Ar­chi­tek­to­nische Viel­falt für pri­vate Stif­tun­gen

Die für private Kunst- und Kulturstiftungen geschaffene Architektur zeichnet sich durch ihre enge Verflechtung mit der jeweiligen Firmen-, Kultur- und Marketingwelt aus.

Date de publication
05-11-2019

2012 veröffentlichte das Maison Cartier den Kurzfilm «Odyssée», der die Geschichte der Marke seit deren Gründung im Jahr 1847 erzählt. Das Video entführt den Betrachter in eine Welt zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen fantastischer Erzählung und realen Ereignissen. Dieses Zusammenspiel von Imagination und Realität findet sich auch im Gestaltungsprinzip für den Hauptsitz der Fondation Cartier in Paris wieder. Das 1995 verwirklichte Werk von Jean Nouvel schafft virtuelle Räume und verwischt die Grenzen der gebauten Umwelt: Die Glasfassaden, die über den Baukörper hinausragen, die parallel zur Gebäudefront verlaufenden Glaskulissen und die vielfältige Verwendung des Materials – mattes, transparentes oder fehlendes Glas – täuschen die Sinne, verfremden die Wahrnehmung des Raums und verändern sie je nach Blickwinkel.1 Der Bau für die Fondation Cartier spielt mit dem Motiv der Illusion und schafft durch die subtile Verwendung verschiedener Materialeigenschaften das, was Nouvel als virtuellen Raum der Verführung definiert hat. 

2018 publizierte Louis Vuitton das Buch «Travellers' Tales. Bags Unpacked». Es ist berühmten Persönlichkeiten gewidmet, die mit einem der legendären Vuitton-Koffer den Ozean überquert haben. Seit den Anfängen der Pariser Luxusmarke symbolisieren Motive wie das Schiff oder die Bilderwelt des Reisens die Firmenidentität von Louis Vuitton. Die gleichnamige Stiftung, deren Sitz 2014 vom Büro Gehry Partners in Paris gebaut wurde, greift diese Bildsprache auf. Die zwölf gewölbten Glassegel, die das Gebäude einzigartig machen, die Tragstruktur aus Stahl und Brettschichtholz, die den Segeln ihre Form verleiht und sie gleichzeitig mit dem Innenraum verbindet, die Wege und Terrassen im Raum zwischen Hülle und Kerngebäude und die Wasserfläche, in der sich das facettenreiche Volumen spiegelt – alles erinnert an die Gestalt eines grossen, vor Anker liegenden Schiffs.2 Damit nimmt Gehry, wenn auch verfremdet, eines der kraftvollsten Symbole der modernen Architektur auf, das schon Le Corbusier, Renzo Piano und James Stirling inspirierte.

Im Glossar des Buchs «Project for Prada» (2001) sind die Eigenschaften der berühmten Modemarke wie folgt beschrieben: «Die Marke Prada hat Ausstrahlung ohne Verpflichtung. Sie ist nicht mit einem starren Bild behaftet»; sie wird «durch die Vielfalt ihrer Identitäten gestärkt» und ihre Kreationen sind inspiriert von einem «unkonventionellen Blick auf die Gesellschaft und der Erforschung von Bereichen, die ausserhalb der Modewelt liegen, wie Kunst, Film und Fotografie». Diese vielfältige, erfahrungsoffene Identität, die im Einklang mit der von Rem Koolhaas untersuchten urbanen «Kultur des Staus» steht, findet sich auch im 2015 erstellten Bau der Fondazione Prada wieder. Der Stiftungssitz, der auf einer Industriebrache am Stadtrand von Mailand gebaut wurde, ist eine Art Hochburg der zeitgenössischen Kunst: Der Gebäudebestand einer ehemaligen Destillerie aus dem frühen 20. Jahrhundert wurde mit einem «idealen Museum», einem Turm und einem Kino ergänzt. Das Nebeneinander von Blattgold- und Aluminiumschaumfassaden, von weissem und mit der Zeit beschädigtem Putz, von verschiedenen Architektur- und Raumsprachen spiegelt die vielfältigen Identitäten der Marke, aber auch der hier ausgestellten Kunst wider.3

