Das Falt­werk der Tri­bü­ne Brühl

Sanierung Tribüne Stadion Brühl, Grenchen (SO)

Das vorgespannte Stahlbeton-Faltwerk des Stadions Brühl in Grenchen von 1962 ist schutzwürdig, aber nicht kantonal geschützt. Nun wurde die Tribüne instand gesetzt und bleibt damit ein einzigartiges Schweizer Stadionbauwerk seiner Zeit.

Publikationsdatum
19-05-2026

Das Stadion Brühl liegt im Süden von Grenchen, ist eine der bedeutendsten Sportanlagen des Kantons Solothurn und seit seiner Einweihung im Jahr 1927 eng mit der Geschichte des FC Grenchen und der Stadtentwicklung verbunden. Während die ursprüngliche Anlage noch über eine Holztribüne verfügte, erhielt das Stadion 1961/62 mit dem Neubau einer vorgespannten Stahlbetontribüne seine bis heute prägende architektonische Gestalt. Mit rund 1300 gedeckten Sitzplätzen bei einer Gesamtkapazität von 10 900 Steh- und Sitzplätzen bleibt die Anlage aus der Nachkriegszeit zurückhaltend dimensioniert. 

Entworfen haben es die Architekten Carlo Campoleoni und Alfred Christen gemeinsam mit dem Berner Ingenieurbüro Stocker, Buser & Schneider. Eingeweiht wurde das Stadion anlässlich des ersten Uhrencups. Heute dient es dem Amateurverein FC Grenchen, dessen erste Mannschaft in der 1. Liga spielt (früher Nationalliga A und Cupsieger 1959), und ist seit 2024 ein Nationalstadion für American-Football-Spiele.

Faltwerk: Tragwerk und Erscheinung

Die Tribüne ruht auf einem Betonskelettbau. Sie ist 55 m lang und als Faltwerk in Sichtbeton konstruiert. Die gewählte Trag­struktur kombiniert hohe Tragfähigkeit und geringe Bauteilstärke. Der Sichtbeton übernimmt neben der tragenden auch eine gestalterische Funktion und prägt das Erscheinungsbild des Bauwerks entscheidend. Das Dach kragt 12 m aus und geht direkt in die Rückwand über. Diese ist Teil des räumlichen statischen Systems und stabilisiert das auskragende Dach.

Die gefalteten Betonscheiben wirken als räumliches Tragsystem mit kombinierter Platten- und Scheibenwirkung. Dies bewirkt, dass das Dach quer zur Hauptspannrichtung deutlich steifer wird, und erlaubt die stützenfreie Auskragung über den Zuschauerrängen. Das Tribünendach ist somit kein additives Dach auf einer Unterkonstruktion, sondern ein integrales Flächentragwerk. Eigengewicht sowie Schnee- und Windlasten werden über Membran- und Biegewirkung in die Sockelkonstruktion mit der integrierten Tribüne eingeleitet. 

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Dank der statisch effizienten Konstruktion konnten materialökonomische Schalendicken von nur 10 bis 14 cm umgesetzt werden. Die Vorspannkabel erzeugen Druckspannungen in den Zugzonen, was die Rissbreiten begrenzt und die Gebrauchstauglichkeit verbessert. Die Tribüne steht damit in der Tradition der vorgespannten Betonkonstruktionen der 1950er- und 1960er-Jahre, als neue Berechnungsverfahren der Elastizitätstheorie und verbesserte Spannsysteme grössere Schlankheiten ermöglichten. 

Die zickzackförmige Faltung der Sichtbetonflächen, die leicht nach aussen geneigte Rückwand und das zum Spielfeld hin ansteigende Dach machen die statische Wirkungsweise unmittelbar ablesbar. Konstruktion und Erscheinung fallen zusammen und prägen den architektonischen Ausdruck.

Würdige Ingenieurbaukunst nicht geschützt

Diese Konstruktion galt zur Bauzeit innerhalb der Schweizer Stadionarchitektur als einzigartig. Dennoch steht das Bauwerk weder unter kommunalem noch unter kantonalem oder eidgenössischem Schutz. Das Stadion ist «nur» als schützenswert eingestuft, bildet jedoch einen Bestandteil des schweizweit bedeutenden Ortsbilds und ist im «Inventar der Architektur im Kanton Solothurn von 1940 bis 1980» als hervorragend eingestuft. Die hohe baukulturelle Qualität der Stadt Grenchen zeigt sich darin, dass ihr Ortsbild im ISOS als von nationaler Bedeutung eingestuft ist – eine Würdigung, die 2008 auch zur Verleihung des Wakkerpreises an die Stadt beitrug. Das Stadion ist Teil jener Baukultur, die diese Auszeichnung mitbegründete.

In der politischen Debatte vom März 2024, als der Gemeinderat über die kantonale Unterschutzstellung diskutierte, wies er diese mit acht zu sieben Stimmen ab. Nicht, weil die Qualität des Bauwerks bestritten wurde, sondern weil sich vielmehr die Frage stellte, ob eine formelle Unterschutzstellung das geeignete Instrument sei. Immerhin figuriert das Stadion im Rahmen der Ortsplanungsrevision (OPR) neu unter den kommunal schützenswerten Gebäuden, was seine Bedeutung zumindest auf 
lokaler Ebene bestätigt.

