Oper und Thea­ter sind Orte der Au­sei­nan­der­set­zung

Neues Luzerner Theater; Zweistufiger Projektwettbewerb im offenen Verfahren

Die Diskussion um die Rolle der Bühnen in der Stadt und in der Gesellschaft hat mit dem Wettbewerb für das Neue Luzerner Theater eine weitere Dimension erhalten. Gehen Zukunftsvisionen und alter Baubestand zusammen?

Date de publication
16-03-2023

Bühnen sind Orte der Kritik, sie bieten Raum für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse. Doch nicht nur in den Stücken selbst, auch in der Aus­einandersetzung um den Um- oder Neubau der Spielorte entstehen Diskussionen, die gängige Verfahren der Bau- wie auch Theaterproduktion und die Rolle von Oper und Theater in unserer spätmodernen Gesellschaft neu verhandeln. So machte die Auslobung für das Neue Luzerner Theater auch offensichtlich, dass neben den Ansprüchen an das Theatergebäude als Spielstätte die Rolle und Bedeutung des Gebäudes im städtischen Kontext ebenso entscheidend sind, für die Stadt selbst wie für die städtische Gesellschaft.

Prominent eingewachsen

Dabei steht ausser Frage, dass das im Inneren mehrfach angepasste klassizistische Theatergebäude des Luzerner Theaters von 1839 nicht mehr den Anforderungen an einen zeitgemässen Betrieb entspricht.

Der einzig grössere Umbau erfolgte 1968–1970. In diesem Zug wurden die Werkstätten ausgelagert und das Foyer in einen Anbau zum Theaterplatz verlegt. Gleichzeitig steht das Haus an prominenter Stelle im historischen Luzerner Stadtgefüge am Ufer der Reuss, zu der auch die Schaufassade ausgerichtet ist. Die hier verlaufende Bahnhofstrasse mit den Verbindungen von Kapellbrücke und Rathaussteg rückt das Theater ins Zentrum der Fussgängerströme und in das des städtischen Lebens. Die benachbarte Jesuitenkirche ist der erste grosse barocke Kirchenbau in der Schweiz (erbaut 1677).

Luzern ist im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz ISOS als Ortsbild von nationaler Bedeutung eingetragen. Der Planungsperimeter liegt in einem Gebiet, das mit dem höchsten Erhaltungsziel, dem Substanzschutz, belegt ist.

Das Luzerner Theater teilt damit das Schicksal vieler historischer Theaterbauten in gewachsenen Strukturen: Die Ansprüche an den Betrieb wandeln sich, aber die Rahmenbedingungen, um darauf zu reagieren, setzen dem Vorhaben klare Grenzen.

Wie weiter?

Ganz grundsätzlich steht die Frage, ob das bestehende Gebäude durch Umbauten weiterhin bespielbar ist, oder ob dazu ein Rück- und Neubau erforderlich ist oder gar eine Verlagerung des Standorts, wobei dies für das Luzerner Theater keine Option darstellte. Seine Modernisierung ist ein Balanceakt zwischen dem Anspruch an seine Gestaltung, dem Bezug zum Bestand und dem Übersetzen in eine zeitgemässe Theaterstruktur, zwischen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der Forderung an ein ressourcenschonendes Bauen.

Die Frage von Weiterarbeiten mit den Beschränkungen des Bestands versus Neubau ist verbunden mit dem Ausbalancieren unterschiedlicher Interessen von Stadt und Kanton, der Betreiberin, den rund 350 Mitarbeitenden, den Thea­terbesuchenden, den Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen, Touristen, etc. Ein solches Vorhaben setzt damit notwendigerweise Aushandlungsprozesse in Gang. Dass diese Prozesse auch zum Scheitern eines Projekts führen können, haben Verfahren in Basel und Zürich gezeigt (vgl. Abschnitte weiter unten).

