«Der SIA ist ein wichtiger Bündnispartner»

Im 112. Jahr seines Bestehens stellt sich ein modernisierter Heimatschutz den Herausforderungen des Schweizer Baubooms. Sein scheidender ­Präsident Philippe Biéler sagt, was er vom SIA erwartet und welche Agenda er seinem Nachfolger Martin Killias übergibt.

 

Barbara Stettler Verantwortliche für die Berufsgruppe Architektur BGA beim SIA

Frank Peter Jäger Redaktor des SIA

SIA: Herr Biéler, Sie waren zwölf Jahre lang Präsident des ­Schweizer Heimatschutzes. Was waren die wichtigen Meilen­steine in dieser Zeit?
Philippe Biéler: Ein wichtiger Meilenstein stand gleich am Beginn meiner Amtszeit, nämlich das 100-jährige Jubiläum des Hei­matschutzes im Jahr 2005. Meine Vorgänger hatten dies zum Anlass genommen, ein zeitgemässes Leitbild zu verabschieden und das neue Image zu beschliessen. Jedoch war es mir vergönnt, dieses Leitbild mit Leben zu füllen. Damals wurden zwei Projekte lanciert, die heute für einen lebendigen Heimatschutz stehen: das Heimatschutzzentrum in der Zürcher Villa Patumbah als Ort der Bildung und Vermittlung und zweitens die Gründung der Stiftung «Ferien im Baudenkmal».

SIA: Sie haben die Zeit nach dem Jubiläum genutzt, das Image des Heimatschutzes zu entstauben. Viele haben noch immer das Bild eines nostalgischen, einzig auf die Bewahrung historischer Schmuckstücke aus vergangenen Jahrhunderten ausge­richteten Vereins.
Philippe Biéler: Der Heimatschutz muss und will sich für die Juwelen unserer Baukultur einsetzen. Diese Juwelen stammen aber nicht nur aus vergangenen Zeiten: Wir haben dies eindrücklich mit unserem Engagement für die Architektur der 1960er- und 1970er-Jahre gezeigt. Ebenso darf ich feststellen, dass unsere Auszeichnungen, der Wakkerpreis und der Schulthess- Gartenpreis, am Puls der Zeit sind. Der Schweizer Heimatschutz zeichnet nicht ausgehöhlte Fassaden oder einzelne Baudenkmäler aus. Vielmehr zeigen wir, welche Chancen eine ganzheitliche Raumentwicklung mit Respekt für die Baukultur und die Menschen bietet.

SIA: Gab es auch Kurskorrekturen?
Philippe Biéler: Wir nutzen unsere limitierten finanziellen Mittel heute effizienter. Früher unterstützte der Heimatschutz eine Vielzahl von Projekten Dritter, ohne diese eng zu begleiten. Nicht selten versandeten diese Unterfangen oder entwickelten sich zum Fass ohne Boden. Heute verlangen wir, dass Projekte eine Wirkung entfalten und unsere Anliegen sicht- und erlebbar machen. Zum Beispiel im Tessiner Bavonatal, einem 12 km langen, mit seinen Alpweilern und Höfen sehr ursprünglichen Tal, wo wir während 20 Jahren Mittel bereitgestellt haben, um die Kulturlandschaft mit ihren Zeugnissen zu erhalten. Dort geben wir heute kein Geld mehr für einzelne bauliche Massnahmen; stattdessen unterstützen wir das neue «Laboratorio Paesaggio», das seinen Besuchern, besonders Schulklassen, die Kultur und das Leben im Tal nahebringt.

SIA: Die Stafettenübergabe an Ihren Nachfolger Martin Killias fällt in bewegte Zeiten. Das ISOS, also das Bundesinventar der ­schützenswerten Ortsbilder, wird derzeit auch im Parlament kontrovers diskutiert …
Philippe Biéler: Ja – und mir scheint, die Gegner wollen freie Bahn für eine bauliche Entwicklung, die weit weniger Rücksicht auf den Bestand nimmt als bisher. Ich kann mir vorstellen, dass auch einige Leute im SIA das Bundesinventar als Hindernis wahrnehmen. Gemeinsam mit dem VLP-Aspan und dem Bundesamt für Kultur haben wir im Januar eine natio­na­le Tagung veranstaltet, die auf­gezeigt hat, dass eine bauliche In­nenentwicklung mit ISOS mehr Qualität bringt als ohne. Die Archi­tekten und Stadtplaner sollten in dieser Situation gut überlegen, wo sie stehen. Wir haben in den 1960er- und 1970er-Jahren die Erfahrung gemacht, welche Konsequenzen blinde Zukunftsgläubigkeit im Städtebau für das Bauerbe hat.
Positiv gesprochen: Dies ist ein Sensibilisierungsthema, das uns und den SIA vereint. Daher würde ich sehr begrüssen, wenn es dazu einen regelmässigen Austausch ­zwischen SIA und Heimat­schutz gibt. Zudem ist das Planen und Bauen mit dem Bestand eine Herausforderung für die Lehre: An den Schweizer Architekturfakultäten gibt es noch immer zu wenig Lehrangebote zu diesem Thema.

