Die schritt­wei­se Nut­zung des be­bau­ten Raums

Das NFP-81-Projekt «Qualiscapes» nutzt «Transect Walks» als Werkzeug: Auf einem Spaziergang durch ein Quartier zusammen mit dessen Bewohner:innen werden dabei räumliche und soziale Informationen zusammengetragen. Eine Reportage vor Ort, zwischen Biel und Nidau.

Publikationsdatum
12-10-2026

Die Gruppe bleibt vor dem klaffenden, dunklen Eingang des Fussgängertunnels stehen. Rechts lädt ein weitläufiger Spielplatz dazu ein, in die Kindheit zurückzukehren; für einen Samstagnachmittag ist er überraschend leer. Links blendet der Gemeinschaftsrasen eines Mehrfamilienhauses – der ebenfalls menschenleer ist – fast schon, so sehr glitzert er in der Sonne. «Ach, hier war ich noch nie. Ich habe immer gedacht, dass es hässlich sein müsste», sagt eine Einwohnerin von Nidau. Und doch kauft sie regelmässig in dem Supermarkt ein, der direkt gegenüber liegt, auf der anderen Seite der Bernerstrasse. Ihr Ehemann, der einen breiten Hut trägt, pflichtet ihr bei: «Ich hätte nicht mit so viel Grün gerechnet. Schade, dass diese Bereiche offenbar kaum genutzt werden.»

Etwa eine halbe Stunde ist es her, seit die kleine Gruppe ihren Treffpunkt, den Guido-Müller-Platz, verlassen hat, zehn Gehminuten südlich des Bahnhofs Biel. Sie setzt sich aus Bewohnerinnen und Bewohnern des Nidauer Quartiers Weidteile zusammen, die sich bereit erklärt haben, an einem der «Transect Walks» teilzunehmen, die im Rahmen des NFP-81-Projekts «Qualiscapes» organisiert wurden. Ziel dieser zweistündigen, systematischen Spaziergänge, die von Mitgliedern des Forschungsteams begleitet werden, ist es, die Raumnutzung, die Qualität der Landschaft und die Faktoren zu verstehen, welche die Attraktivität des städtischen Umfelds steigern – im Dialog mit der direkt betroffenen Bevölkerung vor Ort.

Ein weiterer geplanter Halt an diesem Tag: die Kreuzung zwischen der Bernerstrasse und der Keltenstrasse, zwei stark befahrenen Verkehrsadern der zweisprachigen Stadt. Hier wird der Strassenlärm der Autos nur gelegentlich vom Lärm der nahegelegenen Bahnstrecke übertönt. Nachdem er einen Baum gefunden hatte, der etwas Schatten spendete, fragt Raimund Rodewald, Experte bei der Stiftung Landschaftsschutz, die Anwesenden: «Wie könnte man an dieser Stelle die Identität des Stadtviertels stärken?» Mehrere Augenpaare richten sich auf ihren Stadtführer. Die dicken Eye-Tracking-Brillen, mit denen die Teilnehmer:innen ausgestattet sind, können ihr Erstaunen nicht verbergen. «Ehrlich gesagt verstehe ich nicht so recht, warum man einem so unattraktiven Ort eine ‹Identität› verleihen sollte», wagt ein Mann um die Fünfzig einzuwenden.

«Nützlicher, als zur Wahl zu gehen»

Die Gruppe setzt ihre gemeinsame Wanderung fort, diesmal in Richtung Zihl. Auf die Frage nach den Gründen für ihre Teilnahme am «Transect Walk» erklärt eine Frau im Gehen: «Viele Menschen beschweren sich über die Gestaltung ihrer Stadt oder ihres Quartiers, unternehmen jedoch nichts, um eine Veränderung herbeizuführen.» Ihrer Ansicht nach kann die aktive Mitwirkung an einer Studie wie derjenigen im Rahmen des Projekts «Qualiscapes» «sinnvoller sein, als zur Wahl zu gehen» oder zumindest «eine Ergänzung dazu darstellen.»

Während die Wanderer:innen an der Wohnsiedlung «Schindlerhöfe» vorbeigehen, macht Raimund Rodewald – der als externer Partner an dem Projekt mitwirkt – auf das Wechselspiel von Horizontalität und Vertikalität zwischen diesen imposanten Wohnbauten aus den 1960er Jahren und den Bäumen in den angrenzenden gemeinschaftlichen Grünflächen aufmerksam. Ein Teilnehmer äussert sich dazu: «Ich sehe diese Gebäude jeden Tag von meinem Küchenfenster und bis heute habe ich nicht verstanden, warum sie eine Art Faszination auf mich ausüben.» Offensichtlich hat die Kenntnis des Konzepts, das der Planung der Siedlung zugrunde liegt, diesem Einwohner von Nidau ermöglicht, Ordnung in das Puzzle seiner Gedanken zu bringen.

