Alternatives Wohnen im Einfamilienhausquartier
Neubau und Umbau, Wartenbergstrasse 47, Pratteln
Das Einfamilienhaus ist eine wunderbar private Wohnform, meist aber nur für eine kurze Lebensphase. Wenn die Kinder ausgezogen sind, bleiben die Eltern oft, weil sie kein vergleichbares Angebot im Gemeinschaftswohnen finden. Eine Wohngenossenschaft möchte diese Lücke nun schliessen und hat dazu in Pratteln einen Wettbewerb ausgeschrieben.
Als bebaubarer Raum noch in Hülle und Fülle vorhanden war und Einfamilienhäuser als Wohnform beliebt und finanzierbar waren, wurde die knapp 30 × 80 m grosse Parzelle an der Wartenbergstrasse 47 in Pratteln mit einem freistehenden Einfamilienhaus besetzt. Heute, fast 90 Jahre später, sieht die Realität anders aus und die Bebauung der Umgebung spiegelt das wider: Dicht aneinander drängen sich Ein- und Mehrfamilienhäuser auf Kleinstparzellen.
Statt üppiger Gartenflächen reicht die Restfläche mal für ein Abstandsgrün, mal für einen Sitzplatz, den präzise gestutzte Hecken begrenzen. Das Grundstück mit dem Haus Nummer 47 ist dazwischen mit der benachbarten Nummer 45 eine Ausnahme, denn beide sind im Gegensatz zur Umgebung nur minimal bebaut und abwechslungsreiche Gärten charakterisieren die Parzellen.
Nachhaltiges Mehrgenerationen-Wohnen
Dass die gemeinnützige Genossenschaft Gewona Nord-West das Grundstück der Wartenbergstrasse 47 im Jahr 2024 übernehmen konnte, war ein Glücksfall, der es ermöglicht, den Blick auf neue Wohnformen und Baukonzepte zu richten. Die Liegenschaften der Genossenschaft verteilen sich bisher auf 29 Standorte in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft, 370 Wohnungen sind damit in ihrer Verwaltung. Die Genossenschaft baut nicht nur neu, sondern setzt sich auch dafür ein, dass Wohnhäuser der Spekulation entzogen und Siedlungen nachhaltig entwickelt werden.
Als Eigentümerin möchte die Gewona Nord-West das Grundstück nun sinnvoll nachverdichten, dabei aber die Bebauung als ein gemeinschaftliches Wohnangebot auf jene ausrichten, die sich in der dritten Lebenshälfte befinden und offen für die Qualitäten des Mehrgenerationenwohnens sind.
Breites Wohnangebot mit viel Freiraum
Der offene und einstufig ausgelobte Projektwettbewerb richtete sich an Teams aus den Fachbereichen Architektur und Landschaftsarchitektur. Aufgabe war, die Parzelle, die entsprechend einer vorgängigen Studie Platz für zehn bis zwölf Wohnungen bietet, neu zu strukturieren und zu bebauen. Aus den 73 Einreichungen wählte die Jury den Beitrag von OAEU ArchitektInnen und Conrad Kersting, in Zusammenarbeit mit dem Basler Landschaftsarchitekturbüro zwikr studio, zur Weiterbearbeitung und Ausführung aus.
In deren Beitrag «Lindenstrasse» sah sie den Wunsch der Bauherrschaft nach einem Mehrgenerationen-Konzept, bei dem der Garten ein zentraler und integrativer Teil bleibt, am besten erfüllt. «Das neue Programm fügt sich ruhig und unaufgeregt in die örtliche Bebauungsstruktur ein und schafft so ein stimmiges Ensemble für gemeinschaftliches (Alters-)Wohnen in Pratteln», urteilt die Jury. Es handle sich «um einen ungemein feinfühligen Vorschlag, der auf vielen Ebenen durch seine Angemessenheit» besticht.
Die Architektinnen schlagen einen Neubau aus Holz mit flachem Doppelpultdach vor, der parallel zur westlichen Parzellengrenze steht. Da das längliche und im südlichen Teil verspringende Gelände die baulichen Optionen einschränkte, wählten viele Wettbewerbsteilnehmende diese Lage. Die Wohnungen erreicht man von der Gartenseite aus über zwei freistehende Treppen oder per Lift. Während auf der Westseite des Neubaus lediglich ein Trampelpfad zwischen Bäumen und Sträuchern durch einen schmalen Grünbereich führt, ist der östliche Garten vielfältiger: Obstbäume und Beete sind hier genauso angedacht wie eine Sitzecke, eine Wildblumenwiese und ein Hühnergehege. Je nachdem, wie die Abgrenzung zum Nachbargrundstück gestaltet wird, kann der Eindruck eines grossen, zusammenhängenden Grünraums vermittelt werden.
