Zwis­chen Nut­zung und Na­tur­raum

Auf dem Weg zur Klimaneutralität sollen Holz und andere regenerative Baumaterialien emmissionsintensive Baustoffe wo immer möglich er­setzen. Doch wie stark kann die Holzwirtschaft wachsen, bis die Wälder ihre Funktion als Kohlenstoffsenken und biodiverse Lebensräume ver­lieren? Zentral ist, wie wir Holz in unseren Ökobilanzen deklarieren.

Date de publication
07-04-2026
Isabel Borner
Redaktorin Umwelt/Energie und Architektur espazium magazin

Der Wald ist ein faszinierender Lebensraum, im Sommer kühl, im Winter mild. Aus gesellschaftlicher Perspektive gleicht er einer Maschine, die viele Funktionen erfüllen muss: Reinigung von Wasser und Luft, Schutz vor Naturgefahren, Erhalt eines biodiversen Ökosystems, Erholungsgebiet sowie Holzproduktion. Mit der Umwandlung von CO2 in Sauerstoff und Kohlenstoff trägt er zum natürlichen Kohlenstoffkreislauf bei und erbringt damit wichtige Klimaleistungen.

Schweizer Wald im Wandel

In der Schweiz spielt der Wald eine besonders wichtige Rolle. Er bedeckt rund ein Drittel der Landesfläche und beeinflusst dadurch zum einen Klima und Wetter, zum anderen prägt er den Charakter der Landschaft wesentlich. Auch seine globale Klimaleistung ist beachtlich: Zusammen mit der übrigen Vegetation nimmt er etwa ein Viertel der fossilen CO2-Emissionen auf; die Meere absorbieren ein weiteres Viertel. Würden Vegetation und Ozeane diese Leistung nicht erbringen, wäre die globale Erwärmung bereits etwa doppelt so stark.

Doch die Klimaleistung der Wälder wird durch die direkten und indirekten Auswirkungen der Klimaerwärmung stark beeinträchtigt. Extremwetterereignisse wie Hitze, Dürreperioden, Starkregen oder Stürme schwächen die Wälder und machen sie weniger resistent gegenüber Schädlingen. Daher werden die Schweizer Wälder die aktuell hohe Menge an gespeichertem Kohlenstoff in Zukunft wohl nicht mehr halten können und sich vorübergehend in CO2-Quellen verwandeln. 

Um ihre Leistung langfristig zu sichern, sind Anpassungen in der Waldbewirtschaftung nötig. Und es muss darüber diskutiert werden, wie stark und auf welche Weise die Holzwirtschaft wachsen kann. Finnland beispielsweise intensivierte die Holzernte in den vergangenen Jahren so sehr, dass der Wald dort das Viertel des globalen CO2-Ausstosses anteilsmässig nicht mehr aufnehmen kann.

Die Klimaleistungen des Waldes

Um wirksam Emissionen zu reduzieren, macht es Sinn, Art und Umfang der Klimaleistungen des Walds zu kennen. Grundsätzlich werden drei Klimaleistungen unterschieden: erstens die Einlagerung von Kohlenstoff im Wald selbst, im Boden, im Totholz und in der lebenden Vegetation. Dabei spielt die lebende Vegetation die wichtigste Rolle.1 

Zweitens die Speicherung von Kohlenstoff in Holzprodukten und drittens die materielle und energetische Substitution, das heisst der Ersatz emissionsintensiver Baumaterialien durch Holz und der Ersatz fossiler Brennstoffe durch Holz. Gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen hat die Einlagerung von Kohlenstoff im Wald bei weitem den grössten Einfluss auf seine Klimaleistung. Daraus folgt, dass die Pflege der Wälder oberste Priorität erhalten sollte. 

Grundsätzlich ist der Wald in der Schweiz geschützt, denn das nationale Waldgesetz besagt, dass den Wäldern nur so viel Holz entnommen werden darf, wie nachwachsen kann. Dennoch benötigen sie die aktive Unterstützung des Menschen, um sich an die Folgen des Klimawandels anpassen zu können.