Geschichten, die sich auf andere Orte übertragen lassen

Die «Transect Walks» dienen dazu, herauszufinden, welche Aspekte der Lebensqualität für die Nutzer:innen des bebauten Raums wichtig sind, und bilden eine Art Aufwärmphase für partizipative Workshops, die in einem zweiten Schritt von den Forscher:innen organisiert werden. «Es handelt sich um zwei sich ergänzende Instrumente der gemeinsamen Gestaltung», erklärt Jonathan Bussard, Mitarbeiter am Institut für Geografie und Nachhaltigkeit der Universität Lausanne. «Der Vorteil systematischer Exkursionen vor Ort besteht darin, dass sie dazu beitragen, eine Verbindung zwischen konkreten Beobachtungen und lokalem Wissen herzustellen und gleichzeitig die Hierarchie zwischen Wissenschaftler:innen und Bürger:innen aufzulösen.»

Können die gesammelten Aussagen tatsächlich als «authentisches» lokales Wissen bezeichnet werden, wenn man die Aufmerksamkeit der Bewohner:innen bewusst auf bestimmte Merkmale der Baukultur lenkt, wie es beispielsweise Raimund Rodewald im Fall der Schindlerhöfe getan hat? «Man kann die Leute nicht einfach vor Ort ‹absetzen› und sie dann fragen, was sie davon halten würden», erklärt Rodewald, der selbst in Biel wohnt. Ähnlich äussert sich auch Jonathan Bussard: «Mit dem Tool ‹Transect Walk› lassen sich spontane Erzählungen erzeugen – Geschichten, die sich auf andere Orte übertragen lassen. Es ist ein Prozess, der sich auch weiterentwickelt.»

Unter den Erzählungen, die während des Spaziergangs in Weidteile entstanden sind, tauchen einige übrigens immer wieder auf, sodass sie sich zu Motiven entwickeln. So zeigten sich die Teilnehmer:innen mehrfach angenehm überrascht von der Anzahl und Grösse der Grünflächen in ihrem Quartier, stellen jedoch gleichzeitig fest, dass diese Flächen von den Bewohner:innen offenbar nur wenig genutzt werden. «Dies verdeutlicht, dass es entgegen dem Klischee nicht unbedingt an Grünflächen in der Stadt mangelt, sondern an der Verbindung zwischen den Menschen und diesen Räumen», kommentiert Rodewald.

Neue Möglichkeiten erschliessen

Ein weiteres Motiv, das sich an jenem Samstag abzuzeichnen scheint: Um die Attraktivität eines Quartiers zu steigern, reicht es manchmal, die Bewohner:innen besser zu diesem Ort zu leiten. Als die Gruppe am Ende einer engen Sackgasse Halt macht, die zwischen einem Wohnblock, einem Parkplatz mit ausgedienten Autos und einer Unterführung eingeklemmt ist, wird den Teilnehmer:innen bewusst, dass sich dieser etwas düstere Ort eigentlich an einer strategisch günstigen Stelle befindet: zwischen dem weitläufigen Wohngebiet auf der Nordseite der stark befahrenen Bernstrasse und dem Erholungsgebiet am Ufer der Zihl. Durch den Rodewald angeregt, kommt die Fantasie in Gang. Virtuell entsteht ein «Bade-Korridor», ein markierter oder sogar begrünter Weg, der die Anwohner:innen des Quartiers dazu einladen soll, zu Fuss und mit dem Badetuch unter dem Arm zum nahegelegenen Gewässer zu gehen.

Der Strassenlärm, die übelriechenden Dämpfe, die aus den Müllcontainern aufsteigen, sowie die Hitze der Mittagssonne, die auf den Asphalt brennt, setzen der kleinen Gruppe dann doch ziemlich zu und sie setzt sich wieder in Bewegung. Die Phase des kollektiven Schaffens, die neue Möglichkeiten eröffnet hat, war kurz und intensiv. 

Und genau das ist die Herausforderung, der sich die Forscher:innen des Projekts «Qualiscapes» stellen: die Wendepunkte zu identifizieren, ab denen die Veränderung der Qualität der Baukultur zu einer Schwächung des Zugehörigkeitsgefühls zu einem Lebensraum führt. Und damit auch das Engagement der Öffentlichkeit für die Gestaltung ihres Umfelds. «Umgekehrt geht es für uns auch darum, die Wendepunkte zu identifizieren, ab denen die Bevölkerung wieder eine positive emotionale Bindung zu ihrem Lebensraum aufbaut», erklärt Raimund Rodewald.

Patricia Michaud ist freie Journalistin. Sie lebt und arbeitet in Bern. Als Tochter eines Bauingenieurs hat sie schon in der Kindheit ein Sensibilität für Baukultur entwickelt.

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