«Wir müs­sen da­mit be­gin­nen, den Wan­del an­zu­füh­ren»

Im Oktober würdigen die Berufsgruppe Architektur des SIA (BGA) und der Architekturrat die besten Schweizer Masterarbeiten im Fach Architektur. Philippe Jorisch, Präsident der BGA, und Johannes Käferstein, Präsident des Architekturrats, über einen Beruf im Umbruch und Überraschungen bei der Jurierung.

Publikationsdatum
08-09-2022


TEC21: Was gab Anlass, den SIA-Master­preis Architektur neu zu lancieren?

Johannes Käferstein: Ursprünglich wurden nur Arbeiten der drei universitären Hochschulen der Schweiz – ETH Zürich, EPF Lausanne und Accademia di Architettura in Mendrisio – mit dem Preis gewürdigt. Doch seit der Bologna-Reform bieten auch die Fachhochschulen einen Master­abschluss an. Harry Gugger als ehemaliger Vizepräsident des Architekturrats wendete sich bereis vor vielen Jahren mit der Idee an den SIA, den Masterpreis neu zu konzipieren. Es hat dann einige Zeit gedauert, bis der Preis so aufgestellt war, wie wir ihn nun zum ersten Mal verleihen.

Philippe Jorisch: 2016 fand die letzte Durchführung nach altem Modus statt. Es war aber immer der Wunsch der BGA, den Preis wieder einzuführen. Vor einigen Jahren bildete sich dazu eine Arbeitsgruppe, die die Zusammenarbeit mit dem Architekturrat suchte und den Modus anpasste. Neu nominieren die Hochschulen ihre besten Arbeiten, prozentual gewichtet zur Anzahl der Abschluss­arbeiten, was dieses Jahr insgesamt 33 Einreichungen ergeben hat. Eine unabhängige Jury bewertet die Arbeiten, also keine Mitglieder des BGA oder des Architekturrats und unabhängig von den Hochschulen. Uns ist wichtig, dass es sich dabei um praktizierende Architektinnen und Architekten handelt, die schon anspruchsvolle Aufgaben realisieren konnten. Zusätzlich sollten die Schweizer Regionen und das Altersspektrum angemessen vertreten sein. Wir als SIA waren an der Jurierung präsent, hatten aber kein Stimmrecht.


Der SIA-Masterpreis umfasst alle Schweizer Hochschulen, die einen Masterabschluss im Fach Architektur anbieten. Die Ausbildungsgänge sind jedoch sehr divers angelegt. Lassen sich die eingereichten Arbeiten miteinander vergleichen?

Käferstein: Die Fachhochschulen mussten sich mit der Bologna-Reform neu erfinden. Das war eine grosse Chance. Unser Beruf ist aktuell im Wandel; wir sind gefordert, nicht nur zu reagieren, sondern zu agieren. Der gesamtschweizerische Masterpreis ist wichtig, um in eine Diskussion über die Qualitäten der Architekturausbildung und Profile der Hochschulen einzusteigen. Er bietet einen Quervergleich und zeigt das Spektrum an Themen und Leistungen auf. Es ist zudem nicht nur richtig, dass sich die universitären Hochschulen für den Preis geöffnet haben, sondern auch, dass sich die Fachhochschulen diesem Wettbewerb stellen. Ich bin überzeugt, dass die Fachhochschulen mittlerweile das Niveau und das Selbstbewusstsein haben, um sich an einer solchen Konkurrenz messen zu können. Kann das eine Fachhochschule nicht, müssen wir noch mal über die Bücher.

Jorisch: Die Jurierung hat gezeigt, dass sich die Fachhochschulen mit den universitären Hochschulen durchaus messen können. Das ist erfreulich. Die Jurierung war anonym. Man hat den Arbeiten nicht angemerkt, ob sie von einer FH oder einer universitären Hochschule stammen. Die Kriterien für die Eingabe waren klar definiert, die Projekte selbst dann aber über­raschend unterschiedlich.


