«Was un­sere Ar­beit im Li­ba­non wirk­lich re­vo­lu­tio­nierte, ist What­sApp»

Von 2015 bis 2017 realisierten die Basler MET Architects ein Ferienhaus in den Bergen Beiruts. Im Interview erzählen sie von altem Handwerk, neuen Kommunikationsmitteln und juristischer Kreativität. Teil 1 unserer Miniserie «Basel/Beirut – vom Arbeiten zwischen Ost und West».

Date de publication
03-09-2019
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

TEC21: Wie kam es zu diesem Projekt?

Thomas Thalhofer: Meine Partnerin Roula Moharram stammt aus Beirut und war dort lang als Architektin tätig. 2012 erhielt sie eine Anfrage für ein Einfamilienhaus in Ras el Maten, etwa 40 Minuten östlich von Beirut. Später wurde die Aufgabe zum Wochenendhaus verändert. Beirut hat eine besondere geografische Lage. Im Frühling kann man am Vormittag in den Bergen Ski fahren und am Nachmittag in der Stadt an den Strand gehen. Viele Familien haben zusätzlich zu ihrem Stadthaus ein Wochenendhaus in den Bergen. 

TEC21: Gab es Unterschiede zum Bauen in der Schweiz? Und wenn ja, welche?

Roula Moharram: Ein bedeutender Unterschied betraf die Infrastruktur – als wir zum ersten Mal zum Grundstück kamen, gab es nicht einmal eine Strasse. Und natürlich keine Wasserleitungen, keine Elektrizität.

Thomas Thalhofer: Für mich als in Europa ausgebildeten Architekten war das sehr ungewöhnlich – dass der Bauherr zu mir kommt und mich fragt: Wo ist der beste Ort für mein Haus? Es war fast archaisch: Ein Mann geht mit der Axt in den Wald und sucht den Platz, wo er am wenigsten Bäume fällen muss und Gelände und Orientierung optimal sind. Wir brauchten drei Monate, um den besten Ort für den Bau zu finden. Zunächst benötigten wir jemanden, der das Grundstück topografisch erfasste, Pläne gab es keine. Dann brauchten wir Informationen über die bis zu hundertjährigen Bäume, wie sie wurzeln, woher sie das Wasser beziehen. Mit dem extremen Wechsel zwischen Sommer und Winter gibt es hohe Niederschlagsmengen, die entlang kleiner Tobel ablaufen. Man muss also wissen, welchen Weg das Wasser wählt, und dort eben gerade nicht das Haus platzieren. Los ging es dann mit dem Bau einer 1.5 km langen Zufahrtsstrasse. 

Roula Moharram: Und es gab Unterschiede im Programm: Im Libanon funktioniert alles über Beziehungen, die natürlich gepflegt werden müssen. Dementsprechend wichtig ist die Repräsentation, die sich auch architektonisch im Raumprogramm niederschlägt. Es gibt einen Bereich, in dem man Gäste empfängt, und private Zonen für die Familie.

Thomas Thalhofer: Leute, die diesen Lebensstil pflegen, haben in der Regel grosse Familien, und es gibt ein Elternhaus als Basis, als Anlaufpunkt für die Kinder und Enkel. Unser Bauherr, eine Geschäftsmann in seinen Mittsechzigern, besass also dieses 60 000 m² grosse Grundstück in den Bergen. Zu Beginn unserer Planungen wünschte er sich eine Wochenendvilla mit klassischem libanesischem Programm. Und weil man auf diesem Grundstück nur innerhalb strenger Höhenvorgaben bauen darf – es liegt in der Landwirtschaftszone –, planten wir ein eingeschossiges 1000-m²-Haus, einen 7 m breiten Ring um einen Innenhof. 

TEC21: Gebaut wurde aber schliesslich ganz anders.

