«Wir ver­las­sen un­sere Kom­fort­zone»

Die alteingesessene Berner Kommunikationsagentur Contexta gab im August 2019 ihre Büroräume auf und befindet sich seitdem auf Wanderschaft. Das Ziel: näher zu den Menschen. Ob und wie das funktioniert, erzählen Inhaberin Nadine Borter, CEO Thomas Frésard und Creative Director Adrian Staehelin.

Date de publication
25-06-2020
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Contexta wurde 1968 gegründet und betreut mit 35 Mitarbeitenden Kunden wie die SBB, Appenzeller Käse oder Wallis / Valais Promotion. Die Büroräume befanden sich zuletzt in einer alten Mühle im kreativ-hippen Berner Mattequartier, direkt an der Aare. Wir führen dieses Interview Anfang April 2020 – wir arbeiten im Homeoffice, die Interviewpartner von Contexta befinden sich auf der dritten Station ihrer Reise. Nach dem Schwimmbad Letzigraben in Zürich (August bis September 2019) und der Jugendherberge in Wollishofen (Oktober bis Dezember 2019) sind sie noch bis Ende Juni im Restaurant «dieci allo zoo» eingemietet, direkt beim Zürcher Zoo. Die nächste Station wird das Kulturhaus Kosmos an der Europaallee sein.

TEC21: Frau Borter, Herr Staehelin, Herr Frésard, dieses Interview führen wir mitten im Shutdown. Was für Auswirkungen haben die Massnahmen zum Schutz vor Covid-19 auf Ihren Arbeitsalltag?

Nadine Borter: Als Nomaden war für uns die Umstellung nicht so extrem. Die Feedback-Kultur und viele Prozesse, die man braucht, wenn nicht alle gleichzeitig im Büro arbeiten, gehören bei uns zum Standard. Die Stimmung im Team ist gut. Aber als Dienstleister sind wir natürlich darauf angewiesen, was unsere Kunden tun.

Thomas Frésard: Geholfen hat, dass wir bereits, als wir ins Nomadentum konvertiert sind, die ganze IT in die Cloud ausgelagert hatten. Wir haben keine Server mehr, alles ist mobil. Da war der Wechsel zum Homeoffice IT-mässig kein Problem.

Was war der Anlass, dass Sie sich für das Nomadentum entschieden haben?

Nadine Borter: Nomaden zu werden war das Resultat eines Strategieprozesses. Als Menschen, denen das Herz aufgeht, wenn es um Marken geht, ums Storytelling, haben wir uns gefragt, wie die Kultur unserer eigenen Agentur sein soll. Wie können wir erfolgreicher und qualitativ besser werden? So haben wir vor zweieinhalb Jahren angefangen, unsere Prozesse umzustellen, und uns Gedanken gemacht, was wir wirklich brauchen. Am Ende stand die Erkenntnis, dass wir näher zu den Menschen wollen, aus unserer Komfortzone heraus, unseren Ballast abwerfen. Wir möchten uns auf unsere Projekte fokussieren. Alle Nebenthemen erübrigen sich, wenn wir einer intrinsischen Motivation folgen.

Dann haben wir erkannt, dass wir dafür keine eigenen Büroräume brauchen. Hier kam Atelier Oï ins Spiel: Wir haben die Designer gefragt, wie ein temporäres Büro aussehen könnte, das unsere DNS trägt und gleichzeitig in sechs Stunden verpackt und wieder aufgebaut werden kann, ohne dass wir dadurch zu einem Umzugsunternehmen werden.

Wie sind Ihre Ideen bei der Umsetzung eingeflossen? 

Nadine Borter: Wir hatten unsere Bedürfnisse relativ klar definiert. Die Schwierigkeit lag darin, unsere Ideen baulich umzusetzen. Dafür haben wir die Profis dazugeholt – wir wollten nicht nur ein schön designtes Möbelstück, sondern auch ein funktionales Konzept. Es ging nicht darum, Geld zu sparen, sondern unsere Identität auch in einem fremden Umfeld zu wahren. Das Ergebnis ist eine Box im Euro-Paletten-Format. Schreibtisch, Trennwand und ein Staumöbel können zum Arbeitsplatz zusammengesteckt werden, fixiert wird das Ganze mit einem Spanngurt. Alle Bestandteile werden gebraucht, nichts ist überflüssig. Details und Dimensionen sind so aufeinander abgestimmt, dass sie sowohl beim Arbeiten als auch beim Umzug funktionieren.

Sie sind jetzt schon einige Male umgezogen. Hat sich das System bewährt?

Nadine Borter: Es hat alles funktioniert. Wir sind aus einem Grossraumbüro gekommen und haben uns bewusst dafür entschieden, nur das mitzunehmen, was man für den kreativen Prozess braucht. Aber wir haben bisher nie das Gefühl gehabt, dass etwas fehlt. Früher ist man in den Materialraum gegangen und hat sich noch einen grünen Stift geholt. Und jetzt nimmt man halt den roten, den man hat.

Bauen Sie alles selbst auf und ab?

Thomas Frésard: Das machen wir alles selbst, mit einem Kleinlaster zum Mieten und einem Palettenrolli.

Nadine Borter: Die Boxen sind so konzipiert, dass man sie zu zweit tragen kann. Jede Box beinhaltet einen kompletten Arbeitsplatz mit Lampe, Kabel Leuchte, Stuhl.

Und die Kosten?

