«Rechte ab­zu­tre­ten ist ein emo­tio­nales Thema»

Interview mit Daniele Di Giacinto und Massimo Laffranchi

Im Gespräch erläutern Daniele Di Giacinto und Massimo Laffranchi, warum faire Verfahren, klar geregelte Urheberrechte und starke Teams entscheidend für die Schweizer Baukultur und Wettbewerbsqualität sind.
 

Date de publication
19-12-2025


Herr Laffranchi, Sie waren an der Revision der SIA 142 Ordnung für Wettbewerbe und SIA 143 Ordnung für Studienaufträge beteiligt. Was hat Sie dazu bewegt?

Massimo Laffranchi: Wir verdanken den Konkurrenzverfahren die Entstehung und den Aufbau unseres Ingenieurbüros. Ohne grosses Beziehungsnetz waren wir auf Wettbewerbe und Studienaufträge angewiesen und konnten so wachsen. Für neue Büros ist es besonders wichtig, dass Verfahren sichtbar, fair und mit einem vollständigen Folgeauftrag verbunden sind. Deswegen habe ich mich in der Wettbewerbskommission und bei der Revision der SIA 142 und 143 engagiert. Zwei Punkte waren für mich zentral: die Interdisziplinarität zu verankern und die Angemessenheit des Verfahrens sowie des damit verbundenen Aufwands für die Teilnehmenden. Die Praxis wird zeigen, wie die Prinzipien des fairen Wettbewerbs, die in den neuen Ordnungen explizit formuliert sind, umgesetzt werden.


Herr Di Giacinto, Ihr Büro lebt von Wettbewerben. Was bedeutet geistiges Eigentum im Planungsalltag?

Daniele Di Giacinto: Im Konkurrenzverfahren entstehen Lösungen, die ein Projekt besser machen als andere. Ein Büro nimmt an mehreren Wettbewerben und Studienaufträgen teil, um einen zu gewinnen – das ist ein grosses Investment. Ohne Schutz stimmt die Gleichung nicht.


Mit der Revision der Ordnungen rücken das Urheberrecht und der Folgeauftrag stärker in den Vordergrund. Welche Änderungen gibt es?

Massimo Laffranchi: Wer intellektuelle Leistungen und einmalige Lösungsvorschläge einbringt, verdient, dass das Urheberrecht anerkannt wird. Das Gewinnerteam soll einen vollständigen Folgeauftrag über alle Planungsphasen erhalten. Will oder kann die Bauherrschaft diesen nicht vergeben, schuldet sie eine finanzielle Entschädigung. Das war in den Ordnungen schon vorher vorgesehen, ist nun aber explizit formuliert. So auch, dass das Urheber­persönlichkeitsrecht immer bei den Urhebenden bleibt. Die Nutzungsrechte werden mit der Abgabe der Erzeugnisse schrittweise übertragen, was oft für Unsicherheit sorgt. Rechte abzutreten ist ein emotionales Thema.

Daniele Di Giacinto: Planende fühlen sich stark mit ihren Ideen verbunden, weshalb wir diese Präzisierungen begrüssen. Die gestärkte Interdisziplinarität stellt 
sicher, dass Fachplanende, die wesentlich zum Projekt­erfolg beigetragen haben, auch in der Ausführung berücksichtigt werden. Die faire Entschädigung des Folgeauftrags bleibt zentral und wenn ein Programm dies nicht vorab festlegt, können im Nachgang schwierige Diskussionen mit dem Auftraggeber entstehen.

Massimo Laffranchi: Die neuen Ordnungen legen fest, dass alle Teammitglieder Anspruch auf den Folgeauftrag haben. Schwieriger ist es, wenn die Teilnahme eines mitwirkenden Fachplanenden nicht explizit gefragt, sein Beitrag zum Entwurf aber wesentlich war. Es liegt dann in der Kompetenz und Verantwortung der Jury, diese Leistung zu erkennen und zu würdigen, damit auch der betroffene Fachplanende verdientermassen den Folgeauftrag erhält.


Wie ist die Resonanz in den Planungsbüros, seit die Revision in Kraft ist?

