Die Mühle lebt
Umbau und Erweiterung Mühle Grüsch
Von 2023 bis 2025 bauten Ritter Schumacher Architekten das ehemalige Mühlenensemble im bündnerischen Grüsch zu einem Wohnbau um. Neben der beispielhaften Projektierung und Umsetzung – drei DGNB-Zertifikate, Umsetzung in Projektallianzen – experimentierten Bauherrschaft und Planerinnen und Planer auch mit einem ungewöhnlichen Ansatz beim Innenausbau: Augenmass bei der Renovation und dem Charme des Unperfekten.
2018 gab der preisgekrönte Schweizer Beitrag auf der Architekturbiennale in Venedig zu reden.1 Über- und unterdimensionierte Innenräume, perfekt verkleidet mit weissen Gipskartonplatten, hinterfragten auf plastische Weise die hierzulande herrschende Praxis, Wohnungen bis zur Perfektion austauschbar zu standardisieren und zu materialisieren.
Die Installation zeigte: Was schon bei Neubauten bestenfalls mit einem hohen Anspruch an Perfektion zu erklären ist – oder, je nach Sichtweise, mit einem Mangel an Fantasie und Kreativität – wird umso absurder, wenn es sich dabei um Umbauprojekte handelt.
Alte Mühle, neuer Turm
«Warum muss ein sanierter Bau aussehen wie ein Neubau?» , fragten sich fünf Jahre später auch Bauherrschaft und Architekten bei den Planungen für die Umnutzung der Mühle Grüsch im Prättigau. Während der zum Ensemble gehörende 30 m hohe Siloturm abgerissen und anschliessend unter Verwendung des Abbruchmaterials mit 37 Eineinhalb- bis Dreieinhalbzimmerwohnungen neu erstellt wurde, ging man beim Umbau des historischen Mühlegebäudes neue Wege.
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Der Umbau orientierte sich strukturell am Bestand, es blieb so viel erhalten wie möglich. Um dennoch zeitgemässe Wohnflächen anbieten zu können, ergänzten Planerinnen und Planer die Geschossflächen auf der Südseite um einen Holzanbau. Auf diese Weise entstanden 15 Loftwohnungen mit 2.5 und 3.5 Zimmern und jeweils einem privaten Aussenbereich.
Trotz der umfassenden Umbau- und Instandsetzungsarbeiten ist die Vergangenheit im Inneren noch ablesbar. Davon zeugen etwa die grosszügigen, natürlich belichteten Treppenhäuser, die sich an der bestehenden Tragstruktur orientieren, oder die Raumhöhen von bis zu 3.50 m.
Ebenfalls beeindruckend sind die sichtbaren Betonträger, die sich durch die Wohnung ziehen. Sie verweisen auf die Geschichte des Baus, der einst hohe Lasten tragen musste, gleichzeitig gliedern sie die Deckenuntersicht. Dass sie heute ebenfalls nicht mehr roh, sondern verkleidet daherkommen, ist dem Brandschutz geschuldet – die Betonüberdeckung der damaligen Ausführung ist für die heutigen Normen nicht mehr ausreichend.
Ein Hauch von Soho im Prättigau
Überhaupt, die Decken: Wo möglich, wurden die originalen Holzdielen inklusive Patina sichtbar gelassen, wo konstruktiv nötig, ergänzt mit neuen Bohlen. Man kann sich gut vorstellen, hier eine Schaukel zu montieren und mit Verve durch die Wohnung zu schwingen.
Zur leicht experimentellen Loftatmosphäre trägt aber noch ein weiteres Detail bei, quasi der USP des Baus: Während dessen Zwischennutzung trafen sich hier Graffitikünstler. Sie nutzten die vielen leeren Wände als Leinwand und hinterliessen etliche farbige Werke. Waren die Sprayereien in gutem Zustand, blieben sie – mit dem Einverständnis der Urheber – erhalten. Nur dort, wo Farbe abblätterte oder die Malereien konstruktiven Eingriffen im Weg waren, wurden sie entfernt.
In gewisser Weise ein Wagnis, wie Architekt Markus Wolf bei der Begehung verrät: «Der Immobilienverwalter war zunächst skeptisch, ob wir hier im Prättigau genug Mieterinnen und Mieter finden, die sich für solche Details begeistern. Doch wir einigten uns darauf, es zu versuchen – überstreichen kann man ja auch im Nachhinein. Tatsächlich haben wir bisher ausschliesslich positives Feedback erhalten und bis auf eine Wohnung sind heute – rund zwei Monate nach Bezug – alle vermietet.»
