Le­ben ohne festes Ob­dach

Auf das Thema Obdachlosigkeit hat jüngst die Ausstellung «Who’s next?» im Münchner Architekturmuseum hingewiesen. Sie machte deutlich: Auch in reichen Ländern, zumal in Städten mit hohem Mietenniveau, Zuwanderungsdruck und angespanntem Wohnungsmarkt, existiert sie als gesellschaftliche, administrative und planerische Herausforderung. Zur Ausstellung ist ein lesenswerter Katalog erschienen.

Date de publication
15-02-2022

Rein zahlenmässig scheint das Problem zumindest in Zürich kaum der Rede wert: Täglich suchen im Schnitt nur rund 23 Personen die städtische Notschlafstelle auf, um die Nacht nicht im Freien verbringen zu müssen. In einer Stadt mit mehr als 430'000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist diese Zahl verschwindend klein.

Allerdings sind die Klientinnen und Klienten der Notschlafstelle nur die sichtbarste Gruppe eines tiefer reichenden Problems: Wenn sie die Unterkunft am Morgen verlassen, sind sie zumindest bis zum nächsten Abend Teil der auf der Strasse sichtbaren Obdachlosigkeit, ebenso wie die weiteren rund 30 Personen ohne Obdach in Zürich, die nachts indes nicht die Notschlafstelle ansteuern – etwa, weil sie ohne legalen Aufenthaltsstatus in der Schweiz sind. Daneben umfasst das Phänomen der Obdachsuche aber auch weniger sichtbare Teile, wie die derzeit 23 Zürcher Familien, die in einer städtischen Notunterkunft leben. Weitere 50 Einzelpersonen und 122 Familien (insgesamt 406 Menschen) wohnen aktuell befristet in anderen städtischen Fürsorge- und Übergangseinrichtungen, gelten allerdings nicht als «obdachlos», da die Stadt mit ihnen Betreuungs- und Beherbergungsverträge geschlossen hat.

Studie «Obdachlosigkeit in der Schweiz»

Anfang Februar ist eine schweizweite Studie zur Obdachlosigkeit publiziert worden, die im Auftrag des Bundesamts für Wohnungswesen von der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW erstellt wurde. Im Zentrum steht die Frage, was die Kantone und Gemeinden gegen Obdachlosigkeit unternehmen und wie sie diese zu verhindern suchen. Die Untersuchung gibt einen Überblick über Massnahmen der Sozialfürsorge und beleuchtet kantonale Unterschiede. An die Gemeinden, die Kantone und den Bund werden Empfehlungen ausgesprochen; eine davon lautet «Wohnraumversorgung verbessern» – was sich nur mittelbar an Planerinnen und Planer richtet, diese aber doch zu Initiativen ermutigen sollte.

Wen trifft es als Nächstes?

Eine Ausstellung im Architekturmuseum der TU München hat Obdachlosigkeit jüngst ebenso sichtbar gemacht wie Versuche, ihr mit Mitteln der Architektur zu begegnen. Schon ihr Titel machte deutlich, dass das Problem eine enorme Reichweite hat: «Who’s next?», fragten die Ausstellungsmacherinnen um Kurator Daniel Talesnik und drückten damit aus, dass es – auch ohne eigenes Verschulden – potenziell jeden und jede treffen kann.

Dass die Ursachen der Obdachlosigkeit ebenso wie ihre Symptome vielfältig sind und die Pandemie die Lage vielerorts noch verschärft hat, wurde in der Ausstellung am Beispiel von acht Grossstädten deutlich. Als einzige europäische Metropole taucht hierunter Moskau auf; die anderen Städte sind New York, San Francisco, Los Angeles, São Paulo, Mumbai, Shanghai und Tokio. Mithilfe statistischer Daten wurden die dortigen Bedingungen so weit wie möglich «eingeebnet», um neben der jeweils (offiziellen) Zahl der Obdachsuchenden beispielsweise Erwerbslosenzahlen, monatliche Durchschnittseinkommen oder den mittleren Kaufpreis pro Quadratmeter zu veranschaulichen.

Dieser lag 2020 in New York wenig überraschend bei schwindelerregenden 15'323 Euro, in Mumbai dagegen bei 2299 Euro – die Relation aber stellt sich her, wenn man das mittlere Jahreseinkommen pro Kopf berücksichtigt und feststellt, dass dieses in beiden Städten gerade einmal ausreichen würde, um wenig mehr als zwei Quadratmeter Grundbesitz zu erwerben. Die sprichwörtliche «Schere» wird bei solchen Zahlen fassbar.

Lösungsansätze vor Ort

Gemäss der Devise «Think global, act local» ist die Ausstellung nicht bei solchen Metadaten zur Obdachlosigkeit in globalen Metropolen stehen geblieben. Dramaturgisch aufbereitet als Gang durch ihre drei Räume, hat sie ebenso konkrete architektonische Interventionen aus verschiedenen Ländern präsentiert, mit denen Schlaf- und temporäre Wohnmöglichkeiten für Obdachsuchende bereitgestellt werden. Die eigens angefertigten puppenstubenartigen Modelle dürften die verschiedenartigen Ansätze für ein breites Publikum zugänglich gemacht haben. Zwar haben sie es nicht in den lesenswerten Katalog geschafft, doch auch dort sind sämtliche Beispiele mit Plänen, Fotos und Kurztexten versammelt.