Massimo Laffranchi: Die Rückmeldungen sind, auch dank des intensiven und fruchtbaren Vernehmlassungsprozesses, mehrheitlich positiv. Gerade in Bezug auf die Zielsetzung, den Aufwand durch einen vertretbaren Leistungsumfang sowie die Beschränkung, sich auf die «notwendigen» Disziplinen zu reduzieren. Je grösser das Team, desto höher der Aufwand. Man könnte Interdisziplinarität auch erst ab der zweiten Stufe verlangen. In der Praxis werden komplexere Aufgaben erfreulicherweise oft direkt an interdisziplinäre Teams adressiert.

Daniele Di Giacinto: Die Verfahrensvereinfachung ist zentral. Je grösser das Team, desto geringer ist auch der individuelle Gewinn. Der Aufwand dagegen ist enorm und für viele Büros kaum tragbar, was die Teilnahmemöglichkeiten einschränkt.

Massimo Laffranchi: Schlanke, in der Form und im Umfang der Leistung angemessene Verfahren ermöglichen auch kleineren Büros die Teilnahme und stellen die Lösungsvielfalt sicher. Aufwand und Aufgabe müssen im Verhältnis stehen.

«Der Auslober verpflichtet sich mit der Aufgabe, sich auf ein Team einzulassen – das ist wie ein Blind Date.» 

Daniele Di Giacinto


Der Folgeauftrag soll also in Zukunft das gesamte Siegerteam umfassen. Was braucht es, damit dieser Grundsatz umgesetzt wird?

Daniele Di Giacinto: Der Auslober verpflichtet sich mit der Aufgabe, sich auf ein Team einzulassen – das ist wie ein Blind Date. Die Verbindlichkeit ist wichtig, auch wirtschaftlich. Der Folgeauftrag und mögliche Entschädigungen müssen früh kommuniziert werden, das motiviert zur Teilnahme. Von der Bauherrschaft braucht es das klare Bekenntnis zur durchgehenden Beauftragung.

Massimo Laffranchi: Auf Seite der Teilnehmenden braucht es Solidarität. Ist der Wettbewerb als Teamaufgabe ausgeschrieben, so hat jedes Mitglied des Teams Anspruch auf den Folgeauftrag. Die Solidarität soll sich zeigen, wenn es droht, dass ein Teammitglied vom Folgeauftrag ausgeschlossen wird. Problematisch ist auch die Tendenz seitens der Auslobenden, Leistungen zu kürzen – das ist nicht fair für die Teilnehmenden, die die Investi­tionen im Wettbewerb durch die Auftragsgrösse kompensieren wollen. Ein Wechsel von Planenden zu Ausfüh­renden schwächt zudem die Qualität des Werks. Der Grundsatz, wonach das Siegerteam das Projekt bis zur Inbetriebnahme bearbeiten soll, ist in den Ordnungen verankert.

«Planende müssen Programme selbst beurteilen und entscheiden, ob eine solche Praxis akzeptabel ist.» 

Massimo Laffranchi


Es kommt aber vor, dass ein Projekt nicht über alle Leistungsphasen in der gleichen Kerngruppe weiterbearbeitet wird.

Massimo Laffranchi: Die SIA-Ordnungen regeln nicht das Gesellschaftsrecht. Die Organisation hängt vom Modell ab. Etwa ein Konsortium interdisziplinärer Planender mit Gleichberechtigung oder eine Generalplanerin mit Subplanenden. In beiden Modellen kann es zu Konflikten kommen, was für Ausgeschlossene wie für Bauherrschaften ärgerlich ist. Aus eigener Erfahrung ist es von Vorteil, wenn das Team seine Organisationsform selbst festlegen kann.

Daniele Di Giacinto: Das Mandat des Generalplanenden stärkt die Position des Architekten, bringt aber Verantwortung und Risiko mit sich. Vertrauen im Team ist essenziell.


In der Praxis gibt es oft Unsicherheiten zwischen Urheber- und Nutzungsrecht, richtig?

Massimo Laffranchi: Wenn das Programm nicht klar ist, geraten Planende früh in ein Dilemma. Die SIA-Ordnungen zeigen ein Best-Practice-Modell auf. Der Anspruch auf einen Folgeauftrag besteht auch, wenn etwa das Raumprogramm verändert wird. Vorsicht ist bei Klauseln geboten, nach denen dem Auslobenden umfassende Änderungsrechte zustehen. Geht es um wesentliche Qualitäten, ist dies ein Eingriff ins Urheberrecht. 

