Leichter Holzbau in WankdorfCity
Neubau WankdorfCity, Bern
Im Rahmen der Zentralisierung der Bürostandorte entwickelt SBB Immobilien das dafür vorgesehene Baufeld in WankdorfCity. Herzog & de Meuron gewinnen unter der Federführung von Losinger Marazzi den Gesamtleistungswettbewerb mit einem Projekt, das bekannt erscheint.
Im Osten Berns richtet sich derzeit die Aufmerksamkeit auf den Bau des gestapelten Stadtquartiers WankdorfCity 3. Das Grossprojekt auf dem Arealteil der Burgergemeinde bildet einen radikalen Gegenpol zur Monotonie auf den Arealteilen WankdorfCity 1 und 2 auf städtischem Boden. Mit der Entwicklung der letzten Bausteine bietet sich jedoch auch hier die Gelegenheit, der vorherrschenden Nüchternheit etwas mehr Abwechslung zu verleihen.
Der neue Hauptsitz des Schweizerischen Nationalfonds SNF befindet sich bereits im Bau und soll 2027 in Betrieb genommen werden. Zwischen der SNF-Baustelle und dem bereits 2014 fertiggestellten Ensemble der SBB liegt der Baubereich 3a, der derzeit als Park zwischengenutzt wird. Beim Wettbewerb für dieses Baufeld hat SBB Immobilien nicht nur die Realisierung in Holz- oder Holzhybridbauweise vorgeschrieben, sondern «ein beispielhaftes und innovatives Projekt in den Bereichen Holzbau, Konzeption, materialgerechte Konstruktion, Verbindungen, Kreislaufwirtschaft, Vorfertigung und Bauablauf» bestellt.
Städtebaulich gab es wenig zu bearbeiten: Bei allen Wettbewerbsbeiträgen grenzt das neue Volumen dreiseitig an die Baufeldlinien und einseitig an die bestehende Einstellhalle. Die erlaubte Gebäudehöhe orientiert sich nicht am Bürohauptsitz der SBB, sondern am benachbarten Dienstleistungszentrum «Twist-Again».
Über einem publikumsorientierten Erdgeschoss mit Restaurant befinden sich vier Bürogeschosse. Auch in den Grundrissen gab es, der Nutzung geschuldet, keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen den Wettbewerbsteams. Wirtschaftliche Tragstrukturen mit einem universellen Stützenraster für maximale Flexibilität, Kernzonen mit Nebenräumen und Erschliessung sowie eine Materialisierung, die ein gutes Innenraumklima ermöglicht – mehr braucht eine Bürolandschaft im Wettbewerb nicht.
Räumliche Erlebnisse trotz aller Effizienz
Die Teams verfolgten unterschiedliche Ansätze, um der repetitiven Bürostruktur im grossen Volumen eine räumliche Besonderheit zu verleihen. Die mehrfach eingesetzte Kaskadentreppe wirkte meist überinszeniert und erzeugte in den Grundrissen Zwänge, die nicht im Verhältnis zur räumlichen Geste standen und insgesamt weniger überzeugten. Anstelle einer innenräumlichen Auszeichnung differenzierten zwei Teams das Volumen mit einer porösen oder terrassierten Ostfassade. Trotz des städtebaulichen Kontexts, der einen Ausbruch vertragen könnte, wirkten diese Lösungen fremd. Herzog & de Meuron fanden ein eigenes Element, um dem Bürobau eine Wiedererkennbarkeit zu verleihen. Besser gesagt: Sie fanden es vor Ort.
Im heutigen Park stehen zwei tropfenförmig ausgebildete Entrauchungs- und Belüftungsschächte der bestehenden Einstellhalle. Herzog & de Meuron übernahm deren Geometrie und führte diese als an der Fassade angegliederte vertikale Elemente bis auf die Dachterrasse weiter. Die hervorstehenden «Ankerräume» gliedern die ostseitige Längsfassade und zonieren den weiterhin als Grünraum genutzten Zwischenraum zum Bestandsgebäude.
Da sich nebst den gegebenen Standorten lediglich die Geometrie der beiden Elemente an den bestehenden Zweckbauten orientiert, ist die von den Architekten gewählte Bezeichnung «found objects» durchaus hinterfragbar. Dennoch verleihen die beiden Ankerräume dem Gebäude eine markante Besonderheit, wobei durch ihre periphere Lage die effiziente Grundrissstruktur erhalten bleibt.
Forschungslabor Campusarchitektur
Das BaseLink-Areal in Allschwil (BL) und das WankdorfCity in Bern haben vieles gemeinsam: Beides sind dicht bebaute Entwicklungsgebiete an gut erschlossener stadtperipherer Lage. An beiden Standorten entstanden auf städtebaulichen Inseln grossmassstäbliche Clusterstrukturen, deren Baufelder architektonisch eigenständig gestaltet sind. Diese Autarkie der Architektursprachen schafft eine campusartige Atmosphäre und eröffnet damit auch Chancen: In einem solchen Kontext lassen sich etwa die Anforderungen des zeitgemässen Bauens als Laborprojekte erproben.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist der ebenfalls von Herzog & de Meuron geplante «Hortus» in Allschwil. Bei der Entwicklung des Gebäudes standen Nachhaltigkeit und Ökologie konsequent im Mittelpunkt. Es wurde viel Forschungsarbeit in eine Konstruktionsweise investiert, die möglichst unverarbeitete Materialien entsprechend ihrer Eigenschaften und Ökobilanz einsetzte.
