Ein Ho­ch­haus mit we­nig Weit­sicht

Neubau Wache West und Stadtarchiv, Zürich; Projektwettbewerb, selektiv

Die neue 24-Stunden-Wache von Schutz & Rettung Zürich (SRZ) in Zürich-Aussersihl soll die Grundversorgung für die wachsende Bevölkerung sicherstellen und bildet zusammen mit dem Stadtarchiv den Auftakt für das sich wandelnde Letziquartier. Das Grossprojekt ­sichern sich Adrian Streich Architekten mit dem eleganten Entwurf «Fortepiano».

Date de publication
07-12-2023

Einst war der Rettungsdienst mit einer Sanitätsdroschke unterwegs. 1910 wurde das Pferd durch den ersten Kranken­wagen mit Elektromotor ersetzt, der eine Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h erreichte. Heute ist die SRZ eine hoch organisierte Einheit, zu der die Feuerwehr, der Sanitätsdienst, der Zivilschutz, die Einsatzleitzentrale 118/144 und die Feuerpolizei der Stadt Zürich gehören. Auch die Rettungsdienste des Flughafens Zürich sind integriert. Im letzten Jahr leistete der Rettungsdienst über 43 200 Einsätze, die Zentrale nahm über 154 800 Notrufe entgegen. Und im Notfall zählt jede Sekunde: Innerhalb von zehn Minuten nach Alarmierung sollten die Rettungskräfte den Einsatzort erreichen. Aufgrund des starken Bevölkerungswachstums kann das SRZ diese Zielvorgabe in den peripheren Gebieten der Stadt Zürich nicht mehr einhalten.

Die Standortstrategie des SRZ sieht daher mittelfristig sechs dezentrale Wachen vor, die Gebäude und Kompetenzen bündeln. Eine dieser Wachen ist die neue «Wache West» unweit des Stadions Letzigrund, gleich neben dem städtischen Schlachthof. Der Neubau soll die Einsatzzeiten von Zürich-Aussersihl bis Altstetten in Zukunft verbessern.

Neue Chance für ein Industriegebiet

Das Letziquartier wird sich in den kommenden Jahren stark verändern. Industrieareale sollen sich der ­Quartierbevölkerung öffnen, Stras­sen werden zu belebten «Stadtachsen» oder wie die Baslerstrasse gar zum «längsten Park der Schweiz». Im Rahmen des Masterplans «Werkstadt Zürich» wird das Areal der SBB-Werkstätten zu einem Raum für urbane Produktion und publikumsorientierte Dienstleistungen transformiert. Auch der Schlachthof, der direkte Nachbar der zukünftigen SRZ-Wache, wird ab 2030 Geschichte sein: Das Denkmal von kantonaler Bedeutung – gebaut mit roten und gelben Sichtbacksteinen in der Tradition der monumentalen Industriearchitektur – soll ein offener Ort im Quartier werden. Auf dem ehemaligen Centravo-Areal, an der Kreuzung von Hohl- und Hardgutstrasse, markiert die neue 24-Stunden-Wache den Beginn des Wandlungsprozesses.

Da die SRZ-Wache das Grund­stück nicht ausnützen würde, werden die heutigen drei Standorte des Stadtarchivs zentral zusammen­geführt. Die 24 000 Laufmeter Akten sollen oberhalb der Wache Platz finden. Die Anforderungen an den Betrieb sind aufgrund der gemischten Nutzung komplex: Das Zentralarchiv wird öffentlich zugänglich sein, während das Betreten der ­Wache nur autorisierten Personen erlaubt ist. Zudem müssen die Einsatzkräfte innerhalb von 75 Sekunden ausrücken können.

