Wak­ker­preis 2022 für die Gen­fer Ge­mein­de Mey­rin

Mit dem Wakkerpreis 2022 zeichnet der Schweizer Heimatschutz die Gemeinde Meyrin GE aus. Die Genfer Agglomerationsgemeinde zeigt eindrücklich, wie mit Dialog die Vielfalt als Stärke genutzt werden kann. Damit gelingt es, die Anliegen von Menschen und Natur zusammenzuführen und eine hohe Baukultur mit mehr Biodiversität für alle hervorzubringen. Eine würdige Auszeichnung zum 50-Jahr-Jubiläum des Wakkerpreises.

Publikationsdatum
13-01-2022

Auf dem Gemeindegebiet von Meyrin starten regelmässig Flugzeuge und verbinden die Westschweiz mit der Welt. Nicht weit davon entfernt findet im CERN internationale Forschung auf höchstem Niveau statt. Diese Dynamik und die Stadtnähe haben die Bevölkerung seit 1950 um 1200% ansteigen und vielfältig werden lassen. Heute leben 26'000 Menschen aus mehr als 140 Nationen in Meyrin.

«Durch den beständigen Willen, den Dialog mit und in der Bevölkerung zu fördern, ist es der Gemeinde gelungen, deren Vielfalt als Stärke zu aktivieren. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Umgang mit der Baukultur als Teil einer Strategie, die dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Vertrautheit in der Gemeinde ein hohes Gewicht beimisst», schreibt der Schweizer Heimatschutz in einer Mitteilung.

Der historische Dorfkern des einst ländlich geprägten Meyrin ist gut erhalten. Die überlieferten Bauten werden gepflegt und an neue Bedürfnisse angepasst. Nicht wenige davon haben heute eine öffentliche Nutzung und ermöglichen Begegnungen im Herzen der Gemeinde.

Besonders prägend für das Bild von Meyrin sei die erste Satellitenstadt der Schweiz, die «Nouvelle Cité», die im grossen Massstab in den 1960er-Jahren als Massnahme gegen die Wohnungsnot erstellt wurde, heisst es weiter. Das baukulturelle und soziale Potenzial der Nachkriegsarchitektur mit ihren grosszügigen Freiräumen wurde früh erkannt. Heute werde das riesige Ensemble nachhaltig saniert und nach klaren planerischen Vorgaben nachverdichtet – hauptsächlich durch Aufstockungen. Dabei wird das städtebauliche Gerüst beibehalten, die Freiräume werden mit Verkehrsberuhigungen und landschaftlichen Projekten aufgewertet.

Den jüngsten Schub hat die Gemeinde mit dem Bau des «Écoquartier Les Vergers» erhalten. 1350 Wohnungen sind neu hinzugekommen – mit Platz für 3000 Menschen. Für die Gemeinde Meyrin standen bei der Planung des neuen Quartiers ein ausserordentlicher Einbezug der Bevölkerung sowie die Ausrichtung auf soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit im Zentrum. Heute bieten zahlreiche Vereinigungen Möglichkeiten an, um am gemeinschaftlichen Leben mitzuwirken.

Mit langfristigen Visionen hat sich Meyrin innert zweier Generationen vom Bauerndorf zur lebenswerten und lebendigen Grossgemeinde innerhalb der Genfer Agglomeration entwickelt. Die Gemeinde macht mit ihrem Handeln deutlich, wie auf kommunaler Ebene Verantwortung für Mensch und Umwelt übernommen werden kann.

Drei wesentliche Argumente für den Wakkerpreis 2022 an Meyrin:

1. hohe Baukultur gestern, heute und morgen

Dank der qualitativen Auseinandersetzung mit den Zukunftspotenzialen des historischen Dorfkerns und der Satellitenstadt sowie der Entwicklung von ambitionierten Strategien können die Qualitäten der prägenden Siedlungsräume erhalten, aufgewertet und weiterentwickelt werden.

