Ein wenig mehr Entropie

Kolumne

Danielle Fischer Architektur, Redaktorin TEC21

Eigentlich ist meine Erfahrung, dass die meisten Jugend­lichen durchaus umweltbewusst sind. Doch als ich am Morgen nach der Street Parade am Bahnhof aus dem Tram steige, sieht es aus, als wäre ein Sturm vorbeigefegt.
Dabei kommt mir eine Geschichte in den Sinn, die mir ein italienischer Künstler erzählt hat. Er schwärmte davon, wie gut organisiert und sauber die Schweiz doch sei, und meinte dann trocken, auf die Dauer könne das auch langweilig sein. Spasses­halber beschrieb er mit seinem rol­lenden «r» im Akzent einen Mann mit glühendem Blick, der sich im Morgengrauen im Pyjama in einem Vorstadtquartier über den Rasen seines Einfamilienhauses aufmacht, um die Reifen des eigenen Autos aufzustechen und so endlich etwas Action in sein immergleiches Leben zu bringen. Ist der Mann ein Schweizer Prototyp? Nach Italien würde er nicht passen, dort sind demolierte Autos oft bitterer Ernst.
Jedenfalls scheinen Schweizer Jugendliche das Be­dürfnis zu haben, die Ordnung zu brechen, indem sie ihren Abfall auf die Strasse werfen. Ich frage mich: Gibt es neben dem Bedürfnis nach Ordnung auch eines nach Unordnung? Und ist unsere Jugend gar so naturverbunden, dass sie wie die Natur nach Entropie strebt – und damit nach einer gleichmässigen Verteilung des Abfalls?
 

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