Daniele Di Giacinto: Ein Wettbewerbsprogramm mit SIA-Stempel kann einen Folgeauftrag mit KBOB-­Vertrag vorsehen. Dieser enthält die Klausel, dass der Auftraggebende ein unentgeltliches Recht hat, die Arbeitsergebnisse der Beauftragten zur Vollendung des Projekts frei zu verwenden. Diese Diskrepanz können die SIA-Ordnungen nicht lösen. Planende sollten sich daher für die Anwendung der SIA-Vertragsmodelle einsetzen.


Gibt es bei Bauherrschaften und Jurymitgliedern ein Bewusstsein für die verbindlicheren Regeln?

Daniele Di Giacinto: Die Revision ist erst seit August in Kraft. In der Kommission haben wir aber erste Konkurrenzverfahren mit guten, schlanken Ausschreibungen gesehen. Gute Bauherrschaften gab es schon vor der Revision und gibt es auch weiterhin – entscheidend ist die Kultur der Verfahrensbegleitung und das Bewusstsein dafür, dass eine Bauherrschaft mit den Programmen eine Verpflichtung eingeht.


Wie steht es um die Autorenschaft, wenn ein Wettbewerb oder Studienauftrag im Kollektiv bearbeitet wird?

Daniele Di Giacinto: Diese Frage stellt sich meist nur bei Konflikten oder wenn jemand seine Leistung nicht einbringen kann oder will. Entscheidend ist ein kohärentes Projekt, das durch alle Beteiligten gestärkt wird. Vom Wettbewerb bis zur Ausführung, zusammen mit Unternehmern und Handwerkerinnen. Konflikte sind ein gesellschaftliches Problem. Wir sind aufeinander angewiesen, aber die Freude, gemeinsam ein Bauwerk zu schaffen, fehlt heute oft. In Konkurrenzverfahren gewinnt einmal Team A, einmal Team B – das schafft Austausch und Lebendigkeit.


Sie haben vorhin von finanziellen Entschädigungen gesprochen. Sind diese umsetzbar, wenn Bauherrschaften Projekte weitergeben oder abbrechen?

Massimo Laffranchi: Bereits nach den vorgängigen Ordnungen hatte das Siegerteam Anspruch auf eine Abgeltung, wenn die Auftragserteilung ausblieb. Bei Projektstopp stellt sich die Frage, ob die Bauherrschaft den Schritt aus planerischen oder finanziellen Gründen unternahm und ob man den Anspruch tatsächlich stellt. Oft ist in Programmen festgehalten, dass bei «nicht beeinflussbaren Gründen» kein Anspruch auf Abgeltung besteht. Anders sieht es bei der Vergabe des Folgeauftrags an Dritte aus: In diesem Fall soll die Abgeltung gefordert werden.


Es gibt Programme – ohne SIA-Stempel –, die explizit darauf hinweisen, dass das Projekt von Dritten umgesetzt werden kann. Ist das legitim?

Massimo Laffranchi: Planende müssen Programme selbst beurteilen und entscheiden, ob eine solche Praxis akzeptabel ist. Die SIA-Kommission setzt sich für faire Verfahren ein und bietet deshalb auch die Programmbegutachtung mit Stempel an. Bei nicht eingereichten oder begutachteten Programmen kann der BWA mit den Smileys Fälle, die aus seiner Sicht problematisch sind, publik machen – was Auslobenden oft missfällt. Es ist wichtig, Missstände aufzuzeigen. Bauherrschaften müssen aber wissen, dass unfaire Bedingungen nicht in ihrem Sinne sind.


Das bedeutet aber auch, dass Planende Programme lesen und interpretieren können müssen.

Daniele Di Giacinto: Die Rahmenbedingungen müssen alle prüfen. In einem Fall haben wir das Konkurrenzverfahren gewonnen, durften das Projekt aber nicht umsetzen. Wir haben uns mit dem Auftraggebenden gütlich geeinigt und das Projekt übergeben. Die Entschädigung deckt den Aufwand aber selten. Oft ist man einfach froh, ein Projekt nicht in dieser Konstellation weiterführen zu müssen.

«Je besser die Rechts­kenntnisse, desto besser kann man die eigenen Ansprüche vertreten.» 

Massimo Laffranchi



Viele Büros wagen trotz Urheberrechtsverletzungen keine rechtlichen Schritte. Braucht es kollektive Strukturen?

