Bio­di­ver­si­tät in der Im­mo­bi­li­en­wirt­schaft

Vom Randthema zum strate­gischen Hebel: Zahlen, Fakten und Tendenzen aus ökonomischer Sicht.

Publikationsdatum
23-10-2025

Attraktive grüne Freiräume mit schattenspendenden Bäumen, Wasserflächen und zwitschernden Vögeln tragen wesentlich zur Aufenthaltsqualität in Wohn- und Arbeitsumgebungen bei. Darüber hi­naus erfüllen gesunde und vielfältige Ökosys­teme zahlreiche wichtige Funktionen, von denen auch wir Menschen profitieren. 

Biodiversität für institutionelle Investoren von zunehmender Relevanz

Dazu gehören beispielsweise die Versorgung mit Trinkwasser, die Holzproduktion und der Lawinen- und Erosionsschutz durch Wälder, die Kühlung durch Begrünung und unversiegelte Flächen, der Hochwasserschutz durch Feuchtgebiete sowie die Entspannung in Naherholungsgebieten. 

Der Wert dieser Ökosystemleistungen im Siedlungsgebiet ist kaum quantifizierbar. Während die Thematik der Klimaresilienz bereits einen festen Platz in Debatten über zukunftsfähige Städte hat, wird auch die Biodiversität für institutionelle Immobi­lieninvestoren in der Schweiz zunehmend zu einem Thema von strategischer Relevanz. 

Interesse ist da, aber an Werkzeugen fehlt es

Eine aktuelle Studie von Wüest Partner unter Einbezug von über 250 Akteuren der Branche zeigt: Das Interesse an der Thematik ist da – doch es fehlt an einheitlichen Standards, Systematiken und praktischen Werkzeugen. Knapp 40 % der Befragten geben an, zumindest bei ausgewählten Liegenschaften eine Erfassung der Biodiversität vorzunehmen. 

Dieser Artikel ist im Sonderheft «Biodiversität im Siedlungsraum» erschienen. Weitere Beiträge zum Thema Biodiversität finden Sie auch in unserem digitalen Dossier.

Strategische Ziele zur Förderung der Biodiversität setzen sich heute rund die Hälfte der befragten Investoren. Wenn Strategien vorliegen, beziehen sich diese jedoch meist nur auf ausgewählte Liegenschaften und betreffen nicht das ganze Portfolio. 

Aktuell halten demnach nur weniger als 10 % der Befragten die Themen Klimaresilienz, Biodiversität und Freiraum für entscheidend bei der Objektakquise. Mittelfristig wird hier jedoch ein Bedeutungszuwachs von rund 300 % erwartet – mehr als bei jedem anderen Nachhaltigkeitsaspekt.

Vorteile auch aus ökonomischer Perspektive

Ökologisch wertvolle Freiräume bringen nachweislich gesundheitliche, klimatische und ästhetische Vorteile. Sie steigern das Wohlbefinden der Bewohnenden, fördern Resilienz gegen Hitzewellen und wirken sich positiv auf die Standortattraktivität aus. 

Die Studie unterstreicht diesen Eindruck, da die befragten Investoren auch punktuell eine erhöhte Zahlungsbereitschaft sowohl von Mietenden als auch von Stockwerkeigentum-Erwerbenden bestätigen. Diese ist besonders im Wohnsegment zu beobachten. 

Auch wenn Mietende nicht immer eine höhere Zahlungsbereitschaft für ökologisch wertvolle Freiräume mitbringen, so wiegt das Thema am Investorenmarkt schon schwerer – sei es im Zuge von ESG-Ratings, zunehmendem Druck zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (z. B. durch die TNFD-Offenlegungsstandards) oder im Kontext regulatorischer Anforderungen wie der EU-Taxonomie. So gab knapp die Hälfte der Befragten an, dass ein Benchmarking mit anderen Portfolios relevant wäre, ein solches heute aber noch nicht vorliegt.

Fehlende Branchenstandards erschweren Vergleichbarkeit

Dieses Missverhältnis verweist auf die aktuell noch fehlenden Branchenstandards – besonders im Bereich der Messbarkeit von Biodiversität. In Planungsprozessen ermöglichen Instrumente wie BioValues™, das zum Beispiel den Biotopflächenfaktor (BFF) als wertvollen Indikator umfasst, schon heute auch einen datenbasierten und standardisierten Optimierungsprozess. 

Aktuell ermitteln Investoren bei der Zustandserfassung ganz unterschiedliche Daten im Bereich der Biodiversität und Freiraumgestaltung. Der Fokus liegt dabei mehrheitlich auf dem Baumbestand, der Katalogisierung von Freiflächen, der Begrünung von Dach- und Fassadenflächen und der Erarbeitung von Freiraumkonzepten durch entsprechende Fachpersonen.

Nachhaltigkeitszertifikate wie SNBS, Minergie-ECO, Grünstadt Schweiz oder Stiftung Natur & Wirtschaft beinhalten erste Indikatoren, die nach der Realisierung von Bauprojekten bescheinigen, ob sich das Projekt mit dem Thema auseinandergesetzt hat. 

Sie bleiben jedoch entweder schwach gewichtet oder ermöglichen nicht immer eine Vergleichbarkeit. Die Herausforderung liegt genau hier – in der Vergleichbarkeit und Operationalisierung: Welche Massnahmen führen tatsächlich zu messbaren Verbesserungen? 

Bewirtschaftung bestehender Liegenschaften

Letztlich liegt der Fokus aber nicht nur auf einer möglichst ökologischen, biodiversen, naturnahen und klimaresilienten Gestaltung von Neubauprojekten. Immobilien­eigentümerschaften tragen vor allem auch eine Verantwortung für die Art der Bewirtschaftung bestehender Liegenschaften. 

Nicht nur im Neubau können Freiflächen aufgewertet, Lebensräume geschaffen oder vernetzt werden – besonders im Bestand kann man schon mit deutlich geringeren Investitionen viel bewirken. Teilweise berichten Investoren auch von geringeren Kosten im Unterhalt beziehungsweise bei der Pflege bestehender Bauten und ihrer Umgebung, wenn beispielsweise statt mehrmaligem Rasenmähen die weniger intensive Pflege einer biodiversen Blumenwiese nötig ist. 

Lancierung einer Charta 2026

Die Förderung von Biodiversität ist keine Zusatzaufgabe, sondern Teil einer zukunftsfähigen Immobilienstrategie. Investitionen in Biodiversität sind nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch und strategisch zukunftsträchtig.

Im Jahr 2026 wird Wüest Partner mit Unterstützung des Bundesamts für Umwelt die Lancierung einer Charta von engagierten «First Movers» in der Immobilienbranche moderieren, die sich gemeinsam auf Messgrössen, Ambitionen und konkrete Massnahmen zur Förderung der Biodiversität verständigen wollen.

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