Denkmalgeschützte Gebäude wie die «Villa du Jardin Botanique alpin» oder die sich zurzeit im Umbau befindende «Maison Vaudagne» werden zu sozialen Zentren umgenutzt, sensibel renoviert und erweitert.

Die ortsbildprägende Struktur der Satellitenstadt wurde erhalten. Das herausfordernde Erbe der Autostadt der Moderne wird in eine nachhaltige Zukunft des Langsamverkehrs und des Öffentlichen Verkehrs überführt.

Architekturwettbewerbe haben wertvolle zeitgenössische Architektur hervorgebracht, wie beispielsweise die «École Les Vergers».

2. Baukultur für das Klima und die Biodiversität

Der Schwerpunkt der Siedlungs- und Landschaftsentwicklung in Meyrin liegt auf den drei Pfeilern der Nachhaltigkeit.

Der «Lac des Vernes» dient dem Abwassermanagement in der Gemeinde und ist zugleich ein Biotop zur Förderung der Artenvielfalt und ein beliebtes Naherholungsgebiet.

Mit dem Prinzip der Verdichtung durch Aufstockungen wird der grosse Baubestand der 1960er-Jahre ressourcenschonend weiterentwickelt. Mit energetischen Optimierungen und dem Anschluss an ein nachhaltiges Energie- und Wärmenetz wird die CO2-Bilanz der Brauchenergie deutlich verbessert.

Ein von der Bewohnerschaft betriebener urbaner Landwirtschaftsbetrieb im Neubauquartier «Les Vergers» sensibilisiert für lokale Produkte und ist zugleich Element der Freiraumgestaltung.

3. Gesellschaftlicher Zusammenhalt durch ziviles Engagement

Initiativen der Zivilbevölkerung sowie partizipative Prozesse prägen seit den 1960er-Jahren den Zusammenhalt und tragen zur Lebensqualität und zur Verbundenheit mit dem Ort bei.

Durch partizipative Prozesse hat die Bevölkerung die Entwicklung des Öko-quartiers «Les Vergers» mitgestaltet. Genossenschaftswohnungen und von der Bevölkerung getragene öffentliche Angebote prägen das Quartierleben.

Meyrin stellt das ehemalige Bauernhaus «La Planche» seit dessen Instandsetzung der städtischen Landwirtschaftsgenossenschaften «Les Vergers» zur Verfügung.

Der «Fonds d'art contemporain de Meyrin» ermöglicht vielfältige Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Sinnbildlich dafür steht «L’enfance du pli». Die Gemeinde setzt auf ein eigenständiges, reichhaltiges Kulturangebot, das die Identifikation mit dem Ort und den Austausch fördert.

Der Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes

Der Schweizer Heimatschutz vergibt jährlich einer politischen Gemeinde oder in Ausnahmefällen Organisationen oder Vereinigungen den Wakkerpreis. Das Preisgeld hat mit 20'000 Franken eher symbolischen Charakter. Der Wert der Auszeichnung liegt vielmehr in der öffentlichen Anerkennung vorbildlicher Leistung.

Erstmals ermöglicht wurde der Wakkerpreis 1972 durch ein Vermächtnis des Genfer Geschäftsmanns Henri-Louis Wakker an den Schweizer Heimatschutz. Seither sind weitere Legate eingegangen, dank denen er den Preis bis heute vergeben kann.

Der Wakkerpreis zeichnet Gemeinden aus, die bezüglich Ortsbild- und Siedlungsentwicklung besondere Leistungen vorzeigen können. Hierzu gehören insbesondere das Fördern gestalterischer Qualität bei Neubauten, ein respektvoller Umgang mit der historischen Bausubstanz sowie eine vorbildliche Ortsplanung, die Rücksicht auf die Anliegen der Umwelt nimmt.

Weitere Infos: heimatschutz.ch/wakkerpreis

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