Mit Raum­pla­nung Kli­ma­schutz und Kli­ma­an­pas­sung vor­an­trei­ben

Im Positionspapier Raumentwicklung hält der SIA seine übergeordnete Haltung zum Kernthema Raumplanung fest. Vier Leitsätze bilden darin die Grundlage für konkretes Handeln. Die ersten beiden Leitsätze befassen sich mit dem Schutz der Umwelt und klimaangepasstem Planen in der Raumplanung. Wie das funktionieren kann, zeigen erfolgreiche Praxisbeispiele in Winterthur, Basel-Stadt und Zürich sowie das Gewinnerprojekt des Prix SIA 2026 in Vernier.

Publikationsdatum
13-08-2026
Sarah Mettan
Verantwortliche Raumplanung, Berufsgruppe Umwelt (BGU)

«Der gemeinsam nachhaltig gestaltete Lebensraum schützt die Umwelt und schont die Ressourcen», titelt der erste Leitsatz des Positionspapiers Raumentwicklung. In diesem Leitsatz fordert der SIA unter anderem, dass die Raumplanung dem Schutz der Umwelt und dem haushälterischen Umgang mit Ressourcen einen hohen Stellenwert einräumt. Um das Netto-Null-Ziel bis 2040 zu erreichen, sollen erneuerbare Energien stark ausgebaut und klimafreundliche Projekte zügig umgesetzt werden. Dies darf allerdings nicht auf Kosten von Biodiversität und vielfältigen Landschaftsstrukturen gehen.

Während der erste Leitsatz insbesondere Aspekte des Klimaschutzes, der Kreislaufwirtschaft und der ökologischen Infrastruktur betont, ergänzt der zweite Leitsatz diese Perspektive. Die Transformation der Bau- und Planungsbranche erfordert neben der Reduktion der Treibhausgasemissionen auch die Anpassung des Lebensraums an die Auswirkungen des Klimawandels. Hier übernimmt die Raumplanung eine Schlüsselrolle, denn sie kann Strategien entwickeln und Lösungen umsetzen, die den Herausforderungen des Klimawandels und der Biodiversitätskrise Rechnung tragen. Der zweite Leitsatz bringt es auf den Punkt: «Planungssysteme und -prozesse antizipieren Risiken und berücksichtigen klimatische Zukunftsszenarien.» Auch der vom SIA im Jahr 2025 verabschiedete Aktionsplan Klima, Energie und Ressourcen betont diese beiden Schwerpunkte – zum einen die Reduktion der Treibhausgasemissionen, zum anderen die Anpassung des Lebensraums an das Klima von morgen. 

Winterthur schafft Anreize auf dem Weg zu Netto-Null

Der Handlungsbedarf zur Reduktion der Treibhausgasemissionen in der Bau- und Planungsbranche ist gross. Der Gebäudesektor gehört in der Schweiz neben dem Verkehr zu den grössten Emissionsverursachern. Dabei fällt in der Baubranche nicht nur der Energieverbrauch im Betrieb ins Gewicht, sondern auch die graue Energie. Also die Energie, die bei der Erstellung von Gebäuden entsteht. Hier verfügt die Raumplanung über wirksame Hebel. Das CO₂-Gesetz (Art. 9 Abs. 1bis) verpflichtet die Kantone, für Ersatzneubauten und umfassende energetische Sanierungen Gebäudestandards festzulegen und dabei zusätzliche Ausnützungsmöglichkeiten vorzusehen. Gemeinden können diesen Spielraum in ihren Bau- und Zonenordnungen (BZO) nutzen, indem sie planerische Vorteile mit klimafreundlichem Bauen verknüpfen.