Balance zwischen Effekt und Gebrauch
Die immer wieder sichtbaren Gebrauchsspuren prägen die Wohnungen im alten Mühlegebäude, während die Wohnungen im ehemaligen Siloturm mit Neubau-Ausbaustandard punkten. Allen Einheiten gemeinsam ist, dass in der Materialisierung auf regionale Materialien zurückgegriffen wurde und sie den strengen Standards der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen entsprechen. So wurden nur ökologisch unbedenkliche und DGNB-kompatible Produkte eingesetzt. Die Materialien im Altbau und im Neubau liess man zudem auf Schadstoffe testen – auch die Farben der Graffiti, die aber glücklicherweise unbedenklich waren.
Was ebenfalls auffällt, ist die Balance zwischen Experiment und Pragmatismus: Während der Erhalt der Graffiti klar in die erste Kategorie fällt, finden sich auch bewährte Details, die die Robustheit der Ausführung – und damit auch die Nachhaltigkeit im Betrieb – gewährleisten. Die robusten Futterrahmen der Türen aus Schweizer Fichtenholz sind so ein Beispiel. Ein weiteres sind die Sockelleisten, ebenfalls aus Fichte: In einem New Yorker Loft würde man sie wohl eher nicht antreffen. Hier kaschieren sie den Übergang vom geschliffenen Unterlagsboden zur verputzten Wand.
Geschichte als Mehrwert
Würden die Planerinnen und Planer heute etwas anders machen? Architekt Markus Wolf: «Wir wären noch mutiger, würden noch weniger renovieren und ausbessern. Das bewusste Reduzieren der Eingriffe ist kein Sparen, sondern ein Gebot der Nachhaltigkeit, vor allem aber ein bewusstes – und einzigartiges – Mehr an Gestaltung.»
Tatsächlich funktioniert diese Art der Innenarchitektur überraschend gut, auch mit der individuellen Möblierung, die die einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner mitbringen. Anders gesagt: Der Mut zur Lücke bringt ein Mehr an Atmosphäre und viele unvorhergesehene Möglichkeiten der Aneignung. Eine ehemalige Mühle kann also durchaus zum Wohnen genutzt werden. Ihre Vergangenheit darf man nicht nur sehen – man soll sie auch sehen.
Transformation der Mühle Grüsch
Die 1939 erbaute Mühle im bündnerischen Grüsch wurde 2010 stillgelegt. Ihre Ursprünge sind bis ins 16. Jahrhundert belegt. Es folgten Zwischennutzungen und verschiedene Projekte, die beispielsweise Loftwohnungen im Stockwerkeigentum vorsahen. Keines der Projekte setzte sich durch, bis 2022 ein neues Konzept mit 52 Mietwohnungen in Hauptgebäude und Siloturm entwickelt wurde.
Das interdisziplinäre Planungsteam entschied sich für eine nachhaltige Bauweise, die weit über die üblichen Vorgaben hinausging. Die Arbeiten erfolgten gemäss den Standards der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Auch der Rückbau des Siloturm – ein Novum in der Schweiz. Aus statischen Gründen war hier eine Umnutzung nicht sinnvoll: Die Wände waren zu schmal dimensioniert, die Raumkammern zu klein. Stattdessen entschieden sich die Planerinnen und Planer, das Material aus dem Rückbau wiederzuverwenden.
Alle verbauten Materialien erfüllen den DGNB-Standard für Sanierung und Neubau, sind also schadstoffarm und möglichst ressourcenfreundlich hergestellt. Das verbaute Holz stammt aus der Schweiz und europäischen Nachbarländern, gedämmt wurde mit regionaler Steinwolle. Die Oberflächen im Innern sind, wo nötig, mit einem Kalkputz belegt. Für die nächste Phase im Lebenszyklus – Nutzung und Bewirtschaftung – fassten die Planerinnen und Planer alle verbauten Materialien in einem Gebäuderessourcenpass zusammen.
Anmerkung1 «Svizzera 240: House Tour» des Architektenteams der ETH Zürich, Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara.
Umbau und Erweiterung Mühle Grüsch
Bauherrschaft
GUTGRÜN AG, Chur
Gesamtdienstleister
Arella Immobiliendienstleistungen AG, Chur
Architektur und Tragkonstruktion
Ritter Schumacher AG, Chur
Elektroplanung
Maissen Elektroplanungen AG, Pontresina
HLKS-Planung
Züst Ingenieurbüro Haustechnik AG, Grüsch
Bauphysik
Ritter Schumacher AG, Chur
Brandschutz
brandsicher ag / Brandschutz, Chur
Betonlieferant
GRIBAG AG, Chur
Weitere Infos
muehlegruesch.ch