So ein­zig­ar­tig wie je­des Le­ben

Schweizer Memorial für die Opfer des Nationalsozialismus

Das Projekt «unfolded minute» gewinnt den internationalen Wettbewerb für den ersten nationalen Erinnerungsort an die Opfer des Nationalsozialismus, deren Geschichte mit der Schweiz verflochten war. Auf der Berner Casinoterrasse widmet eine künstlerische «Klangwand» jedem Schicksal eine eigene, einmalige Komposition. Ergänzt durch Information und einen Ort des Austauschs, regt der Erinnerungsort zur vertieften Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seiner Bedeutung für Gegenwart und Zukunft an.

Publikationsdatum
22-09-2026

Im Zentrum des Projekts steht eine 55 Meter lange Klangwand entlang der Stützmauer der Casinoterrasse. Sie macht Erinnerung nicht nur erklärend, sondern auch sinnlich erfahrbar. Die Klangwand besteht aus profiliertem Schwarzstahl und zeichnet den Schweizer Grenzverlauf nach. In unregelmässigen Abständen erklingt dreimal pro Stunde eine einminütige, einmalige Klangfolge zur Erinnerung an die Opfer. Auf diese Weise entsteht eine unendliche, sich ständig wandelnde Klangsequenz. Jede der kurzen Kompositionen ist so einzigartig wie die unzähligen Einzelschicksale, an die sie erinnert.

Vor der Kirchenfeldbrücke wird auf Bildschirmen die Geschichte der Schweiz während des Nationalsozialismus anhand von Texten, Bildern und einzelnen Lebensgeschichten vermittelt. Ausserdem wird eine Website mit weiterführenden Informationen zu den auf der Terrasse zu hörenden Klangfolgen und den Kurzinfos auf den Bildschirmen eingerichtet.
 

"Im Zentrum des nationalen Erinnerungsortes in Bern stehen die Opfer des Nationalsozialismus, deren Geschichten auf unterschiedliche Weise mit der Schweiz verflochten waren. Kunst und Information regen dazu an, sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen und historische Verantwortung zu reflektieren. Als lebendiger Ort des Gedenkens steht er allen offen, schafft Raum für den Dialog und fördert heute und künftig das Bewusstsein für Zivilcourage, Solidarität, Menschenrechte und Demokratie."

– Lenkungsausschuss, 27. Januar 2025
 

Auf der Casinoterrasse wird ein Forum eingerichtet, das zum Gespräch einlädt und dazu anregt, Fragen zu stellen und nachzudenken. Damit stellt es eine Verbindung zur Gegenwart her. Das Forum ist vielseitig nutzbar und bietet sowohl für Führungen als auch für den Austausch mit Schulklassen und für Podiumsdiskussionen Platz. Ein Trägerverein wird den Betrieb übernehmen, damit der Erinnerungsort lebendig bleibt.

Das Team des Siegerprojekts «unfolded minute» wird von den Historikerinnen Franziska Schürch und Isabel Koellreuter geleitet. Des Weiteren gehören die Kunstschaffenden Jannik Giger (Komponist) und Rahel Zaugg sowie Andrea Steegmüller und Salomé Gutscher (Architekturbüro ASA + SAGA GmbH) dazu.
 

Die Schweiz und die Opfer des Nationalsozialismus: Ein Erinnerungsort entsteht

Im Zentrum des Erinnerungsorts stehen die Opfer des Nationalsozialismus. Der Bundesrat erachtet es als eine wichtige Aufgabe, die Erinnerung an den Holocaust und die sechs Millionen getöteten Jüdinnen und Juden und alle anderen Opfer des Nationalsozialismus wachzuhalten.

Als angeblich minderwertig, nicht-zugehörig oder fremd wurden bestimmte Gruppen – unter anderen Jüdinnen und Juden, Menschen mit einer geistigen oder körperlichen Behinderung, Roma, Sinti und Jenische, Homosexuelle, politische Oppositionelle, «Slawen» – zuerst propagandistisch diffamiert und ausgegrenzt, anschliessend rechtlich diskriminiert und schliesslich verfolgt und ermordet.

