An­glei­chen und Ab­set­zen

Erneuerung und Umnutzung, Careum Hochhaus, Zürich

Das elegante Wohnhochhaus von Jakob Zweifel an der Plattenstrasse in Zürich aus dem Jahr 1959 wurde zum Bürobau umgenutzt und denkmalgerecht saniert. Bhend & Schlauri Architekten fanden dafür eine Strategie, die sich eng am Bestand orientiert und dennoch eigenständig wirkt.

Publikationsdatum
19-05-2026
Christoph Wieser
Architekturtheoretiker, Dozent an der FHNW für Konstruktion und Verfasser von denkmalpflege­rischen Gutachten

Ein zentrales Merkmal nachhaltigen Bauens ist eine flexibel nutzbare Tragstruktur. Bei vielen Gebäuden der Hochkonjunktur ging diese Tugend verloren, weshalb sie oft nicht umgebaut, sondern ersetzt werden. Umso überraschender, dass die beiden bekanntesten frühen Wohnhochhäuser von Zürich eine adaptierbare Struktur aus Beton aufweisen: die als Skelettbau konzipierten Letzigraben-Hochhäuser von Albert Heinrich Steiner von 1952 und das 1959 bezogene Personalhochhaus des Universitätsspitals Zürich von Jakob Zweifel, das mittels Scheiben und einem Kern gegliedert ist. Diese vorausschauende Planung ermöglichte jüngst die Transformation des Personalhochhauses in Büroräumlichkeiten. Bhend & Schlauri Architekten gingen dabei behutsam und erfindungsreich vor.

Ein Hochhaus fürs Pflegepersonal

Für den Wettbewerb von 1951/1952 stand ein Grundstück im Gebiet der «Platte» zur Verfügung. Der vorteilhaften Nähe zum Spital stand die knappe Parzellenfläche gegenüber, weshalb die Jury ein Hochhaus als einzig sinnvollen Gebäudetyp erachtete.1 Jakob Zweifel, der schon in der ersten Runde am meisten überzeugt hatte, erhielt nach Überarbeitung der prämierten Projekte den Zuschlag.

Der Entscheid für ein Hochhaus ist bemerkenswert: Damals wurde dieser Bautyp kontrovers diskutiert, auch bezüglich der Angemessenheit einer solch prominenten Geste für das bescheidene Programm eines Schwesternhauses, wie es genannt wurde. Zudem gab es noch keine gesetzliche Grundlage für Hochhäuser. Der entsprechende Paragraf wurde erst 1956 in die kantonale Verfassung aufgenommen.

Das Hochhaus Plattenstrasse ist von höchster Qualität und damit ein denkmalpflegerisches Schutzobjekt. Es fasziniert durch sein ebenso klassisch anmutendes wie elegantes und differenziertes Äusseres und seine typologische Raffinesse. Wie bei aktuellen Wohnhochhausprojekten der Schweiz erneut ein Thema, hatte bereits Zweifel die rund 250 Zimmer in überschaubare «Nachbarschaften» unterteilt: Während die Zimmer an den Fassaden liegen, ordnete er in der mittleren Schicht die Vertikal­erschliessung, Sanitärräume, Teeküchen und an der Stirnseite einen überhohen Aufenthaltsbereich mit Balkon auf dem Galeriegeschoss an. Darüber liegt eine eingeschossige Einheit, bevor der nächste doppelgeschossige Gemeinschaftsraum folgt. Diese vertikale Gliederung prägt die südliche Stirnfassade ebenso wie die Reihung der Zimmer die Längsseiten.

Mehr Artikel zum Thema lesen Sie in unserem E-Dossier Beton.