Die Stadt Winterthur zeigt, wie solche Anreize funktionieren können. In ihrer BZO verbindet sie für bestimmte Vorhaben wie Arealüberbauungen oder Gestaltungspläne erhöhte energetische und gestalterische Anforderungen mit einem Ausnützungsbonus. Wer die erhöhten Anforderungen respektiert, kann die zulässige Nutzung erweitern, etwa durch mehr Geschossfläche oder eine dichtere Bebauung des Grundstücks. Die Stadt kann so Anreize schaffen, damit Standards wie der Gebäudestandard 2025 von Energiestadt umgesetzt werden. Dieser Standard legt den Fokus auf graue Energie und Energieeffizienz bei Neu- und Bestandsbauten und versteht gleichzeitig nachhaltiges (Weiter-)Bauen breiter, indem Gesundheit, Ökologie und Mobilität mitgedacht werden.

Energievorgaben im Areal Volta Nord

Auch Basel-Stadt machte im Areal Volta Nord auf der Ebene der Sondernutzungsplanung Energievorgaben und verankerte den SIA-Effizienzpfad Energie (seit 2025 ersetzt durch die Norm SIA 390/1) als verbindliche Leitplanke im Bebauungsplan. Für neu geplante Wohn-, Büro- und Schulbauten gelten somit im Areal Volta Nord zusätzlich zum kantonalen Energiegesetz die Zielwerte des SIA-Effizienzpfads Energie für erneuerbare Energie und Treibhausgasemissionen. Volta Nord dient zudem als Experimentierfeld für die Kreislaufwirtschaft: Beim Wohnbau LysP8 sowie bei den Umbauprojekten des Kultur- und Gewerbehauses ELYS und der Primarschule wurden bestehende Bauteile konsequent wiederverwendet. Das Beispiel Volta Nord stösst ein Umdenken hin zum Weiterbauen im Bestand an und zeigt, wie die frühzeitige Verankerung ambitionierter Klimaziele in Raumplanungsinstrumenten den Weg für einen nachhaltigen und ressourcenschonenden Lebensraum ebnet.

Auch wenn einige Städte und Gemeinden beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle übernehmen, ist das Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft. Grundeigentümerverbindliche Vorgaben zur Reduktion von Treibhausgasemissionen in der kommunalen Nutzungsplanung sind noch wenig verbreitet. Zu diesem Schluss kommt die Studie «Klimaschutz in der Nutzungsplanung» der Ostschweizer Fachhochschule (OST).

Klimaanpassung in der Raumplanung konsequent vorantreiben

Anders sieht es bei der Klimaanpassung aus. Sie hat inzwischen zunehmend Eingang in die Nutzungsplanung gefunden. Hitzewellen und Starkniederschläge sind spürbar und machen bewusst, dass der Lebensraum an das Klima von morgen angepasst werden muss. Die heftige europaweite Hitzewelle dieses Sommers hat die Folgen des Klimawandels einmal mehr ins Bewusstsein gerückt und die brennende – im wahrsten Sinne des Wortes – Notwendigkeit vor Augen geführt, Städte und Dörfer an zunehmende Hitze- und Trockenperioden anzupassen. Das trifft nicht nur auf urbane, sondern auch auf ländliche Gebiete zu. Schattige Wege und Freiräume, Abkühlung in Flüssen und Wasserbecken sowie frische Luft aus Wäldern – sogenannte Kaltluftkorridore – werden während dieser Hitzeperioden zu kostbaren Zufluchtsorten. 

In den vergangenen Jahren haben viele Städte und Gemeinden diese Herausforderung erkannt und begonnen, kommunale Strategien zur Anpassung an Hitze, Starkniederschläge und Trockenheit zu erarbeiten. So hat die Stadt Zürich mit ihrer 2020 verabschiedeten «Fachplanung Hitzeminderung» eine Vorreiterrolle eingenommen und viele weitere Städte und Gemeinde inspiriert. In diesem Zuge haben Gemeinden Klimaanpassungsstrategien erarbeitet und deren Inhalte in ihre Nutzungsplanung überführt. Dadurch werden Massnahmen zur Hitzeanpassung für Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer verbindlich, wie beispielsweise Vorgaben zum Erhalt und zur Pflanzung von Bäumen, zur Begrünung von Dächern oder zur Freihaltung von Kaltluftkorridoren.