Thomas Frésard: Wir haben einen sechsstelligen Betrag in Entwicklung und Produktion unseres Nomadenbüros investiert. Diesen schreiben wir über mehrere Jahre ab. Ausserdem haben wir in eine serverfreie, sichere und schnelle IT-Lösung investiert. Die Betriebskosten sind leicht tiefer als vorher. Das Nomadentum ist gleich aufwendig wie ein «Normal­betrieb» – der Mehrwert entsteht nicht kostenseitig, sondern in der besseren Arbeit für unsere Kunden.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Orte aus, an die Sie ziehen?

Nadine Borter: Wir wollen möglichst nah zu den Menschen. Dahin, wo etwas passiert; wo sich das echte Leben abspielt.

Die bisherigen Standorte – Freibad, Jugendherberge, Pizzeria – befinden sich alle in der Stadt. Könnten Sie sich auch vorstellen, aufs Land zu ziehen oder zum Beispiel auch in eine Berghütte?

Nadine Borter: Grundsätzlich ja. Aber aktuell sind wir mit diesem Konzept erst am Anfang. Wir wollen Schritt für Schritt vorwärts gehen, mit der ganzen Agentur, mit jedem einzenen Mitarbeiter – und das Ganze auch nicht überstrapazieren. Wir haben auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Bern oder aus Basel. Würden wir beispielsweise ins Wallis ziehen, würde das wegen des langen Arbeitswegs bedeuten, mehrere Tage am Stück dort zu sein. Deswegen gilt aktuell die Maxime: Der Arbeitsweg sollte nicht länger als 1 Stunde 30 Minuten sein. Daraus ergibt sich der Radius, in dem wir uns bewegen können.
 

Eine ausführlichere Version dieses Artikels finden Sie in TEC21 19/2020 «Die Auflösung des Büros».

Wie reagieren jeweils die Verantwortlichen eines möglichen Standorts, wenn Sie anfragen?

Nadine Borter: Wir sprengen immer das System. Es ist wichtig, dass man ein Gegenüber hat, das bereit ist, sich die Idee anzuhören. Diese Hürde muss man erst einmal überwinden – das ist nicht ganz einfach. In der Regel gehen die Leute davon aus, dass wir ihren Raum tageweise mieten möchten, und sind von unserem Konzept überrascht.

Thomas Frésard: Die schnellste Absage haben wir von der Kantonspolizei bekommen. Viele finden die Idee spannend, haben dann aber das Gefühl, das passe nicht in ihre Infrastruktur. Ab und zu findet man dann jemanden, der sich für die Idee begeistert, und plötzlich eröffnen sich neue Möglichkeiten. Entscheidend für uns ist, dass ein Ort uns neue Impulse geben kann. Sonst können wir ja auch daheim bleiben.

Adrian Staehelin: Es ist wichtig, dass man das Konzept unterstützt. Keine Institution ist darauf vorbereitet, dass eine 35-köpfige Agentur zu ihnen kommt und dort mehrere Monate arbeitet. Dafür gibt es ja keinen Präzedenzfall. Aber wenn man sich darauf einlässt, können wir uns gegenseitig befruchten.

So eine Kooperation könnte ja auch auf der Gegen­seite Spuren hinterlassen. 

Nadine Borter: Beim Freibad Letzigraben gab es so eine Entwicklung. Hier fragten wir uns, warum dieser wunderbare Ort im Winter nicht als Stadtpark geöffnet ist – offenbar nicht als Erste, denn die Grünen hatten bereits einen Vorstoss eingegeben. Die Leitung der Badi hat uns dann in die Entwicklung von Ideen für die Nutzung im Pilotbetrieb involviert.

Hat das Nomadentum das Arbeitsklima beeinflusst?

Thomas Frésard: Ganz klar. Und es ist erstaunlich, wie schnell das passiert ist. Wir hatten lang geplant und vorbereitet, und dann kam der Tag, an dem wir im Letzibad waren, in den zwei Räumen mit unseren Boxen. Und es entwickelte sich eine unglaubliche Eigendynamik. Ich dachte, es würde Monate dauern, bis wir uns an die neue Situation gewöhnt haben würden, stattdessen war die ganze Agentur nach einer Woche wie ausgewechselt. Weil wir nur noch auf uns gestellt waren, quasi in einer Art von kontrolliertem gemeinsamem Notzustand, fühlten sich plötzlich alle verantwortlich.

Ist das Modell ein Plus bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter?

Adrian Staehelin: In unserer Branche gilt: Je ausgeflippter das Konzept, desto mehr muss man dahinterstehen, um es glaubwürdig zu vertreten. Das gilt auch für uns intern. Die Agenturwelt ist klein. Wer zu uns kommt, stützt das Konzept.

Thomas Frésard: Wir haben nebenher auch eine Art «Entwicklungsabteilung», wo wir Lösungen für Themen suchen, die uns interessieren und bei denen wir denken, wir könnten einen konstruktiven Beitrag leisten – ohne Auftrag. Erst nachher gehen wir damit auf potenzielle Kunden zu. Dafür braucht man Mitarbeitende mit einem grossen Eigenantrieb und einem gewissen Unternehmertum. Das Nomadentum sorgt dafür, dass wir Leute an Bord haben, die die gleichen Werte teilen.

Ist der erhoffte Qualitätssprung eingetreten?

Adrian Staehelin: Auf jeden Fall! Die Ortswechsel und alles, was sie mit sich bringen, liefern uns ein Vielfaches an Inspiration.

Hat das Nomadentum auch Nachteile?

Adrian Staehelin: Die Vergänglichkeit ist ein inter­­essanter Faktor: Positive Aspekte eines Standorts geniesst man bewusst, mit den negativen kann man sich leichter arrangieren. Und das klassische Agenturenklischee, bei Überstunden Pizza zu bestellen – das ging nie so schnell wie aktuell im «dieci».

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