Zweifel suchte nach einer «Einheit von Konstruktion und Form», weshalb er Beton für das Tragwerk wählte. Dieses zeigt sich aussen sowie im Erdgeschoss als heller Sichtbeton. In den Zimmergeschossen dagegen entfaltete sich eine typische Wohnwelt der 1950er-Jahre mit eigens entworfenem Mobiliar. Aufgrund gestiegener Komfortansprüche und Schäden der Betonfassaden erfolgte 1993 eine erste Sanierung wiederum durch das Büro von Jakob Zweifel (Zweifel + Glauser + Partner). 

Dem letztjährigen Umbau ging eine Neuausrichtung voraus: Das Universitätsspital hat aufgrund eigener Bauvorhaben keinen Bedarf mehr am Hochhaus. Die an der Schnittstelle zwischen Bildung und Gesundheit tätige Stiftung Careum, deren Campus in unmittelbarer Nachbarschaft liegt, mietete das Gebäude vom Baurechtsnehmer Universitätsspital langfristig mit dem Ziel, darin einen Arbeits- und Begegnungsort für Zusammenarbeit und Innovation im Gesundheitsbereich einzurichten. Neben der Stiftung Careum nutzen Institute der Universitären Medizin Zürich sowie ein Café im Erdgeschoss die Räume.

Geglückte Nutzungsveränderung

1993 wurden je zwei Zimmer zu einer Einheit mit eigener Nasszelle zusammengelegt. Die Eckzimmer und die Gemeinschaftsbereiche blieben erhalten. Dank der nichttragend ausgeführten Zimmertrennwände war der Eingriff unproblematisch. Denn die Betonstruktur beschränkt sich auf die in vertikale Bänder aufgelösten Fassaden, die zimmerseitige Wand der schmalen Nebenraumschicht und die Längswände des Kerns samt Treppenhaus und Liftschacht.

Bei der ab 2021 geplanten und Ende 2025 abgeschlossenen Umwandlung in Büroräume musste die charakteristische Schichtung des Grundrisses aus denkmalpflegerischen Gründen beibehalten werden. Zur Stärkung der räumlichen Durchlässigkeit und des funktionalen Zusammenhalts wollte man die Kammerung aber aufbrechen. Die Denkmalpflege erlaubte eine maximal fünfzigprozentige Öffnung der Korridore zu den Büros. Damit bleiben die beiden Gänge gerade noch als solche erkennbar. Auch weil die Nebenraumschichten in Form von «Fokusboxen» und weiteren dienenden Funktionen auf passende Weise neu interpretiert werden. 

Konstruktiv lösten die Planenden die Öffnung büroseitig mittels vorfabrizierter Betonstützen und Unterzüge in Ortbeton anstelle der tragenden Betonwand. Eine Herausforderung stellten die geringen Geschosshöhen von nur 2.65 m dar. Dank Deckenstärken von bloss 14 cm Beton, einem minimalen Hohlboden und einer kompakten Aufdoppelung an der Deckenunterseite entsprechen die Büros gleichwohl heutigen Ansprüchen. In der Summe wirken die neuen Elemente etwas unruhig. Schöne Relikte der Bauzeit sind die Fenstersimse in Schiefer und die Wandregale mit Schreibklappe an den Aussenwänden.

Sichtbetonsanierung im Lauf der Zeit 

Im Erdgeschoss waren die Eingriffe in die Betonstruktur grösser als man denkt: Die halbrunde Einfassung der Treppe musste zur Erfüllung der heutigen Normen etwas Richtung Eingang verschoben werden und wurde erneut in Beton gegossen. Der Liftschacht musste um einen Feuerwehrlift ergänzt werden, weshalb der neu betonierte Schacht in das Café hineinragt. Die ehemals freistehenden runden Stützen sind an den Ecken in den Ortbetonkörper integriert. Weil fürs Giessen kein Platz war, sind die Ecken mit Reprofilierungsmörtel ausgebildet. Zur Erzeugung des gewünschten Schalungsbilds drückten die Bauarbeiter Holzbretter in die Oberfläche. Diese Technik kam auch bei den Stützen in der Eingangshalle zum Einsatz, die teils aus statischen, teils aus feuerpolizeilichen Gründen eine Verstärkung des Durchmessers benötigten. Alle Betonoberflächen erhielten – wie bereits zur Bauzeit – eine mineralische Lasur.