Innehalten – nachdenken

Die am Wettbewerb teilnehmenden Büros hatten eine starke städtebauliche Lösung zu entwickeln, die auch das denkmalgeschützte Schlachthof­ensemble berücksichtigt. Besonderes Augenmerk galt den öffentlichen Frei- und Grünräumen, die nahtlos in den Stadtraum integriert werden sollten. Wie in der heutigen Zeit angezeigt, soll der neue Bau ökologisch nachhaltig sein und viel Fläche für Photovoltaik-Anlagen und Dachbegrünungen bieten. Zum Zeitpunkt des Wettbewerbs gab es weder ein festes Nutzungskonzept für das Areal noch ein städtebauliches Leitbild für das Quartier. Dafür konnten die Teams unvoreingenommen kreative Lösungen entwickeln – eine interessante Architekturaufgabe, die viele namhafte Büros anlockte.

Bei der Bewertung der Projekte spielten das benachbarte Schlachthofensemble, der Strassenraum sowie die umliegende Infrastruktur wie das Stadion Letzigrund, die Busgarage Hardau und die vier Hardau-Hochhäuser eine wichtige Rolle. Wer diese Elemente miteinbezog und stärkte, erhielt Pluspunkte. Überdimensionierte Blockrandbauten betrachtete die Jury aus städtebaulicher Sicht hingegen kritisch.

Doch noch vor der Bewertungsphase stiessen die Auslobenden auf einen Stolperstein: Die neu überarbeiteten Hochhausrichtlinien erlaubten im Perimeter nur noch Höhen von bis zu 60 m – ohne Gestaltungsplan waren keine 80 m hohen Türme mehr möglich. Die fehlende Zeit für einen Gestaltungsplan führte zusammen mit der Überschreitung der ­Zielkosten und betrieblichen Defiziten in den Projekten dazu, dass die Jury die zwei vielversprechendsten Einreichungen «For­tepiano» und «Bello» gegen eine hohe Entschädigung überarbeiten liess.

Schlank und reduziert hoch

Das Rennen machten Adrian Streich Architekten, Ganz Landschaftsarchitekten und Schnetzer Puskas Ingenieure mit ihrem Beitrag «Forte­piano». Das gestaffelte Hochhaus überzeugte durch seine schlanke Form und den respektvollen Abstand zum Baudenkmal. Obwohl das Gebäude durch die neuen Richtlinien um 20 m gekürzt werden musste, bleibt es wohlproportioniert und setzt städtebaulich ein starkes Zeichen. Der Sockel übernimmt die Höhe der historischen Nachbargebäude und schafft damit einen harmonischen Übergang. Das Siegerteam entwickelte klare Adressen für die Wache West an der Hardaustrasse und das Stadtarchiv an der Hohlstrasse. Der Haupteingang zur Wache ist gegen Osten durch ein weit auskragendes Vordach gekennzeichnet. Neben seiner praktischen Funktion trennt die dünne Scheibe das Gesamtvolumen optisch am Übergang vom Sockel zum Turm.

Auch die Freiraumgestaltung fand Anklang bei der Jury: Die üppige Begrünung auf dem Hauptdach und der Dachterrasse im dritten Obergeschoss leistet einen wertvollen Beitrag zur Biodiversität und zum Stadtklima. Anstatt die PV-Anlagen auf das Dach zu verbannen, integrierten die Architekturschaffenden die Panels geschickt in die Fassade.

Trotz des Hightech-Looks fügt sich der Bau in die Umgebung ein und stärkt die historischen Bauten. Und obwohl das Projekt noch einige betriebliche Herausforderungen aufweist, hat das Gewinnerteam mit «Fortepiano» einen soliden Grundstein für das neue Quartier gelegt.

Plump und nicht hoch genug

Das zweitplatzierte Projekt «Bello» von EM2N Architekten, wh-p Ingenieure und Balliana Schubert Landschaftsarchitekten benötigte in der Überarbeitungsphase etwas mehr Zuwendung. Formal erfüllte die Hochhausscheibe zwar die betrieblichen Anforderungen, konnte die Jury jedoch aufgrund der architektonischen Gleichförmigkeit und der gedrungenen Proportionen nicht überzeugen. Man könnte die Wache mit integriertem Stadtarchiv durch sein plumpes Volumen als Solitär lesen, so die Befürchtung.

