, die Untergurte sind zwischen sie eingepasst. Angeschweisste, senkrechte und diagonale Streben steifen den Rahmen aus. Da das HEB-200-Profil der Ober- und Untergurte gedreht montiert ist, werden diese auf ihrer schwachen Achse belastet.
Von dieser brückenartigen Konstruktion gehen die Auskragungen in Querrichtung aus. Tal- und bergseitig sind sie symmetrisch, was dem Gleichgewicht der Konstruktion zugute kommt. Zwischen den Türmen, in denen die Wendeltreppen verlaufen, liegen durchgängige Stahlträger in Querrichtung. Sie spannen mit mehr als 10 m Länge über das komplette Gebäude. Die dazwischen liegenden Kragträger sind an der Längskonstruktion des Stahlbaus festgemacht. In Querrichtung des Gebäudes ergibt dies eine kreuzförmige Konstruktion, die auf der Bergseite fast das Gelände berührt.
Auf der Talseite erstreckt sich dem Gebäude entlang ein aufgeständerter Balkon, darunter verläuft der Erschliessungsweg als Zugang zu den Wohnungen. Auch der Balkon ist als Stahlbau konzipiert. Stützen, Träger, Geländer und die vom Weg hinaufführenden Treppen glänzen in verzinkter Ausführung. Auch die Untersicht des Balkons ist stählern: Ein Trapezblech bildet die Unterlage für den hölzernen Fussboden. Diese Untersicht setzt sich auch bei den Auskragungen fort. Die Decke über dem Balkon ist ebenfalls ein Trapezblech – ein stählerner Himmel sozusagen.
Den Abschluss der Auskragungen bildet eine Fachwerkkonstruktion – natürlich aus Stahl. Die Gurte sind zwei U-Profile, zwischen die Stahlrohre als Diagonalen eingeschraubt sind. Diese Konstruktion nimmt die Aussteifung in Längsrichtung auf und bildet dabei gleichzeitig die charakteristischen Blickfänge sowohl für Aussenstehende als auch für die Bewohnenden. Anfangs war dieses Tragwerk noch im Innern des Gebäudes geplant, wurde dann aber letztlich aussen vor der Glasfassade umgesetzt.
Die Stahlträger und -stützen im Innern des Gebäudes bleiben sichtbar. Schwarz gestrichen bilden sie in Kombination mit dem hellen Holz der Decken ein elegantes Ensemble. Befürchtungen, dass Stahl im Innern eine gewisse Kälte ausstrahlt, dürften unbegründet sein. Zum einen ist das Tessiner Klima mild, zum anderen wird das Wärmespeichervermögen von Stahl gerne unterschätzt. Seine spezifische Wärmekapazität c beträgt zwar nur 0.5 kJ/kg K (Stahlbeton = 1.1, Wasser = 4.19), allerdings wird diese durch die hohe Dichte wieder wettgemacht. Auf das Volumen bezogen kommt Stahl fast auf das gleiche Wärmespeichervermögen wie Wasser. Ist der Träger also im Winter erst einmal warm, wirkt er auch als kleiner Wärmespeicher im Raum. Warme Gefühle für Stahl im Wohnungsbau sind daher durchaus möglich.
Zur Architektur des Gebäudes empfehlen wir den Artikel «Im Dialog mit der Topografie» von Matteo Moscatelli.
Mehrfamilienhaus, Daro TI
Bauherrschaft
Archetipo Immobiliare, Monte Carasso
Architektur
Guidotti Architetti und Andrea Frapolli Architetto, Monte Carasso
Tragkonstruktion
Pedrazzini Guidotti, Lugano
Unternehmen
Ennio Ferrari, Lodrino; GR Costruzioni, Monte Carasso; Joda metalcostruzioni SA, Castione
Bauphysik
Gilardi Sandro, Giubiasco
Landschaftsarchitektur
Pasinelli cura alberi, Pregassona