Widerspiegelt die Themenwahl an den Hochschulen die heute für den Architekturberuf relevanten Herausforderungen?

Jorisch: Zwei von sechs Kriterien behandeln Nachhaltigkeitsthemen, so die Innovation und den Umgang mit aktuellen Problemstellungen. Innerhalb der Jury haben wir darüber diskutiert, ob diese Kriterien einen Einfluss hatten auf die eingesendeten Projekte. Auffallend war, dass wenig traditionelle Architekturaufgaben dabei waren – kein Schulhaus, kein Museum, keine Themen, wie man sie an einem klassischen offenen Wettbewerb bearbeiten würde. Dafür gab es Inhalte wie Re-use, soziale Frage­stellungen, Infrastrukturprojekte mit Bezug zur Klimakrise, Projekte für geografische Randregionen. Dann hatte es einige Arbeiten, die vor allem aus Recherche und Analyse bestanden und sich wenig bis gar nicht mit Architektur auseinandersetzten oder sogar das Bauen an sich negierten. Das war überraschend. Aber es gab auch Arbeiten, die die heute relevanten Themen zu einem kulturellen Mehrwert verknüpften und in ein architektonisches Projekt übersetzten.

Käferstein: Die Projekte spiegeln auch die inhaltlichen Auseinandersetzungen und Kulturen an den jeweiligen Hochschulen wider. Dazu kommt: Es gibt zwei Varianten einer Masterthesis – die von den Diplomprofessorinnen und -professoren formulierte Aufgabenstellung und die freie Thesis. Letztere erstreckt sich in der Regel über zwei Semester und wird bei den Studierenden immer populärer, ist aber ausgesprochen anspruchsvoll. Sie ist ein guter Gradmesser, wo der Puls der angehenden Architektinnen und Architekten schlägt. Wir müssen uns heute tatsächlich überlegen, ob ein zu realisierender Bau ein hochwertiger Beitrag an unsere Gesellschaft und Umwelt ist.


Können die Ausbildungsgänge der Schweizer Hochschulen dieser Entwicklung Rechnung tragen?

Käferstein: Das ist die grosse Herausforderung für die Schulen. Wir haben zu lang gewartet und im Wandel auf Veränderung häufig nur reagiert. Wir müssen damit beginnen, den Wandel anzuführen. Dazu gehört auch, dass wir über unsere Didaktik nachdenken, ebenso wie über die Inhalte der Lehre. Das Verhältnis zwischen Dozierenden und Studierenden hat sich bereits verändert, aber wir können aktiv daran arbeiten, dass die Studierenden eine andere Rolle einnehmen dürfen.


Was heisst das konkret?

Käferstein: Die Studierenden sollen ihre Interessen, ihre Motivation in ein Masterstudium einbringen können. Das bedeutet, dass sie eine grössere Verantwortung tragen, als wenn ein Thema vorgegeben ist. Zudem müssen wir ergebnisoffener arbeiten – die Dozierenden wie die Studierenden. Ausserdem gilt es, vermehrt in Teams zu arbeiten. Wir alle wissen, wie komplex und vielschichtig der heutige Bauprozess ist. Die Architektinnen und Architekten sind ein Teil davon – ein wichtiger Teil, aber eben ein Teil. Das Bild des Architekten als solitärer Kämpfer war schon immer konstruiert, das gab es ohnehin nie.

Jorisch: Dieser demiur­gische Ansatz, der Architekt als Schöpfer, war auch in einigen Projekten zu sehen. Die Jury hat darüber diskutiert, inwiefern diese Haltung noch zeitgemäss ist. Es gab inhaltlich überzeugende Projekte, die aber aufgrund dieser Haltung keinen Preis erhalten haben. Gleichzeitig kippte es woanders fast ins Gegenteil: So beeindruckten einige Arbeiten mit ausführlichen Analysen einer Problemstellung, der Schritt in die Aktion kam aber spürbar spät. Das klassische Architekturhandwerk, aber auch das Kommunizieren mit Bildern und Plänen fehlte bei einigen Projekten. Auffallend war zudem, dass es sich bei der grossen Mehrheit der bearbeiteten Architekturprojekte um Bauen im Bestand handelte. Kleine Interventionen, nicht die grosse Geste – auch im grossen Massstab, in peripheren Regionen. Diese Sichtweise war für uns neu.