Instandsetzung der Tribüne

Nach über sechs Jahrzehnten Nutzung traten typische Alterungsprozesse des Stahlbetons auf: Die Karbonatisierung des Betons schritt fort und wegen Feuchteeintrags – gerade im Bereich der Dachkante, der Fugen und der Entwässerungsdetails – kam es lokal zu Abplatzungen. Zusätzlich führten Temperaturwechsel zu Zwangsspannungen, die sich in feinen Rissnetzen zeigten. Die Schäden mussten repariert werden. Der Gemeinderat – die Stadt ist seit 1975 Besitzerin des Stadions – beschloss 2023 die Kosten für die Instandsetzungsarbeiten von 2.4 Mio. Fr. Nach sechs Monaten Bautätigkeit ab Sommer 2024 wurden diese abgeschlossen. Es erfolgte ein substanzerhaltender Umgang, keine Umgestaltung. Dies bedeutete den langfristigen Erhalt der tragenden Betonstruktur und die funktionale und bautechnische Ertüchtigung für den zeitgemässen Betrieb. 

Obwohl die Tribüne nicht formell unter Denkmalschutz steht, wurde sie im Bewusstsein ihrer bauhistorischen Bedeutung entsprechend behandelt. So erfolgte die Planung von Bigolin + Crivelli Architekten aus Grenchen und den Ingenieuren Emch + Berger aus Solothurn unter Einbezug historischer Analysen in enger Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv und der kantonalen Denkmalpflege. Nach der Zustandsanalyse legte man geschädigte Bereiche partiell frei, reinigte oder ergänzte korrodierte Bewehrungen und reprofilierte anschliessend die Betonoberflächen und beschichtete sie gegen weiteren Feuchteeintrag – ohne dabei die charakteristische Sichtbetonästhetik grundsätzlich zu verändern. Gleichzeitig wurden Entwässerungsdetails verbessert, das Mauerwerk zwischen den Stufen durch Glasfenster ersetzt und sicherheitsrelevante Bauteile wie Geländer, Brüstungen, Zugänge normgerecht ertüchtigt.

Im Bereich der Sitzreihen erwiesen sich die horizontalen und vertikalen Kittfugen als schadensanfällig. Teilweise waren sie gerissen oder von den Betonflanken gelöst, sodass Wasser in den darunter­liegenden Gang sowie in Erd- und Obergeschoss eindrang. So wurden die Fugen ersetzt und die Abdichtung verbessert.

Identitätsstiftendes Bauwerk

Die Eingriffe führte man so aus, dass die statische Klarheit des Faltwerks erhalten bleibt und vermied zusätzliche Schichten oder Verkleidungen. Neue Fugenbänder zwischen den Beton­elementen wurden vertieft ausgebildet, um die Dichtigkeit zu verbessern und zugleich den ursprünglichen Ausdruck beizubehalten. Parallel zur Betoninstandsetzung erneuerte man die Gebäudetechnik: Die veraltete Gasheizung mit Gasheizkessel aus dem Jahr 1990 wurde stillgelegt, das Gebäude an den Nahwärmeverbund (NWV) angeschlossen und die Warmwasseraufbereitung aus dem Jahr 1959 ersetzt. Diese Massnahmen sind für die langfristige Nutzbarkeit der Anlage wesentlich, bleiben aber im Erscheinungsbild weitgehend unauffällig.

Im Vergleich zu heutigen Stadionprojekten mit multifunktionalen Mantelnutzungen und umfangreicher Gebäudetechnik ist die Tribüne Brühl konstruktiv stark reduziert. Das skulpturale Tragwerk stellt schlicht eine angemessene Lösung für die gestellte Bauaufgabe dar und beeindruckt dennoch durch seine Präsenz. Gerade diese konstruktive Einfachheit, die gute Erhaltung der Originalsubstanz sowie die identitätsstiftende Wirkung innerhalb des Ortsbilds liefern fachlich überzeugende Argumente für eine langfristige Sicherung des Bauwerks. Eine formelle Unterschutzstellung wäre daher naheliegend und nicht als Einschränkung zu verstehen, sondern vielmehr als Instrument, um eine fachgerechte Weiterentwicklung des baukulturellen und ingenieurtechnischen Werts über Generationen hinweg sicherzustellen.

Sanierung Tribüne Stadion Brühl, Grenchen (SO)


Vergabeform Sanierung
Direktauftrag


Architektur Originalbau (1962)
C. Campoleoni, A. Christen


Tragwerk Originalbau (1962)
Stocker, Buser & Schneider Ingenieure


Architektur Instandsetzung (2024)
Bigolin + Crivelli Architekten AG, Grenchen


Tragwerk Instandsetzung (2024)
Emch + Berger AG, Solothurn


Gebäudekosten BKP 2
2.25 Mio. Fr.

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