Thomas Thalhofer: Seine Kinder, Enkel und Urenkel leben im Ausland, er benötigte also gar keine repräsentative Villa. Das Grundstück hat einen dichten Pinienwald, und wir wollten so wenig Bäume wie möglich fällen. Zudem missfielen uns diese Art der Raumverschwendung und auch das Raumprogramm, dass überhaupt nicht zu dem Kunden passte. Wir diskutierten darüber, und irgendwann meinte er, er möchte nur einen Ort, an dem er am Wochenende seine Freunde zum Barbecue einladen könne. Das Haus besteht jetzt aus einem grossen Schlafzimmer und einem Wohnzimmer mit einer Küchenecke. Es ist eine für den Libanon untypische Manifestation von Luxus: Man hat ein Riesengrundstück, baut darauf aber nur ein Haus mit einer Grundfläche von 180 m² und erhält stattdessen ein Maximum an Landschaft. 

TEC21: Wodurch zeichnet sich der Bau architektonisch aus?

Thomas Thalhofer: Bei der Platzierung des Baus suchten wir die Stelle, an der wir die Vegetation am wenigsten störten. Weil das Grundstück so gross ist, kann alles offen sein. Überall besteht Sichtkontakt in die Natur.

Roula Moharram: Besonders ist auch der hohe Anteil an Handwerk. In der Schweiz wäre das zwar möglich, aber kaum bezahlbar. Die Innenwände des Hauses sind komplett mit Eichenriemchen verkleidet, alles Einzelteile, die auf der Baustelle zugeschnitten wurden. Auch die Einbaumöbel wurden vor Ort gebaut. Und der Boden: Der Bauherr wünschte sich Marmor – einfach, weil Marmor Luxus bedeutet. Wir versuchten, diese Vorstellung zu hinterfragen. Am Ende entschieden wir uns für Terrazzoplatten, nach unserer eigenen Mischung. Für uns sind die Projekte im Libanon wie ein Laboratorium. Wir können Dinge ausprobieren, die dort neu sind und hier in der Schweiz oft gar nicht mehr möglich. 

«Für uns sind die Projekte im Libanon wie ein Laboratorium: Wir können Dinge ausprobieren, die dort neu sind und hier in der Schweiz oft gar nicht mehr möglich.»
Roula Moharram

TEC21: Wir funktionierten Kommunikation und Planung zwischen Beirut und Basel?

Roula Moharram: Wir haben einen lokalen Partner mit 20 Jahren Berufserfahrung, der die Bauaufsicht und die Verhandlungen mit Behörden und Unternehmern vor Ort übernahm. Was unsere Arbeit im Libanon wirklich revolutionierte, ist WhatsApp: Jeden Morgen schickte mir der Bauleiter Fotos der Baustelle mit seinen Fragen. Man muss keine Ferngespräche mehr führen, kann Videos schicken oder seine Fragen per Voice Record senden. Das hat wunderbar funktioniert. Wir mussten nur noch etwa alle acht Wochen selber auf die Baustelle. 

TEC21: Das klingt nach einer problemlosen Realisierung. Gab es auch Schwierigkeiten?

Roula Moharram: Eine Herausforderung lag in den Baugesetzen. In dieser Gegend ist ein geneigtes Dach mit roten Ziegeln Vorschrift und alle Mauern müssen aus Stein sein. Um diese eher vernakuläre Architektur zu vermeiden, suchten wir eine Nische – und fanden sie im Anteil der Öffnungen, der nicht gesetzlich geregelt ist. Tatsächlich realisierten wir dann ein nahezu vollverglastes Haus – aber das hatte die Gesetzgebung natürlich nicht im Sinn. 

Thomas Thalhofer: Das interessiert uns auch beim Bauen in der Schweiz: Es gibt Gesetze, und man kann dagegen sein oder sie als Teil des Entwurfsprozesses begreifen. Interpretation ist erlaubt. Ich finde es interessant, aus diesen Vorgaben heraus etwas Besonderes zu entwickeln. 

«Es gibt Gesetze, und man kann dagegen sein, oder sie als Teil des Entwurfsprozesses begreifen. Interpretation ist erlaubt
Thomas Thalhofer

TEC21: War an diesem abgelegenen Ort auch Nachhaltigkeit im Sinn einer autarken Energieversorgung ein Thema?