Der Schweizer Erinnerungsort konzentriert sich besonders auf Verfolgungsgeschichten, die einen Bezug zur Schweiz aufweisen. Dazu gehören Schweizerinnen und Schweizer, die von nationalsozialistischen oder faschistischen Regimen verfolgt, entrechtet und ermordet wurden, sowie Flüchtlinge, denen die Schweizer Behörden durch eine restriktive Flüchtlingspolitik die Rettung verweigerten. Dadurch soll eine Auseinandersetzung mit den Herausforderungen ermöglicht werden, die Diktaturen in unmittelbarer Nachbarschaft für die gesamte Schweiz darstellten. Die Verflechtung der Schweiz mit den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs wird deutlich gemacht und die Frage der Verantwortung von Schweizer Institutionen und Individuen gestellt.

Der Ort soll auch dazu anregen, sich vertiefter mit der Zeit des Nationalsozialismus und Faschismus auseinanderzusetzen und die Relevanz der Vergangenheit für die Gegenwart zu diskutieren. Mit der Realisierung eines Erinnerungsorts setzt der Bund zusammen mit der Stadt Bern ein Zeichen gegen Völkermord, Antisemitismus und Rassismus und für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und individuelle Grundrechte. Der Erinnerungsort soll zudem den Austausch und die Debatte fördern und über die Landesgrenzen hinaus eine Wirkung entfalten.


Das EDA und die Stadt Bern spannen zusammen

Zur Realisierung des Erinnerungsorts hat das EDA am 16. Februar 2024 mit der Stadt Bern eine Zusammenarbeitsvereinbarung unterzeichnet. Seither arbeiten das EDA und die Stadt Bern, unter Einbezug der Initiantinnen und Initianten, gemeinsam und in enger Abstimmung an der Planung und Realisierung des Erinnerungsorts.

Die Casinoterrasse wird vom Gemeinderat der Stadt Bern als Standort für den Erinnerungsort zur Verfügung gestellt. Die Casinoterrasse ist ein geschichtsträchtiger und malerischer Ort mit hoher Aufenthaltsqualität. Ihre zentrale Lage in der Nähe des Bundeshauses, die eindrucksvolle Aussicht und die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten machen sie zu einem beliebten öffentlichen Platz. Auf der Casinoterrasse wird der Erinnerungsort für alle sichtbar sowie zu Fuss, barrierefrei und kostenlos zugänglich sein. Die Wahl dieses Standorts bringt die historische Verantwortung von Politik und Gesellschaft zum Ausdruck.


Ein internationaler Wettbewerb zur Auswahl des Projekts

Für die Planung und Realisierung des Erinnerungsorts in Bern wurden zwei breit aufgestellte Leitungsgremien eingesetzt, die den Einbezug des Bundes, der Stadt Bern sowie der Initiantinnen und Initianten gewährleisten. Diese Gremien definierten und leiteten das Verfahren zur Auswahl des Siegerprojekts.

Im Juli 2025 wurde ein internationaler Projektwettbewerb im selektiven Verfahren ausgeschrieben, an dem zahlreiche interdisziplinär besetzte Teams aus den Bereichen bildende Kunst, Geschichtsdidaktik, Vermittlung sowie Architektur und Landschaftsarchitektur teilnahmen. Eine Jury aus sechs Vertreterinnen und Vertretern des Bundes, der Stadt Bern und der Initiantinnen und Initianten sowie neun unabhängigen Fachpersonen aus den Bereichen Kunst, Architektur, Geschichte, Vermittlung und Museologie wurde eingesetzt. Die Jury wurde von der Kunsthistorikerin und Kuratorin Madeleine Schuppli präsidiert.

Im Oktober 2025 wählte die Jury anhand der Eignungskriterien elf multidisziplinäre Teams aus. Diese wurden gebeten, auf der Grundlage des Aufgabenbeschriebs des Wettbewerbsprogramms einen konkreten Vorschlag für die Gestaltung des Erinnerungsorts auszuarbeiten. Nach eingehender Prüfung der elf Projektvorschläge entschied sich die Jury im Juni 2026 für das Projekt «unfolded minute». Dieses soll bis Ende 2027 auf der Casinoterrasse realisiert werden.
 