Unter den knapp 20 Beispielen vornehmlich aus den USA, Grossbritannien, Deutschland und Österreich ist «VinziRast» in Wien (gaupenraub +/-, 2010–2013) zu finden, das im Sinn eines integrativen «Co-Living» Appartements für ehemalige Obdachlose und Studierende bietet. Unweit der Ringstrasse gelegen, ist das Haus über Restaurant, Dachgarten und Veranstaltungsräume mit dem öffentlichen Raum verschränkt.

Ein ähnliches Programm wie die eingangs erwähnte Zürcher Notschlafstelle – «Ein Bett für eine Nacht» – verfolgt der «Lebensraum o16» am Frankfurter Ostpark (Michel Müller/HKS Architekten, 2009–2018) mit seiner auffälligen metallenen Schindelfassade, die ein selbstbewusstes Signal in den Stadtraum sendet. Mit der Notwohnsiedlung «Brothuuse» (Baubüro in situ, 2010–2012) in Zürich Affoltern ist auch ein Schweizer Beispiel dabei. Die von der Stiftung Sozialwerk Pfarrer Sieber betriebene Anlage bietet bis zu 50 Menschen eine vorübergehende Bleibe, ergänzt um sozialarbeiterische Betreuung.

Solche privaten Initiativen, die städtische Angebote flankieren, sind vielerorts ein wichtiger Pfeiler der Integration von Obdachsuchenden. Denn der Katalog zeigt, dass Obdachlosigkeit längst nicht allerorts in ihrer gesellschaftlichen Dimension erfasst worden ist, teils noch immer kriminalisiert wird oder im Pauschalverdacht des persönlichen Scheiterns steht. Wirksame Hilfe bieten dann oft nur private Initiativen an.

Hinaus in die Stadt

Mit ausgesuchten Gestaltungselementen wurde in der Münchner Ausstellung versucht, «Bezüge zum Lebensraum wohnungsloser Menschen» herzustellen, so Ausstellungsarchitektin Carmen Wolf: Farbige Stoffbahnen symbolisierten Baumkronen – und damit den «Lebensraum» Park –, mit stilisierten Litfasssäulen hielt ein Element des städtisches Raums Einzug ins Museum. Über pinkfabene Bodenmarkierungen wurde den Besucherinnen und Besuchern vor Augen geführt, wie viel (oder wenig) Platz Obdachsuchenden in der Münchner Notunterkunft Bayernkaserne zur Verfügung steht – die Klebebänder markierten Betten und Bettenabstände im Massstab 1:1. Ein nicht auf alle Einrichtungen übertragbares Muster. Aber doch ein grell leuchtender Hinweis darauf, dass mit dem Verlust der Wohnung mehr verloren geht als «nur» ein Dach über dem Kopf.

Indem die Litfasssäulen zudem an einigen Orten in der Stadt zu finden waren, sendete die Ausstellung Signale an die Stadtgesellschaft. So konnte man etwa auf dem Vorplatz des NS-Dokumentationszentrums erfahren, dass unter dem Begriff «Asoziale» in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur eine Vielzahl marginalisierter Gruppen subsumiert wurde, zu denen auch Wohnungslose zählten. Aufgrund derartiger Stigmatisierung sahen sie sich mit repressiven Massnahmen konfrontiert, die bis hin zu Internierung und Zwangssterilisation führen konnten. Eine weitere Säule fand sich ein paar Strassen weiter vor der Abteikirche St. Bonifaz. Das zugehörige Haneberghaus ist ein bekannter Anlaufpunkt für Obdachlose, mit medizinischer Versorgung, Waschgelegenheiten und Suppenküche. So informierte die hier aufgestellte Litfasssäule über die Bedeutung solcher privaten, oft von Freiwilligen getragenen Einrichtungen für die Obdachlosenfürsorge.

Ebenso wie die Ausstellung sind auch diese Installationen inzwischen abgebaut. Ein dem Katalog als lose Beilage beigegebenes Glossar ermöglicht jedoch die Nachlese der auf ihnen thematisierten Schlüsselbegriffe. Das Buch sorgt dafür, dass Obdachlosigkeit als nicht nur planerisch zu bewältigende Aufgabenstellung in Erinnerung bleibt. Seine grosse Stärke liegt darin, das weite internationale Panorama aufzumachen, dabei aber die Besonderheiten lokaler Modelle, Initiativen und architektonischer Lösungsansätze im Auge zu behalten. Aber auch die Unmittelbarkeit der Ausstellung wird erneut aufleben, wenn «Who’s next?» im kommenden Oktober im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen sein wird. Bei der Omnipräsenz ihres Gegenstands ist es nur folgerichtig, dass diese Schau an andere Orte wandert – vielleicht ja auch einmal in die Schweiz?

Weitere Infos zur Ausstellung: www.architekturmuseum.de

Ausstellungskatalog

Daniel Talesnik, Andres Lepik (Hg.), Who's Next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt. ArchiTangle, Berlin 2021. 272 Seiten zzgl. 16 Seiten Beileger, 155 Fotos, 57 Pläne und Grafiken, Pläne und Zeichnungen, 23.5 × 30.5 cm, fadengehefteter Pappband, dreiseitig beschnitten, mit Einleger, ISBN 978-3-96680-018-1, 69.90 Fr.

 

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