Verpasste Chance am Stadtrand
Die Einhausung der Autobahn erfüllt ein städtebauliches Versprechen: weniger Lärm, weniger Abgase, mehr Lebensqualität. Doch unter der begrünten Decke rollt der Verkehr weiter wie bisher. Die eigentliche Chance auf eine strukturelle Verkehrswende blieb ungenutzt.
Die Autobahneinhausung in Schwamendingen gilt als Meilenstein. Jahrzehntelang zerschnitt die Nationalstrasse das Quartier. Mit dem Bauwerk wurde diese städtebauliche Wunde endlich geschlossen. Doch während oben Spazierwege und Beete entstehen, rauscht unten der Verkehr unverändert weiter. Schätzungen des Bundesamts für Strassen gehen davon aus, dass der Personen- und Güterverkehr in der Schweiz bis 2050 um bis zu 31 % zunimmt. Angesichts solcher Prognosen stellt sich die Frage, ob ein Projekt dieser Grössenordnung nicht die Möglichkeit geboten hätte, über neue Wege der städtischen Mobilität nachzudenken.
Visionen im Stau
Ideen in diese Richtung gab es in der Schweiz schon einige. So wollte das nationale Projekt Cargo Sous Terrain Güter unterirdisch von den Logistikhubs in die Stadtzentren transportieren. Das Projekt wurde inzwischen gestoppt, unter anderem weil die Finanzierung nicht zustande kam. Auch die ETH Zürich forscht mit ihrer «E-Bike-City» an Visionen einer Stadt, die Fussgängerinnen, Fussgänger und Velos priorisiert und den motorisierten Individualverkehr zurückdrängt. Die Realisierung ist noch in weiter Ferne und es ist fraglich, ob sich in Zürich dafür in Abstimmungen eine Mehrheit findet.
Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt, dass nicht alle Visionen im Stau stecken. In Kopenhagen verkehren schon heute Gütertrams auf dem bestehenden Schienennetz. In Frankfurt am Main läuft seit einem Jahr das Forschungsprojekt LastMileTram, bei dem ein Personentram zum Gütertram umfunktioniert wurde und nun die Zustellung von Paketen in die Innenstadt übernimmt.
e-dossier Einhausung Schwamendingen: Damaris Baumann berichtete im Sommer 2025 detailliert über die Einhausung und den Ueberlandpark in Schwamendingen.
Weitere Architekturkritiken der Studierenden sowie Berichte über das Projekt seit 2015 sind ebenfalls hier gesammelt.
Zugedeckt, nicht umgedacht
Vor diesem Hintergrund wirkt die Einhausung in Schwamendingen wie ein Kompromiss: Sie lindert die Symptome, lässt aber die Ursache unangetastet. Der motorisierte Individualverkehr bleibt, nur eben im Tunnel. Wäre es nicht konsequenter gewesen, mit dieser einmaligen Gelegenheit eine strukturelle Wende im Pendler- und Güterverkehr einzuleiten?
Die Tramlinie 7 verläuft direkt unter der Einhausung. Der Standort wäre ideal für ein Umsteigezentrum gewesen, an dem Pendlerinnen und Pendler ihre Autos am Stadtrand parken und auf den ÖV oder das Velo umsteigen. Auch hätten hier Güter vom Lastwagen auf kleinere Einheiten umgeladen werden können. Der Ueberlandpark wäre so – analog zur Cargo Sous Terrain oder dem LastMileTram – zum Knotenpunkt geworden und hätte doppelt gedient: als öffentlicher Verkehrsträger und als Teil einer stadtverträglichen Logistik.
Planung im Rückspiegel
Visionäre Projekte haben es in der Schweiz schwer. Langwierige Verfahren bremsen so stark, dass sie bei ihrer Umsetzung schon längst überholt sind. So auch bei diesem Projekt: Die Einhausung der Autobahn ist ein Anliegen der Anwohnenden aus den 70er-Jahren. Was fehlt, ist eine ganzheitliche Raumplanung, die Mobilität als zusammenhängendes System denkt und konsequent weiterentwickelt.
Eine echte Verkehrswende entsteht nicht durch Symptombekämpfung, sondern durch intelligente Knotenpunkte an den Rändern. Nur wenn attraktive Alternativen bereitstehen, wird das Umsteigen und Umladen realistisch. Dazu gehören durchgehende Velowege, aber auch Park & Rail-Angebote. Die Einhausung Schwamendingen bleibt damit ein ambivalentes Bauwerk: Sie verbessert das Leben fürs Quartier, zementiert jedoch auch die alte Verkehrslogik. •
Rahel Mor ist Designerin und arbeitet im Architekturbüro Kollektiv Zebra. Ihr Interesse gilt Stadtentwicklung und gesellschaftlichen Fragestellungen.