Die Begründung wirkt etwas fadenscheinig, ist doch ein Hochhaus per Definition ein Solitär. Um Fläche und damit Kosten zu sparen, kürzte das Team das Hochhaus in der Überarbeitung unglücklicherweise sogar auf 50 m. Die markante Dachkrone gibt dem Bau hingegen einen würdigen Abschluss gegen oben. Was dem Hochhaus fehlt, ist ein Sockel und eine klare Adresse: Das Volumen scheint direkt aus dem Boden zu wachsen und stellt räumlich keine Verknüpfung mit dem historischen Bestand her.

Im Gegensatz zu «Fortepiano» kommt beim Projekt «Bello» der intensiven Begrünung und den PV-­Anlagen eine untergeordnete Rolle zu: Da die Dachflächen als Technikparkplatz genutzt werden, fehlt dafür der Platz. Das ist be­dauerlich, da im Wettbewerbsprogramm von einer dicken Substratschicht von 1.5 m die Rede war; mit diesen Voraussetzungen hätten sogar kleine Bäume auf den Dächern wachsen können. Gut gelöst hat das Team hingegen das Erdgeschoss: Die Einsatzfahrzeuge verlassen die Ausfahrt der Wache in Richtung Hardgutstrasse und entlasten damit die Stichstrasse gegen Süden.

Nach den alten Richtlinien lag das Schlachthof-­Areal im Hochhausgebiet II mit Gebäude­höhen bis 80 m. Einen Tag vor Wettbewerbsausgabe veröffentlichte das Amt für Städtebau den Werkstattbericht zur Aktualisierung der Hochhausrichtlinien: Es würden drei Hochhausgebiete mit Höhenabstufungen definiert, neu dabei seien 60-m-Hochhäuser. Erst kurz vor der Jurytagung war klar: 80-m-Türme werden hier keine mehr bewilligt, und viele Teams hatten zu hoch gepokert. Einstufig geplant, wurde der Wettbewerb nolens volens zweistufig durchgeführt. Während «Fortepiano» die nötige Flexibilität mitbrachte und auf die Kürzung reagieren konnte, war es dem Team bei «Bello» nicht möglich, in der Überarbeitung viel auszurichten.

Dieser Artikel ist erschienen in TEC21 39/2023 «Sünden der Vergangenheit».

-> Jurybericht auf competitions.espazium.ch.

Teilnehmende

1. Rang, 1. Preis: «Fortepiano», Antrag zur Überarbeitung
Adrian Streich Architekten, Zürich; Schnetzer Puskas Ingenieure, Zürich; Ganz Landschaftsarchitekten, Zürich
2. Rang, 2. Preis: «Bello», Antrag zur Überarbeitung
EM2N Architekten, Zürich; wh-p Ingenieure, Basel; Balliana Schubert Landschaftsarchitekten, Zürich
3. Rang, 3. Preis: «Belvedere»
Christ & Gantenbein, Basel; Office Kersten Geers David van Severen, Brüssel; Perita, Zürich; Dr. Lüchinger + Meyer Bauingenieure, Zürich; Mosbach Paysagistes, Paris
4. Rang, 4. Preis: «Morandi»
ARGE Karamuk Kuo / Archobau, Zürich; Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel; Møfa studio, Zürich

Fachjury

Jeremy Hoskyn, Amt für Hochbauten (Vorsitz); Silva Ruoss, Architektin, Zürich; Roger Boltshauser, Architekt, Zürich; Philipp Fischer, Architekt, Zürich; Rita Illien, Landschaftsarchitektin, Zürich; Aline Vuilliomenet, Amt für Städtebau; Renate Walter, Architektin, Zürich (Ersatz)

Sachjury

Claudia Allerkamp, Schutz & Rettung Zürich; Andrea Wild, Stadtarchiv Zürich; Hermann Horlacher, Immobilien Stadt Zürich; Willem Hiddink, Immobilien Stadt Zürich; Lukas Knörr, Kantonale Denkmalpflege Zürich; Felix Bosshard, Quartiervertretung Aussersihl (Ersatz)

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