Daniele Di Giacinto: Erfahrene Büros kennen die Fall­stricke. Jungen Büros empfehle ich die Beratung mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen. Dieser Erfahrungsaustausch ist wichtig.

Massimo Laffranchi: Entweder akzeptiere ich einen Vertrag oder er kommt nicht zustande. Das Programm ist Bestandteil davon. Grundsätzlich sollten wir voraussetzen, dass beide Seiten zusammenfinden wollen und keine arglistigen Bestimmungen zwischen den Zeilen lauern. Aber eine eigene, genaue Prüfung der Vertragsbestandteile ist unerlässlich. Je besser die Rechtskenntnisse, desto besser kann man eigene Ansprüche vertreten.

Daniele Di Giacinto: Problematische Fälle werden seltener, da die Verfahrensbegleitung und Bauherrschaften zunehmend professionalisiert sind, besonders bei öffentlichen Verfahren. Es gibt aber auch Planende, die sich Gestaltungsspielräume nehmen, die gerade für die öffentliche Hand kompliziert sind, da Wechsel des Planungsteams begründet werden müssen.


Worauf müssen Planende achten, bevor sie an einem Verfahren teilnehmen?

Daniele Di Giacinto:Das Wettbewerbswesen in der Schweiz ist gut organisiert, im Vergleich fair und wird stetig verbessert. Ein SIA-Stempel ist ein Qualitätsmerkmal. Aber am Ende zählt die Erfahrung – und wer die nicht hat, muss sie sich holen. Lässt sich ein Programm einfach lesen, ist das ein gutes Zeichen. Aber es braucht auch Sportlichkeit: Man verliert häufiger, als man gewinnt.

Massimo Laffranchi: Die attraktivsten öffentlichen Bauauf­gaben werden glücklicherweise über Konkurrenzverfahren ausgeschrieben, bei denen der Lösungsansatz im Vordergrund steht. Die Motivation zur Teilnahme und zum Aufbau von hohen Kompetenzen ist damit gross. Da sollte man sich fragen: Bewältige ich die Aufgabe? Ist das Programm transparent? Gibt es einen angemessenen Folgeauftrag und wird das Urheberrecht anerkannt? Ausserdem sind die Zusammensetzung und die Kompetenzen der Jury relevant. Ein Programm zeigt auch die Qualität der Verfahrensbegleitung. Und man muss bereit sein, Kritik anzunehmen und daraus zu lernen.

Werfen wir einen Blick in die (nahe) Zukunft: Wie verändert KI das Urheberrecht?

Massimo Laffranchi: Die Praxis bei Architektur-, Ingenieur- und interdisziplinären Konkurrenzverfahren zeigt, dass die Vielfalt der Lösungen auch bei engen Rahmenbedingungen gross ist. Es ist schwer vorstellbar, dass die Anwendung von KI diese Vielfalt erheblich reduziert – im Gegenteil. Die Dualität des Entwurfs ergibt sich nicht als die Summe von objektiv messbaren Kriterien. Die Kompetenz und die diskussionsbasierte Arbeit einer heterogenen Jury und der individuelle Kontext des Werks sind weitere Faktoren, die gegen den vermeintlichen Nutzen von grossen Datenmengen zur Entwurfsgenerierung sprechen. Die Entwurfs- und Planungsleistung funktioniert nicht im Akkord, sondern ist ein kreativer Prozess.

Daniele Di Giacinto: Wer viele Wettbewerbe organisiert, sammelt dabei auch viele Daten – und diese könnten sich in Zukunft als wertvoll erweisen. Was mit einer Datensammlung möglich ist, war etwa an der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig zu sehen. Planende sollten sich daher gegen Data-Grabbing schützen und abwägen, wie viel sie digital preisgeben. Die Architektur wurde aber schon immer durch Publikationen und Referenzen weitergetragen. Problematisch wird es bei Kommerzialisierung und Intransparenz der Datensätze.


Abschliessende Frage: Wem gehört die Planung?

Daniele Di Giacinto: Der Gesellschaft, der wir verpflichtet sind. Wir bauen nicht für uns selbst, sondern als Teil eines Ökosystems. 

Massimo Laffranchi: Und damit wird die Planung als Resultat gespeichert und Teil unserer Baukultur sowie des gebauten Umfelds.

Sur ce sujet