Die Vorgabe der Bauherrschaft Senn für «Hortus» war ein «radikal nachhaltiges Gebäude mit nachwachsenden und wiederverwendbaren Rohstoffen» und ist vergleichbar mit den Anforderungen von SBB Immobilien im Wettbewerb Wankdorf. Die Bausteincharakteristik der Bauplätze lädt dazu ein, die in Allschwil gewonnenen Erkenntnisse und das erarbeitete Wissen in Bern erneut einzusetzen. Zumindest vermittelt die Visualisierung für den Neubau im Wankdorf diese Absicht.
Den Schlussbericht und weitere Details finden Sie auf competitions.espazium.ch
Die Verwandtschaft der Fassade zu «Hortus» ist offensichtlich, was aufgrund der Nachhaltigkeitsambitionen der Bauherrschaften gewissermassen nachvollziehbar ist. Fassaden mit alternierenden schwarzen PV-Modul- und hölzernen Fensterbändern sind Ausdruck des nachhaltigen Bauens geworden. So ähnlich die äussere Gestalt auch wirkt, so unterschiedlich sind die Gebäude: In «Hortus» investierte das Planungsteam viel Forschungsarbeit und es entstanden innovative Konstruktionen mit möglichst natürlichen und unverarbeiteten Materialien. Ausgangslage war die Nachhaltigkeitsphilosophie der Bauherrschaft. Die Beauftragung der Architekten erfolgte freihändig und die enge sowie forschende Zusammenarbeit zwischen Bauherrschaft, Architektinnen und Unternehmern wurde bereits als «Anti-Totalunternehmer-Lösung» beschrieben.
Unterschiedliche Philosophien, gleiches Ziel
Ganz anders ist die Ausgangslage in Bern: Hier fand ein Gesamtleistungswettbewerb mit festgelegten Ziel- und Grenzwerten von CO₂-Emissionen statt. Das Siegerprojekt verpflichtet sich ebenso der Nachhaltigkeit, ist jedoch konstruktiv konventioneller und weniger radikal. Der ambitionierte Zielwert von 7.0 kg CO₂-eq/m²a stand im Widerspruch zu den vielen technischen Anforderungen des Programms. Insbesondere die zwei geforderten Untergeschosse beanspruchen einen Grossteil des CO₂-Budgets und mussten mit einer umso sportlicheren Bearbeitung der Obergeschosse kompensiert werden.
Hier überrascht der Beitrag von Herzog & de Meuron: Bei der Decke, dem grossflächigsten Bauteil, kommen die Architektinnen und Architekten, befreit von der Absicht, möglichst unverarbeitete Materialien einzusetzen, auf eine noch emissionsärmere Lösung als bei der eigens für «Hortus» entwickelten Lehm-Holzdecke.
Die Lehmgewölbe in Allschwil erforderten eine enge Rippenstruktur und damit hohen Materialeinsatz. Für den Bau im Wankdorf schlug das Siegerteam eine Lösung vor, die darauf verzichtet, nur unverleimtes Vollholz einzusetzen, und dem Prinzip einer konventionellen Brettsperrholz-Rippendecke entspricht. Das gesparte Materialgewicht ermöglicht eine schlankere Tragstruktur und reduziert die CO₂-Emissionen um 14 %.
Der Einsatz von verleimten Holzwerkstoffen ist nicht nur eine konstruktive Notwendigkeit, sondern dürfte auch der Verfahrensart und dem definierten Wirtschaftlichkeitsziel der Bauherrschaft Rechnung getragen haben. Ein detaillierter Vergleich der beiden Konstruktionsphilosophien liegt nicht vor. Das Projekt verspricht jedoch: Auch konventionellere Konstruktionen können nachhaltig sein, wenn sie richtig eingesetzt werden. Darüber hinaus hat der Wettbewerbsbeitrag durch die konsequente Fokussierung auf eine nachhaltige Bauweise im WankdorfCity 1 eine Architektursprache hervorgebracht, die sich von den Nachbarbauten unterscheidet, ohne vom pragmatischen Charakter des Ortes abzuweichen.
Neubau WankdorfCity, Bern
Einstufiger Gesamtleistungswettbewerb im selektiven Verfahren
Siegerteam: Losinger Marazzi AG
Losinger Marazzi AG, Bern; Herzog & de Meuron AG, Basel; Buri Müller Partner GmbH, Burgdorf; Bryum GmbH, Basel; holzprojekt AG, Luzern; WMM Ingenieure AG, Münchenstein; Anima Engineering AG, Basel; Elektroplan Buchs & Grossen AG, Frutigen; Lucet GmbH, Bern; BDS Security Design AG, Bern; CSD Ingenieure AG Bern; GaPlan GmbH, Villigen; Metron Bern AG, Bern; tomprojekte GmbH, Bern
Weitere Teams
Allreal AG mit ARGE maurusfrei Architekten AG, Zürich und fsp Architekten AG, Spreitenbach; ERNE AG mit Oxid Architektur GmbH Zürich; HRS AG mit Itten + Brechbühl AG Bern; Marti AG mit Hildebrand Studios AG Zürich
Fachjury
Lisa Ehrensperger, Architektin, Zürich (Vorsitz); Dr. Silke Langenberg, Prof. für Konstruktionserbe und Denkmalpflege, ETH Zürich; Yassir Osman, Architekt, Zumikon; Peter Makiol, Holzbauingenieur, Beinwil am See; Thomas Wipfler, Techniker HF Hochbau, Zürich (Ersatz)
Sachjury
Thomas Pfluger, Stadtbaumeister Stadt Bern; Fabienne Mitev-Schill, Leitung Immobilien Development Betriebsobjekte; Christian Brombacher, Leitung Produktion Personenverkehr Anlagen Property Management; Raphael Rogger, Gesamtprojektleiter Immobilien Development Betriebsobjekte
Auftraggeberin
Schweizerische Bundesbahnen (SBB) AG vertreten durch die SBB Immobilien, Development Betriebsobjekte, Bern