Emissionen der Holznutzung

Der gesamte jährliche Schweizer Holzverbrauch beläuft sich auf 11 Mio. m3, davon wird etwa die Hälfte importiert. Zertifiziertes importiertes Holz stammt in der Regel aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern und ist entlang der Lieferkette rückverfolgbar. Bei nicht zertifiziertem Holz ist die Herkunft häufig weniger transparent, weshalb offen ist, ob dieses Holz dem Klima nützt oder schadet. Der aus der Schweiz stammende Teil des Holzes ist nachhaltig. Die inländische Holzernte lag 2024 bei 5.7 Mio. m3 und eine nachhaltige jährliche Steigerung auf 7 bis 8 Mio. m3 wäre möglich.2 

Beim importierten Teil ist die Bilanz wohl weniger erfreulich. So ist die globale Holznutzung für mindestens 2.7 bis 7 % der globalen Netto-CO2-Emissionen verantwortlich. Die grosse Spannweite ergibt sich, da ein beträchtlicher Anteil der Holzflüsse aus Waldrodungen nicht erfasst wird. Zum Vergleich: Die globale Luftfahrt ist für rund 2.5 % der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Diese wird zwar primär von einem kleinen Teil der globalen Bevölkerung verursacht und beinhaltet noch keine Nicht-CO2-Effekte wie Kondensstreifen, die ebenfalls massgeblich zur globalen Erwärmung beitragen. Der Vergleich zeigt aber eindrücklich auf, dass die CO2-Emissionen der Holznutzung in der gesellschaftlichen Debatte unterschätzt werden.

Korrekte CO2-Buchhaltung für Netto-Null

Netto-Null bedeutet, CO2-Emissionen möglichst zu vermeiden und die verbleibenden Emissionen durch eine gleich grosse CO2-Entfernung auszugleichen. Im Bauwesen rückt Holz deshalb in den Fokus: Es speichert Kohlenstoff, der zuvor als CO2 in der Atmosphäre war. Wird Holz jedoch nicht nachhaltig bewirtschaftet, führt nicht nur seine Verbrennung zu CO2-Emissionen, sondern es entspricht auch im unverbrannten Zustand (als Bauholz) keiner CO2-Entfernung. 

Denn per Definition gelten nur vom Menschen verursachte Aktivitäten, die CO2 aus der Atmosphäre entfernen und dauerhaft speichern, als CO2-Entfernung. Das ist etwa der Fall, wenn zusätzlicher Wald geschaffen oder dessen Zuwachs in bestehenden Wäldern gezielt erhöht und genutzt wird. Wird hingegen Holz geerntet, ohne dass im gleichen Umfang neues nachwächst, war der gespeicherte Kohlenstoff bereits zuvor vorhanden – unabhängig von unserem Eingriff. 

Dies als CO2-Entfernung zu bezeichnen, rechnet dann höchstens die Klimabilanz schön, was wiederum dazu verleitet, weiter fossile CO2-Emissionen auszustossen. So lenkt die CO2-Entfernung von der Emissionsreduktion ab. Wenn wir auf diese Weise auf Netto-Null kommen, wird sich das Klima derweilen weiter erwärmen.

Holz effizienter nutzen

Der Schweizer Holzmarkt ist klein und die Waldflächen begrenzt. Daher sollte nicht nur über die Menge diskutiert werden, sondern auch über die Art, Dauer und Effizienz der Nutzung. Wissenschaft und Praxis empfehlen die Kaskadennutzung. Das bedeutet die mehrfache, abgestufte Verwendung des Rohstoffs, beginnend mit hochwertigen stofflichen Anwendungen bis hin zur energetischen Verwertung (Verbrennung) am Ende des Lebenszyklus. Ziel ist die maximale Ressourceneffizienz, längere CO2-Speicherung und die Reduzierung des Verbrauchs an Frischholz.

Vor ungefähr 100 Jahren wurde dies aufgrund von Materialknappheit und Armut bereits praktiziert. Die Holzdielen eines Wohnhauses wurden als Ladefläche einer Kutsche wiederverwendet und erst danach verbrannt. Eine ähnliche Kaskade wäre auch heute in vielen Bereichen möglich.