Das Vorgehen ergibt Sinn, weil es die Technik der Fassadensanierung von 1993 weiterführt: Damals wurden die Oberflächen mit Wasserhöchstdruck abgeschält und anschlies­send mehrere Lagen Spritzbeton aufgetragen. In die letzte Schicht wurden Holzbretter gedrückt und beim Wegnehmen leicht verkantet, damit die typischen Brauen entstehen. Gleichzeitig wurden die Teilflächen senkrecht abgerieben, weshalb die Zeichnung der Holzmaserung fehlt und das Ganze eher wie ein hellgrauer, feinkörniger Verputz wirkt.

Technisch erfüllt der Spritzbeton seinen Zweck als Schutzschicht der Armierung: Die Karbonatisierung ist kaum fortgeschritten. Deshalb reichte es bei der jüngsten Sanierung, Risse und schadhafte Stellen auszubessern. Eine Lasur verringert die Wasseraufnahme. Aus betonpuristischer Sicht gefällt das Resultat weniger. Heute würde man nur partiell eingreifen, damit die ursprüngliche Struktur und Patina weitmöglichst erhalten bleiben. 

Tritt man jedoch ein wenig zurück, überzeugen der Ausdruck und die Materialisierung des Hochhauses nach wie vor: Die hellen vertikalen Betonscheiben, die im Dachgeschoss nach innen geknickt sind und den Terrassen Schatten spenden, bilden mit den anthrazitfarbenen Faserzementplatten unter den Fenstern und den horizontalen, deutlich vorstehenden Aluminiumblenden eine erlesene Komposition. Bhend & Schlauri Architekten unterstützen diese Qualitäten, indem sie beim Fensterersatz wieder auf die ursprünglichen Rahmenbreiten zurückgriffen. Viele Massnahmen bleiben nahezu unsichtbar, ermöglichten aber erst die Umnutzung und schenken damit dem Hochhaus eine Zukunft.

Anmerkung

1 Ohne Autor (1952): «Wettbewerb für ein Schwesternhaus des Kantonsspitals Zürich», in Schweizerische Bauzeitung,  Heft-Nr. 31, S. 442.

Erneuerung und Umnutzung, Careum Hochhaus, Zürich


Vergabeform
Direktauftrag


Eigentümerin/Baurechtsnehmerin
Kanton Zürich/Universitätsspital Zürich


Bauherrschaft
Careum Stiftung  


Bauherrenvertretung
Beta Projekt Management AG, Zürich


Architektur Umbau
Bhend & Schlauri Architekten, Zürich


Baumanagement
BGS & Partner Architekten, Rapperswil-Jona SG


Tragkon­struktion
JägerPartner AG, Zürich


HLKSE-Planung
3-Plan AG, Kreuzlingen TG


Bauphysik + Akustik
Kuster + Partner, Lachen SZ


Brandschutz
BDS Security Design AG, Bern; Brandschutz Cottier, Zuzwil BE


RDA-Fachplanung
Enfors AG, Sempach
 

Landschaftsarchitektur
Noa Landschaftsarchitektur AG, Zürich


Verkehrsplanung
asa Arbeitsgruppe für Siedlungsplanung und Architektur AG, Rapperswil-Jona SG


Türmanagement
Indora AG, Zürich


Gastroplanung
gkp-plus Grossküchenplanung, Horn SG


Bauteilwiederverwendung
Zirkular GmbH, Zürich

Kunst am Bau
Johanna Künzli «Psalm I, Vers III» 1958; Florin Granwehr «Transeunt» 2004/2005


Signaletik / Grafik
Büro Fax, Winterthur


Restaurierungen
Martin Hüppi, Luzern


Geschossfläche GF (SIA 416)
8100 m2

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