Vom Frei­raum her pla­nen

Ein revitalisierter Bach als Leitelement einer Neubausiedlung: Der Ziegeleipark in Horw.

Publikationsdatum
23-10-2025

Der Steinibach plätschert in der Abendsonne, Kinder spielen, ein Paar liegt entspannt unter den Weiden am Wasser. Zwischen dem Grün: eine Neubausiedlung. Nichts lässt vermuten, dass wir uns nur wenige hundert Meter von einem Autobahnzubringer entfernt befinden – zwischen Ringstrasse und Bahnhof, auf einem ehemaligen Industrieareal. Bei der Planung der Neubausiedlung mit rund 300 Wohnungen auf dem Ziegeleiareal in Horw wurde dem Freiraum ebenso viel planerische Sorgfalt, Fachwissen und Kreativität gewidmet wie den Gebäuden selbst. Das Besondere ist jedoch, dass hier der Freiraum vor den Hochbauten realisiert wurde – ein Ansatz, der in der Schweiz aktuell eher die Ausnahme ist. 

Bachlandschaft von Fassade zu Fassade

Eine Bachlandschaft von Fassade zu Fassade prägt das neue Quartier und setzt damit die grünen Querverbindungen, die im regionalen Konzept und Richtplan «Luzern Süd» vorgegeben werden, ins Zentrum der Siedlungsentwicklung Horws. Dank der Etappierung der Bauphasen konnte ein Quartier entstehen, das sich schrittweise entwickelte und von bereits ökologisch aufgewerteten, sich im Wachstum befindenden Freiräumen profitieren konnte. Dieses Vorgehen würdigt auch die Platzierung des Projekts auf der Longlist des Prix SIA 2024.

Wildbach revitalisiert

Geplant und umgesetzt wurde der Ziegeleipark Horw von den AGZ Ziegeleien mit Studio Vulkan Landschaftsarchitektur und carabus Naturschutzbüro. Vor dem Spatenstich der Wohngebäude wurde der Steini­bach – ein zuvor begradigter Wildbach, der bei einem Gewitter am Pilatus schnell über die Ufer treten kann – in seinen ursprünglichen Bachlauf zurückverlegt, für einen verstärkten Hochwasserschutz verbreitert und ökologisch auf­gewertet. So entstand ein neuer Bachlauf am ursprünglichen Standort, während anstelle des ehemaligen begradigten Verlaufs heute Neubauten stehen.

Vegatationssoden entlang des Bachlaufs

Der beim Aushub des verlegten Steini­bachs gewonnene Oberboden wurde vor Ort für die ökologische Aufwertung genutzt – zur Modellierung eines vielfältigen Reliefs und zur Platzierung von Vegetationssoden entlang des revitalisierten Bachlaufs. 

Dieser Artikel ist im Sonderheft «Biodiversität im Siedlungsraum» erschienen. Weitere Beiträge zum Thema Biodiversität finden Sie auch in unserem digitalen Dossier.


Neben ausgebaggerten Soden mit ihrer Samenbank lokaler Wildpflanzen und eingesäten Wildsamenmischungen für Hochstaudenfluren setzten die Landschaftsarchitekten 21 einheimische Gehölzarten sowie 47 verschiedene Wildstauden in Hecken, Ufergehölze, Hochstaudenfluren und Feuchtwiesen. 

Distelfink, Feuersalamander und Groppe

Dieses vielschichtige Mosaik an Pflanzen und Strukturen soll den definierten Ziel- und Leitarten – Girlitz und Distelfink, Grasfrosch und Feuersalamander, Bachschmerle und Groppe sowie Blauflügel-Prachtlibelle und Zweigestreifte Quelljungfer – einen Lebensraum bieten. Die Artenvielfalt der einheimischen Flora wurde hier noch nicht vollständig ausgeschöpft, die lokalen Bodensoden erleichtern jedoch die Ansiedlung lokaler Arten.

Multifunktionales Relief 

Die Vielfalt im Relief wurde gezielt für eine positive Besucherlenkung, aber auch für die Biodiversitätsförderung eingesetzt: Flache Uferbereiche entlang des Bachs mit guter Zugänglichkeit ermöglichen etwa Kindern das Spielen in einer naturnahen Umgebung, während steilere Bachborde durch eine dichte Bepflanzung und Kleinstrukturen als Rückzugsgebiet für die Natur konzipiert sind. Dieses aktive Einplanen der Freiraumnutzungen und der Biodiversität fördert auch Ökosystemleistungen im Siedlungsgebiet.