Ein Stadtwald als blau-grüne Infrastruktur

Der mit dem Prix SIA 2026 ausgezeichnete Stadtwald «Forêt urbaine du quartier de l'Étang» in Vernier (GE) vom Landschaftsarchitekturbüro «apaar_paysage et architecture» zeigt exemplarisch, wie sich die im Positionspapier Raumentwicklung geforderte Klimaanpassung und Stärkung der ökologischen Infrastruktur im Siedlungsgebiet umsetzen lässt. Bereits in den vorgelagerten Planungen – wie im kantonalen Richtplan des Kantons Genf, im Rahmen des «Grand Projet Châtelaine» und im kommunalen Richtplan der Stadt Vernier war für das Quartier de l’Étang eine blau-grüne Infrastruktur vorgesehen. Der Stadtwald bietet den Bewohnerinnen und Bewohnern Erholungsmöglichkeiten und schafft zugleich eine attraktive Fusswegverbindung zu angrenzenden Stadtteilen. Über Parzellengrenzen hinweg bildet der Wald eine zusammenhängende ökologische Infrastruktur, vernetzt die Grünräume des Quartiers und stärkt die Biodiversität. Gleichzeitig verbessert der Wald das Mikroklima durch Verschattung, Verdunstungskühlung und eine höhere Luftfeuchtigkeit.

Eine zentrale Rolle kommt dabei dem Wasser zu. Ein Rückhaltebecken sammelt und bewirtschaftet das Regenwasser und trägt zur natürlichen Regulierung des Wasserhaushalts bei. Anstatt Niederschlagswasser unmittelbar in die Kanalisation abzuleiten, folgt das Projekt den Prinzipien der Schwammstadt: Das Wasser wird vor Ort zurückgehalten, versickert und verdunstet. Dadurch werden natürliche Wasserkreisläufe gestärkt und die Folgen von Starkniederschlägen gemildert. 

Das Beispiel zeigt, wie die Stadt Vernier den Herausforderungen des Klimawandels und der Siedlungsentwicklung begegnet. Als Ausgleich zur dichten Bebauung des benachbarten Quartiers wurde ein hochwertiger, klimaresilienter Freiraum geschaffen, der sowohl der Erholung der Bevölkerung als auch der ökologischen Vernetzung dient. 

Klimaanpassung allein reicht nicht

So wichtig Anpassungsmassnahmen sind, sie können konsequenten Klimaschutz nicht ersetzen. Eine nachhaltige und vorausschauende Raumplanung muss Klimaanpassung und Klimaschutz gemeinsam denkenNur wenn die Treibhausgasemissionen reduziert werden, lassen sich die Folgen des Klimawandels langfristig begrenzen. Ohne wirksamen Klimaschutz stösst auch die Anpassung an ihre Grenzen.

Der nächste und letzte Beitrag dieser Serie widmet sich den beiden weiteren Leitsätzen des Positionspapiers Raumentwicklung. Im Mittelpunkt stehen die qualitätsvolle Siedlungsentwicklung nach innen, das Weiterbauen im Bestand sowie der Umgang mit dem Bauen ausserhalb der Bauzonen.

Weiterführende Links

 

Positionspapier Raumentwicklung

 

Interview mit Barbara Wittmer und Sarah Schalles zum Positionspapier Raumentwicklung
Aktionsplan Klima, Energie und Ressourcen

 

Forschungsprojekt der OST «Klimaschutz in der Nutzungsplanung»

 

Mehr zu den Projekten des Lysbüchelareals im E-Dossier Volta Nord

Kurse und Veranstaltungen:

 

Verschiedene Kursangebote und Veranstaltungen zeigen auf, wie sich wichtige Inhalte der beiden ersten Leitsätze des Positionspapiers Raumentwicklung konkret umsetzen lassen:

 

InForm-Kurs: Biodiversität im Siedlungsraum: Mehrwert planen, schaffen und messen

 

InForm-Kurs: Freiräume nachhaltig planen, bauen und pflegen (DE/FR

 

Schwammstadt-Forum am 24-25. August 2026 in Biel

 

Prix SIA: Forêt urbaine du quartier de l’Étang

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