Was sollte ein Absolvent, eine Absolventin am Ende der Ausbildung können?

Käferstein: Selbstständig denken und verantwortungsbewusst handeln können! Egal, ob sie von einer universitären oder einer Fachhochschule kommen. Das ist es, was den Master ausmacht. Der Bachelor sollte eine Grundausbildung gewährleisten. Das Masterprogramm hingegen gibt den Studierenden eine Verantwortung und fordert sie auf, diese wahrzunehmen. Aktiv zu studieren, eigene Themen zu suchen, sich darin zu vertiefen. So werden sie einen Beitrag zu einer hochstehenden Baukultur leisten können.

Jorisch: Letztendlich geht es darum, reflektierte Fachper­sonen auszubilden. Tatsächlich ist von den Masterabsolventen nach zehn Jahren nur noch ein Bruchteil klassisch in Büros mit Entwurf oder Ausführung beschäftigt. Viele Architektinnen und Archi­tekten wechseln in andere Berufssparten und leisten dort ihren Beitrag, beispielsweise auf Auftraggeberseite. Deshalb ist die Denkweise, die Offenheit für kontemporäre Fragestellungen extrem wichtig.

SIA-Masterpreis Architektur

 

Mit dem SIA-Masterpreis Architektur zeichnet der SIA zusammen mit dem Architekturrat der Schweiz die besten Masterarbeiten im Bereich Architektur aus. Alle Schweizer Hoch- und Fachhochschulen, die einen Masterstudiengang in Architektur anbieten, stellen in diesem Wettbewerb ihre besten Projekte vor. Alle Projekte, die im Herbstsemester 2021 oder im Frühlingssemester 2022 abgeschlossen worden sind, qualifizierten sich für die diesjährige Auswahl. Die Nomina­tion der Arbeiten erfolgt durch die jeweiligen Schulen, eine unabhängige Jury prämiert jeweils fünf bis acht Projekte. Dotiert ist der Preis mit 14 000 Franken.

 

Die Jurierung der Arbeiten geschieht durch ein von den Schulen unabhängiges Preisgericht, das die Sprachregionen vertritt und generationenübergreifend ist. In der diesjährigen Jury vertreten sind: An­dreas Bründler, Buchner Bründler Architekten, Basel; Jérôme de Meuron, wespi de meuron romeo architekten, Caviano; Nicolas de Courten, Nicolas de Courten architectes, Lausanne; Stefan Marbach, Herzog & de Meuron, Basel; Christian Penzel, Penzel Valier, Zürich; Mireille Bonnet, Atelier Bonnet, Genf; Lea Prati, Atelier Prati Zwartbol, Zürich.


Insgesamt nominierten die neun Hochschulen 33 Arbeiten. Die Kriterien waren:

  • Architektonische Lösung
  • Einbettung / Umgang mit dem Kontext
  • Regionale / grossräumige ­Bedeutung
  • Umgang mit aktuellen Problemstellungen im Bereich der Nachhaltigkeit (z. B. Materiali­sierung)
  • Innovationsfaktor im Umgang mit aktuellen Herausforderungen (wie z. B. Klimakrise, sozial nachhaltig, Recyclingprozesse)
  • Beitrag und Bezug zum aktuellen Architekturschaffen in der Schweiz


Die Jurierung fand Ende August in der FHNW in Muttenz statt. Die Auszeichnungen werden am 26. Ok­tober 2022 im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel verliehen.

Weitere Infos zum Preis finden Sie in unserem E-Dossier.

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