Theater im Wettbewerb

Ein weiterer Aspekt, mit dem Kultureinrichtungen konfrontiert sind, ist ihre Bedeutung für das Stadtmarketing. Wie andere Städte steht Luzern im nationalen und internationalen Wettbewerb der Vermarktung als besonderer Standort mit dem Versprechen singulärer Qualitäten. Die in den 1990er-Jahren einsetzende und inzwischen zu einer Flut an Veranstaltungen ausgeweitete Event­kultur hinterlässt auch in Luzern ihre Spuren. Im Verbund mit dem KKL und dessen Residenzorchester, dem Luzerner Sinfonieorchester, soll das Neue Luzerner Theater das kulturelle Angebot auf sehr hohem Niveau erhalten und erweitern, auch um ein architektonisches Highlight.

Wettbewerb für Ideen offen

Die Verantwortlichen in Luzern wissen um die Mehrdimensionalität ihres Vorhabens. Die Vorbereitung des Wettbewerbsprojekts erfolgte entsprechend umsichtig (vgl. Kasten S. 11). Insbesondere die Frage Erhalt versus Neubau wurde intensiv geprüft und in der Wettbewerbsauslobung schliesslich offengelassen. Das Raumprogramm forderte neben dem grossen und dem kleinen Saal auch ein Studio: damit war die Organisation dieser drei Säle das zentrale Thema. Liest man zwischen den Zeilen, so könnte man vermuten, dass die Initianten, die Projektierungsgesellschaft Neues Luzerner Theater, zunächst von einem Rückbau des historischen Gebäudes ausgingen, auch vor dem Hintergrund des geforderten Raumprogramms.

Was kann also ein altes /neues Theater am Standort leisten, für die Stadt, den Stadtraum, für das Theater, die Bevölkerung und was nicht? Beachtenswert ist, dass die Stadt einen offenen zweistufigen Wettbewerb ausschrieb und auf explizite Einladungen verzichtete. Der Aufwand lohnte sich, die eingereichten 128 Arbeiten zeigen eine grosse Bandbreite an möglichen baulichen Lösungen. Von der ikonischen Schauarchitektur als Neubau bis zum ein neues Ensemble schaffenden Anbau reichen denn auch die Vorschläge.

«überall» erweitert

Der mit dem ersten Rang ausgezeichnete Beitrag der Zürcher Architekten Ilg Santer «überall» erhält die historische Theaterhülle sowie zentrale Elemente im Inneren und stellt ihr eine Erweiterung zur Seite, die formal einen eigenständigen Ausdruck sucht mit zwei giebelseitig zur ­Reuss stehenden Satteldachvolumen, die einmal den Bühnenturm des grossen Saals und einmal den mittleren Saal aufnehmen. Die Hülle selbst, eine gedämmte Fassade mit aussenliegender Verkleidung, erzählt noch wenig über den tatsächlichen Ausdruck, der jedoch für die stadträumliche Wirkung entscheidend sein wird. Formal wirkt sie im innerstädtischen Umfeld zunächst fremd. In der historischen Hülle liegt im ehemaligen Zuschauersaal das mehr­geschossige Foyer, von dem aus die drei Säle erschlossen werden. Elemente des alten Saals wie die Brüstungen der Ränge bleiben erhalten. Durch die Nutzung von Teilen der bestehenden Struktur treten Alt und Neu im Inneren in einen Dia­log, die räumliche Komposition ist eine besondere und kann nur aus dieser Haltung entstehen.

«Sigrid» überdacht

Die mit dem zweiten Rang prämierte Arbeit «Sigrid» der Lausanner Architekten Fruehauf, Henry & Viladoms schlägt als Neubau ein quaderförmiges Volumen vor, dass zur Reuss hinter einer grossen, schrägen Dachfläche verschwindet, über die lediglich der Bühnenturm hinausragt. Darunter liegt eine gross­zügige Foyerzone mit Gastronomie. Stadträumlich betont die additiv angefügte Dachfläche den solitären Charakter des Neubaus, steht jedoch formal im Stadtgefüge isoliert.