Die Gebäude von Stiftungen, die nicht einer Firmenidentität verpflichtet sind, zeichnen sich oft durch bewusste Einfachheit und Nüchternheit aus. Das ist etwa bei der Fondation Beyeler (1997), der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo (2002) oder der Laurenz-Stiftung (2003) der Fall. Der von Renzo Piano entworfene und 1997 in Riehen umgesetzte Bau der Fondation Beyeler ist als eigentliches Museum konzipiert. Er nimmt Bezug auf modellhafte Beispiele der Architekturgeschichte: auf den antiken Tempel, die neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe, die Museen von Louis Kahn. Die Architektur der Fondation Beyeler ist von einer edlen, klassischen Ästhetik bestimmt und spricht die Sprache einer sanften Technologie. Der Sitz der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo aus der Feder von Claudio Silvestrin folgt demselben Prinzip, findet aber eine andere Ausdrucksform in einem schlichten und strengen Baukörper, dessen Fassade mit hellem Lecceser Stein bekleidet und durch vertikale Einschnitte gegliedert ist. Von derselben Nüchternheit wie der Bau ist auch der Zweck der Stiftung geprägt: die Förderung der kulturellen Entwicklung durch Bildung. Ein anderes Beispiel ist das von Herzog & de Meuron entworfene Schaulager der Laurenz-Stiftung, die sich der Sammlung, Bewahrung, Präsentation und Erforschung von Kunst verschrieben hat. Die einzigartige Gebäudetypologie, eine Kombination von Lager und Museum, äussert sich in der charakteristischen Semantik der Hülle, die wiederum eine Verbindung zu dem schafft, was im Innern geschieht: Die Fassade wurde aus Aushubmaterial erstellt, dem Material aus der Baugrube, das bei der Erstellung des Untergeschosses anfiel und nimmt so Bezug zu den Tätigkeiten Konservieren und Forschen – dem Graben nach Informationen im Archiv.

Die Gründer privater Stiftungen, die als die Mäzene des 21. Jahrhunderts gelten, tragen heute zur Schaffung neuer architektonischer Ausdrucksformen bei. Sind die Bauten an eine Firmenidentität geknüpft, kommunizieren sie diese nach aussen. Sind die Stiftungen hingegen ausschliesslich im Kunstbereich tätig, zeichnen sich ihre Bauten durch Nüchternheit und eine prägnante Architektursprache aus.

Mit «Prada Experience» lanciert espazium.ch seine neue Online-Themenreihe. In diesen Dossiers greifen wir aktuelle Themen zur Baukultur auf, die nach und nach um weitere Beiträge ergänzt werden.

In dieser Serie erschienen:


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Anmerkungen

«Sehe ich mir die Fassade an, die ja viel grösser ist als das Gebäude selbst, so weiss ich nicht, ob ich das Spiegelbild des Himmels oder den durchscheinenden Himmel sehe ... Wenn ich mir dann den Baum durch die drei Glasflächen hindurch ansehe, weiss ich niemals, ob ich den durchscheinenden Baum vorn oder hinten oder das Spiegelbild des Baums sehe», Jean Nouvel in: Jean Baudrillard und Jean Nouvel, Einzigartige Objekte. Architektur und Philosophie, Passagen, Wien 2004, S. 20.

2 Anne-Line Roccati, The Fondation Louis Vuitton by Frank Gehry. A Building for the Twenty-First Century, Flammarion, Paris 2014

3 OMA/Rem Koolhaas, Germano Celant, Unveiling the Prada Foundation, Fondazione Prada, Mailand 2008

Gabriella Lo Ricco ist Mitautorin des Buchs «Lo spettacolo dell’architettura. Profilo dell’archistar» (mit Silvia Micheli und Bruno Mondadori, 2003) und Herausgeberin mehrerer Werke, darunter «Guida all’Architettura di Milano 1945–2018» (Hoepli, 2018), die italienische Ausgabe von «Histories of the Immediate Present. Inventing Architectural Modernism» von Anthony Vidler («Storie dell’immediato presente. L’invenzione del modernismo architettonico», Zandonai, 2012) sowie «Italia 60/70. Una stagione dell’architettura» (Il Poligrafo, 2010). Sie war Dozentin am Mailänder Polytechnikum und unterrichtet heute an der Accademia di Belle Arti di Brera.

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