«Die Vision für das zukünftige Memorial, welche der vom Bundesrat eingesetzte Lenkungsausschuss formuliert hat, war für die Jury ein Leitfaden, an dem wir uns zu orientieren suchten. So sollten die Opfer des Nationalsozialismus im Zentrum stehen, insbesondere Menschen deren Geschichte mit unserem Land in unterschiedlicher Weise verflochten sind. Eine Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus und der historischen Verantwortung sollte angeregt werden, dies über das Medium der Kunst und der Information von historischem Wissen. Das von der Jury ausgewählte Projekt «unfolded minute» widerspiegelt diese Vision, indem es das Gedenken an die Opfer, auch diejenigen, deren Namen nicht in den Geschichtsbüchern auftauchen, ins Zentrum stellt. Jedem der betroffenen Menschen ist eine kurze Musikkomposition gewidmet, die so einmalig ist, wie jedes dieser unzähligen Individuen. Mit der Klangwand wird der in der Vision genannte lebendige Ort des Gedenkens geschaffen, der allen offen steht. Das alle Sinne berührende Erleben, welches «unfolded minute» ermöglichen wird, gepaart mit zur Verfügung gestellten Informationen zu den geschichtlichen Fakten, wird ein Bewusstsein für Zivilcourage, Solidarität, Menschenrechte und Demokratie fördern. Das Mahnmal ist eine Einladung und Aufforderung, diese elementaren menschlichen und gesellschaftlichen Werte in unsere Sicht auf unsere aktuelle Lebenswelt zu integrieren und sie für die Zukunft zu bewahren.»

Madeleine Schuppli, Präsidentin der Jury


«Schweizer Memorial für die Opfer des Nationalsozialismus» ein Erinnerungsort in der Stadt Bern
Einstufiger Projektwettbewerb im selektiven Verfahren

Projekte der 3. Runde

Empfehlung zur Weiterbearbeitung: "Unfolded Minute"
Schürch & Koellreuter; Jannik Giger; Rahel Zaugg; ASA + SAGA GmbH

Weitere Projekte

"Palimpsest"
Holzer Kobler Architekturen; Marie Schumann; agency for design and communication; Vogt Landschaftsarchitekten


"Gefässe der Erinnerung"
Diener & Diener Architekten; Prof. Dr. Christoph Frank; Edmund de Waal
 

"Boot"
Yael Bartana My-i Productions; Kimmel Eshkolot; Dr. Shelly Harten; Dr. Catrina Langenegger; studio erde GmbH


Fachjury
Madeleine Schuppli (Vorsitz), Kuratorin, Autorin, Lehrbeauftragte; Pascal Hufschmid Direktor Musée international de la Croix-Rouge et du Croissant-Rouge, Kunsthistoriker; Peter Gautschi, Prof. PH Luzern, Experte für Public History und Bildungsmedien, Geschichtsvermittlung; Brigitte Sion Anthropologin / Museologin, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats mehrerer Gedenkstätten; Christina Späti, Professorin Universität Freiburg, Historikerin; Nicole Schweizer Kuratorin für zeitgenössische Kunst, Musée cantonal des Beaux-Arts Lausanne; Bernhard Aebi, Aebi & Vincent Architekten Bern, Architekt BSA FSAI SIA; Tobias Würsch Stv. Amtsleiter Stadtgrün Bern, Landschaftsarchitekt; Melik Ohanian, Kunstschaffender; Stefan Burger (Ersatzmitglied), Kunstschaffender
 

Sachjury
Tim Enderlin Botschafter, Chef der Abteilung Frieden und Menschenrechte, Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA); Carine Bachmann Direktorin Bundesamt für Kultur (BAK); Marieke Kruit, Stadtpräsidentin Stadt Bern; Alec von Graffenried Gemeinderat Stadt Bern; Ralph Friedländer, Präsident Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund SIG; Gregor Spuhler, Leiter Archiv für Zeitgeschichte, ETH Zürich; Nicolas de Torrenté (Ersatzmitglied), Projektleiter, Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA)
 

Auftraggeberin
Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA
 

Verfahrensbegleitung
reflecta ag, Liebefeld

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