«Giudecca» entkernt

Die drittrangierten Knapkiewicz & Fickert haben bei ihrem Beitrag «Giudecca» die Hülle des alten Thea­ters erhalten, dieses jedoch entkernt. Der Hauptzugang ist im Altbau, zur Reuss orientiert, der grosse Saal streckt sich mit dem Zuschauersaal in das alte Volumen hinein. Über dem Foyer liegen der mittlere Saal und das Studio. Die sorgfältig ausgebildete Fassade des Neubaus öffnet den Dialog zwischen Jesuitenkirche und der klassizistischen Nordfassade des Bestandsbaus mit Tempelmotiv. Die Akzentuierung der Treppenhäuser in Form turmartiger Eckrisalite rhythmisiert die Fassadenabwicklung. Die formal eigenständige Ausformulierung birgt ein hohes Mass an Zeitlosigkeit und Selbstverständlichkeit.

Es sind insbesondere die Beiträge, die mit dem Bestand arbeiten, die im Inneren vielversprechende räumliche Angebote formulieren und die im Dialog zwischen Alt und Neu diskussionswürdige Positionen schaffen. Im Umgang mit dem Vorhandenen entsteht ein Raumangebot, das auf eben dieses reagieren muss und damit in seiner Ausformulierung ein hohes Mass an Besonderem schafft. Dies zeigt sich auch im Umgang mit dem Kontext. Hier liegt die eigentliche Schwäche des Siegerprojekts. Die wenig ausformulierte Fassade der Erweiterung wird entscheidend sein für die stadträumliche Wirkung. «überall» ist hier noch zu wenig fassbar.

Dieser Artikel ist erschienen in TEC21 8/2023 «Klangfarben einer Renovation».

-> Jurybericht und Pläne auf competitions.espazium.ch.

Auszeichnungen

1. Rang / 1. Preis: «überall»
ilg santer architekten, Zürich; Fürst Laffranchi Bauingenieure, Wolfwil SO
2. Rang / 2. Preis: «Sigrid»
Fruehauf, Henry & Viladoms, Lausanne; Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel
3. Rang / 3. Preis: «Giudecca»
Knapkiewicz & Fickert, Zürich; Conzett bronzini Partner, Chur

FACHJury

Patrick Gmür, Architekt, Zürich (Fachvorsitz); Jette Cathrin Hopp, Dipl.-Ing. Arch., Oslo; Jörg Friedrich, Professor für Entwurf und Architekturgeschichte, Hamburg; Arno Lederer, Professor für Architektur, Stuttgart; Annette Gigon, Prof. für Architektur, Dipl. Architektin, Zürich; Anna Jessen, Prof. Dipl. Architektin, Basel; Andi Scheitlin, Dipl. Architekt, Luzern; Pascal Hunkeler, Stadtarchitekt, Luzern; Rita Illien, Landschafts­architektin, Zürich

SACHJury

Beat Züsli, Stadtpräsident Luzern (Vorsitz); Marcel Schwerzmann, Regierungsrat, Bildungs- und Kultur­direktor Kanton Luzern; Birgit Aufterbeck Sieber, Präsidentin Stiftung Luzerner Theater; Ina Karr, Intendantin Luzerner Theater; Numa Bischof Ullmann, Intendant Luzerner Sinfonieorchester; Michael Häfliger, Intendant Lucerne Festival; David Keller, Vertreter Stiftung Neues Theaterhaus

 

Scheitern in Basel und Zürich

In Basel wurde der Entwurf von Zaha Hadid Architects, der das alte Stadtca­sino Basel durch einen im Volumen grös­seren und im Erscheinungsbild singu­lären Neubau ersetzt hätte, 2007 vom Volk abgelehnt. In der Folge entschied man sich für den Umbau des Casinos durch Herzog & de Meuron. Das erweiter­te Stadt­casino eröffnete 2020, Alt und Neu sind zu einer neuen Einheit verbunden, der Barfüsserplatz räumlich gefasst, aber nicht beschnitten.