Den Schlussbericht und weitere Details finden Sie auf competitions.espazium.ch
Die Grundrisse im Neubau sind in Erd- und Obergeschoss gleich: Als Eingangsraum dienen Küche und Essbereich, dahinter schliessen direkt zwei oder drei Aufenthaltsräume an. Einen von diesen können die Bewohnenden, öffnet man die Doppelflügeltür ganz, bei Bedarf dem Hauptraum zuschalten. Im Dachgeschoss, das in Längsrichtung um eine Achse schmaler ist, kommen zwei 2.5-Zimmer-Wohnungen unter, die man über einen kombinierten Wohn-, Ess- und Küchenbereich betritt.
Jeder Wohnung im Haus ist gartenseitig ein Sitzbereich auf der Veranda zugeordnet, der Privatheit genauso ermöglicht wie den Sichtkontakt zur Nachbarschaft. Während die klare Strukturierung der Grundrisse die Jury überzeugte, gab ihr die Materialität der Innenräume zu denken: Im Kontrast zur naturbelassenen Aussenwirkung schlagen die Architekten eine dunkle und glänzende Innenwelt vor, die in der Überarbeitung des Projektes noch überprüft werden soll.
Ensemble-Charakter weiterbauen
Obwohl der Erhalt des bestehenden Wohnhauses offen war, entschied sich etwa die Hälfte der Teams, darunter auch die Erstplatzierten, für dessen Erhalt und Sanierung. Mit kleinen Eingriffen und einer sanften Überarbeitung werden Charakter und Wirkung des Gebäudes erhalten. Als Familienhaus oder Gross-Wohngemeinschaft ergänzt es das Angebot auf dem Grundstück. Östlich davon erstellen die Architektinnen einen neuen Gemeinschaftspavillon, der die Nordseite zur Wartenbergstrasse abschliesst und den Zugang zur Parzelle schützt.
Das Siegerprojekt erfüllt alle Kriterien, die der Bauherrschaft wichtig waren – zwischen der guten Ausnutzung der Fläche, preisgünstigen Wohnungen und der Schonung des Grünraums. Für die elf Parteien wird dereinst ein grosszügiges Freiraum- und Gemeinschaftsangebot bestehen, das zugleich ein privates Bijou im Quartier bleibt. Falls das angrenzende Grundstück mit der Hausnummer 45 eines Tages weiterentwickelt oder neu beplant wird, wird sich zeigen, inwiefern die nun geplante Neubebauung auch alleinstehend funktioniert.
Neubau und Umbau, Wartenbergstrasse 47, Pratteln
Einstufiger Projektwettbewerb im offenen Verfahren
1. Rang / 1. Preis: «Lindenstrasse»
ARGE OAEU ArchitektInnen, Zürich, und Conrad Kersting, Basel; zwikr studio, Zürich
2. Rang / 2. Preis: «Reto Martha Giorgio»
sample+, Zürich; Eder Landschaftsarchitektur, Zürich
3. Rang / 3. Preis: «Totoro»
ARGE Eckert Höppner Wahl, Zürich; StudioPass, Zürich
4. Rang / 4. Preis: «Sattelschlepper»
Teilzeit Kollektiv, Zürich; Studio Koppj, Zürich
5. Rang / 5. Preis: «Intermezzo»
ARGE Kochhäuser + Vaynberg, Zürich
6. Rang / 6. Preis: «When the ship comes in»
ARGE Rico Bürkli & Patrick Meyer, Basel; Perma Terra, Bäretswil
Fachjury
Salomé Gohl, Landschaftsarchitektin, Basel; Tobias Huber, Bauingenieur, Basel; Dominique Salathé (Vorsitz), Architekt, Basel; Natalia Wespi, Architektin, Basel (Ersatz); Claudia Visa, Gemeinde Pratteln
Sachjury
Michele Cordasco (Ersatz); Franziska Geiser-Bedon; Lukas Gruntz; Kai Sänger, alle Gewona Nord-Ost
Auftraggeberin
Gewona Nord-West, Basel
Verfahrensbegleitung
planzeit GmbH, Zürich