Biodiversität bringt viele Vorteile

Die Menschen, die hier wohnen, profitieren unmittelbar von dieser ökologischen Aufwertung. Eine naturnahe Gestaltung des Freiraums wirkt sich nicht nur positiv auf die Biodiversität aus, sondern erbringt eine Vielfalt von Ökosystemleistungen in der Siedlung wie mikroklimatische Kühlung und mittelfristige Kohlenstoffspeicherung sowie die Förderung der Bildung von Dauerhumus und die Wasserversickerung. 

Das Regenwasser versickert über die Grünflächen im Areal und wird – bei Starkregen – über den Bach abgeführt, da der lehmige Boden des ehemaligen Ziegeleiareals eine reduzierte Versickerungskapazität aufweist.

Natur fördert das Wohlbefinden

Die naturnahe Gestaltung fördert zudem Erholung, Gesundheit und Bewegung; visuelle Leitstrukturen durch prägnante Gehölze vermitteln eine raumgebundene Identität.2 Insbesondere Naturgeräusche fördern das psychische und physische Wohlbefinden, wie eine Studie mit Teil­nehmenden aus elf Ländern zeigte: Wassergeräusche verbessern die Stimmung und die kognitiven Fähigkeiten, während Vogelgesang den Blutdruck senkt, den Puls verlangsamt und das Schmerzempfinden reduziert. Je komplexer die Naturgeräusche, desto grösser die Stressreduktion.3 

Das Beispiel in Horw zeigt eindrücklich auf, welchen Mehrwert eine naturnahe Gestaltung Mensch und Natur bietet. Höchste Zeit also, die Vielfalt der Natur bei Quartierentwicklungen ins Zentrum zu stellen und Areale vom Freiraum her zu planen.

Anmerkungen
1 Soga & Gaston 2016; M. Soga, K. J. Gaston Extinction of experience: the loss of human–nature interactions Front Ecol Environ 2016; 14(2): 94–101. 
2 Tarran 2009, People and trees: providing benefits, overcoming impediments. In: Lawry Oam D., Gardner J., Merrett B. (Eds.). Proceedings of the 10th National Street Tree Symposium 2009 Adelaide, Australia. Adelaide University, 63–82.
Joshi et al. 2024: Habitate und Pflanzenarten für das Siedlungsgebiet: Eine Orientierungshilfe zur Förderung der Biodiversität und Landschaftsqualität.
3 Buxton et al. 2021; R. T. Buxton, A. L. Pearson, C. Allou, K. Fristrup, & G. Wittemyer, A synthesis of health benefits of natural sounds and their distribution in national parks, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 118 (14) e2013097118.
 

Ziegeleipark, Horw (LU)
 

Am Projekt Beteiligte
Der Ziegeleipark besteht aus mehreren Baufeldern mit unterschiedlichen Betei­ligten. Verbindendes Element der Arealentwicklung ist der Freiraum.


Bauherrschaften
AGZ Ziegeleien, Gemeinde Horw, Anlagestiftung Turidomus


Landschaftsarchitektur
Studio Vulkan Landschaftsarchitektur, Zürich


Gartenbau
Burri & Achermann Gartenbau, Inwil; 
Schmid Bauunternehmung, Ebikon; 
Hodel und Partner Gartenbau, Malters


Tiefbau
Schmid Bauunternehmung, Ebikon


Ökologie
Carabus Naturschutzbüro, Luzern


Projekt
Bachlandschaft mit öffent­lichem Park, Lebensraum für Flora und Fauna sowie grüne Umgebung für die Wohnüberbauungen
 


Projektperimeter = ca. 30 000 m²
Gebäudegrundflächen = ca. 5 000 m² (17 %) 
Befestigte Flächen = ca. 6 000 m² (20 %) 
Restfläche mit Wasser und Begrünung = ca. 19 000 m² (63 %)
Böden: Von ruderal bis lehmig feucht
Wassermanagement: Versickerung vor Ort


Daten und Kosten
2019: Eröffnung Park
2022: Fertigstellung Umgebung MITTE und Sternenriedplatz 
2023: Fertigstellung Umgebung NORD
Kosten: Freiräume 4.9 Mio. CHF

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