In Zürich entbrannte die Diskus­sion um den Erhalt des Theatersaals im Stadttheater Pfauen. Auch in Zürich stand zunächst der Wunsch nach einer umfassenden Erneuerung, also einem Neu­bau des Saals. Während das Theater selbst und der Zürcher Stadtrat dessen Erneuerung bevorzugten, lehnte der Zürcher Gemeinderat dies 2022 ab. Verschärft wird die Diskussion in Zürich durch die Geschichte des 1892 errichteten und mehrfach umgebauten Hauses. Unter seinem Direktor Ferdinand Rieser (1929–1938) wurde das Haus durch die Verpflichtung zahlreicher emigrierter Schauspielerinnen und Schauspieler nicht nur international bekannt, sondern führte als einzige freie deutschsprachige Bühne in dieser Zeit antifaschistische Stücke, unter anderem von Bertolt Brecht, auf. Der Theatersaal gilt bis heute als bedeutendes Denkmal einer «geistigen Landesverteidigung». Später fanden Uraufführungen von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt hier statt. Dass vor diesem Hintergrund der Abriss des Saals auch eine Frage des Umgangs mit Zeitzeugen ist, steht aus­ser Frage: Die Debatte ist hier noch nicht zu Ende.

Projektannäherung

Ausloberin des Wettbewerbs Neues Luzerner Theater ist die Projektierungsgesellschaft Neues Luzerner Theater, zu der die Stadt Luzern, der Kanton Luzern, die Stiftung Luzerner Theater, das Luzerner Sinfonieorchester, Lucerne Festival, die Stiftung Neues Theaterhaus und die freie Theater- und Tanzszene gehören. Im Rahmen einer Testplanung (November 2017 bis Mai 2018) evaluierte man zunächst die Möglichkeiten des Um- gegenüber des Neubaus. Dazu wurden den drei beteiligten Büros, HHF Architekten, ARGE Büro Konstrukt und TGS Architekten sowie Bosshard & Luchsinger Szenarien vorgegeben. Eine eindeutige Posi­tion liess sich jedoch nicht ableiten. Im Schlussbericht, herausgegeben durch die Stadt Luzern, Bildungs- und Baudirektion, sind die Vorteile beider Optionen entsprechend klar benannt: «Ein Theaterneubau erlaubt mehr Flexibi­lität in Bezug auf die Erfüllung des Raumprogramms, ein Umbau mit Ergänzungsneubau besitzt dafür mehr Potenzial im Anknüpfen an die Identität des Ortes.» Das Gutachten zur Testplanung der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission ENHK und der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege EKD von Juli 2019 dagegen favorisiert deutlich den Erhalt des bestehenden Baus, da «das gewünschte Raumprogramm den Standort in städtebaulicher Hinsicht strapaziert, weshalb dieses im weiteren Verfahren noch zu reduzieren sei, … .» Ein neues Theater müsste sich in Dimension und Grösse am jetzigen Standort einfügen, ohne die Jesuitenkirche zu bedrängen und den Raum zu überformen. Die Kommission forderte zudem, die Wirkung des Solitärs zu erhalten. Diese Haltung ist bei Erweiterungsbauten der 1980er-Jahre zu finden, etwa der Erweiterung der Zürcher Oper um das Bernhard Theater 1984 nach Plänen von Claude Paillard.Auf Grundlage dieser Ergebnisse führte das Büro Bosshard & Luchsinger 2020 eine Machbarkeitsstudie durch, um zu prüfen, ob das Vorhaben des Ersatzes des bestehenden Theatersaals mit den im Gutachten von ENHK und EKD aufgeführten Rahmenbedingungen realisiert werden könnte. Die Studie favorisierte mit Hinblick auf die programmatischen Anforderungen den Rückbau des Hauptvolumens, um dieses in den gleichen Umris­sen und um ein Geschoss erhöht wieder aufzubauen, primär aus statisch-konstruktiven Gründen (ein Erhalt der Aussenwände hätte umfangreichere Siche­­rungsmassnahmen erfordert). Die stadträumlich wirksame und kunsthistorisch bedeutende klassizistische Fassade zur Reuss hin blieb erhalten.

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