SIA: Die Abbruchmentalität der 1970er-Jahre ist heute unter dem Etikett «Ersatzneubau» wieder salonfähig …
Philippe Biéler: Das ist ein Trend, der mir grosse Sorgen macht. Er betrifft besonders stark Bauwerke der ­Zwischenkriegszeit sowie der 1950er- und 1960er-Jahre. Natürlich brauchen wir Verdichtung im Bestand und energetisch zeitgemässe Bauten; aber seitens der Ersatzneubaubefürworter werden gern eindimensionale Rechnungen aufgestellt und auch nicht alle Sanierungsoptionen geprüft. Zent­rale Themen wie der Verlust an grauer Energie oder die Veränderung der Sozialstrukturen ganzer Quartiere werden dabei unterschlagen. Wo wohnen etwa die Menschen mit geringem Einkommen, wenn ihre günstigen Wohnungen durch unvernünftig teure Neubauten ersetzt werden?

SIA: Es geht auch anders …
Philippe Biéler: Jüngst war die Cité du Lignon, eine Siedlung der 1960er-Jahre in Genf, in ihrem Bestand bedroht. Sie sollte grundsaniert werden. Die Spezialisten der EPFL und der Genfer Denkmalpflege haben schliesslich ein Konzept entwickelt für eine komplette denkmalgerechte energetische Sanierung und Fassadenisolierung, die ökonomischen und ökologischen Aspekten gleichermassen Rechnung trug; wichtig für das Denkmal war, dass dort die bauzeitlichen Fensterprofile bewahrt werden können.

SIA: Bedroht die Innenentwicklung das Bauerbe?
Philippe Biéler: Wenn sie mit dem un­reflektierten Ersatz von Alt durch Neu gleichgesetzt wird – ja, natürlich. Ich finde die politische Entscheidung zugunsten der Innen­entwicklung dennoch richtig, weil sie die Kulturlandschaft vor Zersiedlung schützt. Daher haben wir 2013 gemeinsam mit dem SIA einen beherzten Abstimmungskampf für das revidierte Raumplanungsgesetz geführt. Jetzt gilt es, diese Herausforderung mit Verstand anzunehmen – denn das Bauen im Bestand ist komplexer als auf der grünen Wiese. Die Fachleute der Planung und des Städtebaus müssen zeigen, was sie können: Wenn die Bevölkerung die baulichen Veränderungen nicht akzeptiert und gutheisst, wird die Verdichtung scheitern. Das ISOS kann wertvolle Hinweise für das Ausmass einer breit akzeptierten Verdichtung liefern. Wir müssen auf jeden Fall in einen Diskurs über die Qualitäten des Bestands treten.

SIA: Der Heimatschutz setzt sich als privater Verein für bedrohte Baudenkmale ein. Wie sieht die behördliche Denkmalpflege dieses Engagement – als Kon­kurrenz oder Unterstützung?
Philippe Biéler: Bei den Denkmalpflegern von Städten und Kantonen sind unsere Aktivitäten meist gern gesehen. Wir informieren die Öffentlichkeit bei kritischen Fällen, mobilisieren Medien und können manchmal dank dem Beschwerderecht einen Fall vor Gericht bringen – lauter Dinge, die einem von Amts wegen tätigen Denkmalpfleger verwehrt sind. Oft braucht es uns gerade dann, wenn schlechte Kompromisse oder politische Sachzwänge nachhal­tigen Schaden anzurichten drohen.

SIA: Wo sehen Sie inhaltliche Berührungspunkte mit dem SIA?
Philippe Biéler: Den SIA sehe ich als einen wichtigen Bündnispartner! Wir begrüssen sein Engagement für die Verankerung der Baukultur beim Bund ausserordentlich. Gemeinsam haben wir das Manifest zur Baukultur verabschiedet, und wir treffen uns am Runden Tisch Baukultur. Ebenso freut uns, dass der SIA auch am europäischen Kulturerbejahr 2018 mit­wirken wird. Hier eröffnen sich breite Ansätze der Kooperation. Auch in unseren Gremien sind sehr viele Personen aktiv, die beiden Verbänden angehören. Gerade auf lokaler Ebene funktionieren diese Netzwerke. Ein Beispiel: Die Sektionen von SIA, BSA und der Heimatschutz konnten gemeinsam in der Zentralschweiz in den letzten Jahren mehrere Baudenkmäler retten.
Gleichwohl: Bei den Themen Verdichtung oder energetische Sanierung könnten wir noch enger zusammenarbeiten. Ich bin überzeugt: Intelligent umgesetzte Lösungen für diese Aufgaben können sehr gut im Einklang stehen mit Denkmalbelangen. Dafür aber sind wir auf Expertenwissen angewiesen. Hier könnten wir gemeinsam mit dem SIA Best-Practice-Beispiele auf­zeigen, fachlich informieren und auch fortbilden.

SIA: Was wünschen Sie dem ­Schweizer Heimatschutz für die Zukunft?
Philippe Biéler: Ich wünsche mir, dass die Themen Denkmal, Bauerbe, Kulturlandschaft noch stärkere öffent­liche Wahrnehmung finden. Wir müssen die Neugier der Menschen wecken, vor allem auch die der Heranwachsenden. Mit unseren Angeboten – dem Heimatschutzzentrum in der Villa Patumbah in Zürich, dem Laboratorio Paesaggio im Valle Bavona, unserer Stiftung «Ferien im Baudenkmal» sowie dem Engagement einzelner Sektionen – stellen wir uns diesen Herausforderungen. Eines Tages wollen wir in jeder Sprachregion mit einem eigenen Zentrum präsent sein.
 

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