Roula Moharram: Das Grundstück ist nach Norden ausgerichtet, deswegen verzichteten wir auf eine PV-Anlage. Aber wir installierten ein Wasserauffangsystem und nutzen die Quelle auf dem Grundstück, auch für den Pool, der später dazu kam. 

Thomas Thalhofer: Das Problem mit den PV-Anlagen ist vor allem das Speichern. Es gibt keinen Netzanschluss, und Alternativen mit der Fachkenntnis des durchschnittlichen libanesischen Arbeiters zu installieren und zu unterhalten ist schwierig. Was hingegen sehr gut funktioniert: Das Grundstück liegt auf der Krete eines nach Norden ausgerichteten Hangs und profitiert so von den thermischen Winden. Das führt zu einer natürlichen Ventilation, die die Masse kühlt. Damit knüpft der Bau an die 1960er-Jahre an, als es im Libanon noch keine Klimaanlagen gab. Damals gingen die Beiruter Familien im Sommer in die Berge. Der Sommer in der Stadt ist sehr heiss bei gleichzeitig hoher Luftfeuchtigkeit. In den Bergen war es immer windig. Die Männer gingen morgens in die Stadt zur Arbeit, die Familie blieb in den Bergen. Wegen der kurzen Distanz war das möglich. 

TEC21: Mit etwas zeitlichem und auch dem räumlichen Abstand – wie beurteilen Sie den Bau heute?

Thomas Thalhofer: Uns gefällt, wie sich die Bedeutung des Hauses entwickelt hat: Ursprünglich als reines Wochenendhaus gedacht, erzählte uns der Bauherr neulich, dass er inzwischen jeweils die halbe Woche dort verbringe. 

Roula Moharram: Für uns ist das ein schöner Erfolg! Wir haben offenbar sein Leben verändert – vorher war er ein Geschäftsmann, immer nervös, immer am Telefon. Jetzt verbringt er die Hälfte seiner Zeit in der Natur. 

Thomas Thalhofer: Das hatten wir auch im Sinn, als wir den Bau entwarfen – einen Ort, an dem er einfach sein konnte, ohne den Luxus, den die Stadt bietet. Vorher war es in seiner Vorstellung nur eine Dinner- oder Lunch-Location, jetzt ist es ein privater Rückzugsort, ein Zuhause. 


Im zweiten Teil der Serie: «Same same, but different – Arbeitsbedingungen in Beirut und was man als Schweizer Architekturbüro dabei lernen kann».

Roula Moharram wurde 1968 in Beirut, Libanon, geboren. Sie schloss ihr Studium 1994 an der UP9 Paris–La Seine als Architecte DPLG ab. Von 1994 bis 1999 arbeitete sie als Architektin für Pierre El Khoury & Partners in Beirut. 2000 eröffnete sie das Büro Roula Moharram Architects in Beirut, das sie bis 2009 führte. In Partnerschaft mit Thomas Thalhofer gründete sie 2009 MET Architects in Basel. Im selben Jahr war sie Gastkritikerin am ETH Studio Basel für ein Forschungsprojekt in Beirut. Sie ist weiterhin stark in die Architekturszene Beiruts eingebunden und wird regelmässig zu Jurys eingeladen, hält Vorträge und leitet Workshops. Seit 2018 ist sie Mitglied des Arab Center for Architecture ACA.

 

Thomas Thalhofer wurde 1969 in Augsburg, Deutschland, geboren. 1998 schloss er sein Studium an der FH Augsburg als Dipl. Ing. Architekt ab. Von 1998 bis 2002 arbeitete er als Architekt für Hild und K Architekten in München. Von 2003 bis 2007 war er Projektleiter und Associate bei Christ & Gantenbein Architekten in Basel, von 2007 bis 2009 Projektleiter für Christian Kerez Architekt in Zürich. 2009 gründete er in Partnerschaft mit Roula Moharram MET Architects. Von 2009 bis 2011 war er an der Hochschule Luzern Dozent im Masterstudiengang und 2013 Gastkritiker im Bachelorstudiengang Architektur. Seit 2018 ist er Mitglied des Arab Center for Architecture ACA.

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