Im Jahr 2024 wurde von den 11 Mio. m3 Schweizer Holzverbrauch mehr als die Hälfte beim Heizen oder industriellen Prozessen verbrannt, Tendenz steigend.3  Eine besorgniserregende Entwicklung in Anbetracht dessen, dass die Hälfte des Holzes importiert wird und die globale Bewirtschaftung insgesamt nicht nachhaltig erfolgt, also eine Holzverbrennung einer normalen CO2-Emission entspricht. 

Soll die Schweizer Klimastrategie aufgehen, müsste die Förderung von Holzheizungen für Gebäude und Fernwärme weichen, sowohl auf emotionaler als auch auf politischer Ebene. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Im Februar 2021 verschickten mehr als 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen offenen Brief an die EU-Kommission und verschiedene Staatsoberhäupter. Darin forderten sie die Politikerinnen und Politiker auf, die Subventionen für das Verbrennen von Holz zu beenden.

Wälder sinnvoll bewirtschaften

Der Bund macht mit seiner im Dezember 2025 veröffentlichten integralen Wald- und Holzstrategie wertvolle Vorgaben. Sie sieht die Kaskadennutzung, die Reduktion der thermischen Verwertung sowie eine adaptive Waldbewirtschaftung vor. Allerdings hat die Holzstrategie den Charakter einer Empfehlung und ist daher nicht verbindlich. 

Ihre Umsetzung benötigt Zeit sowie die freiwillige Mitwirkung der Kantone und Gemeinden. Auch wegen der fragmentierten Besitzverhältnisse in den Schweizer Wäldern ist eine einheitliche Umsetzung nicht einfach. Etwa 70 % der Waldfläche ist in öffentlicher Hand, rund 30 % liegen bei über 248 000 privaten Waldbesitzenden, die im Durchschnitt nur etwa 1.5 ha Wald besitzen. Und für viele ist es unrentabel, den eigenen Wald zu bewirtschaften. 

Auf öffentlichem Grund entscheidet oft die Gemeinde über die Bewirtschaftung des Walds. Und diese beschränkt sich häufig auf das Nötigste – dadurch fehlt die dringend notwendige Pflege und das Be­wirtschaftungspotenzial bleibt ungenutzt. Die aktuellen Klimaveränderungen verlaufen so schnell, dass der Wald in natürlichen Zyklen nicht mehr darauf reagieren kann. Deshalb ist er zunehmend auf menschliche Unterstützung angewiesen, etwa bei der Verjüngung, beim Aufbau von Mischwäldern und beim Erhalt der Nährstoffe im Boden.

Prioritäten setzen

Holzbau und Holzenergie konkurrieren miteinander um Ressourcen. Die Nachfrage steigt überall, aber das Holz wächst nicht schnell genug nach. Mehr Nachfrage im Baubereich und gleichzeitig mehr in der Energiegewinnung geht in grossem Stil nicht auf. Dabei gibt die Strategie der Kaskadennutzung Orientierung: zuerst das Holz für den Bau nutzen, dann wiederverwenden und erst zum Schluss thermisch verwerten.

Holzenergie sollte aus klimatischer Sicht möglichst nicht zunehmen, um das Problem der CO2-Emissionen nicht bloss von Fossil auf Holz zu verschieben. Aus Perspektive einzelner Planerinnen und Planer lässt sich schwer abschätzen, wann zusätzliches Holz im Bau insgesamt zu mehr Rodung im Ausland führt. Die Klärung dieser Frage ist derzeit Gegenstand verschiedener Forschungsprojekte an der ETH Zürich. Bis dahin gilt es, Holz nicht als Allheilmittel anzusehen und in Ökobilanzen korrekt zu deklarieren. 

Anmerkungen
1 Christian Aebischer, Marjo Kunnala, Nele Rogiers et al., Die Klimaleistungen von Wald und Holz in der Schweiz, Bundesamt für Umwelt BAFU 2025, S. 35.
2 Ebd., S. 37.
3 Schafer A., Suter Thalmann C. L., Schweier J., «Stoffliche und energetische Holzverwendung». In: BAFU & WSL (Eds.), Waldbericht 2025 – Entwicklung, Zustand und Nutzung des Schweizer Waldes, S. 121.

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