Im Dia­log ent­wi­ckel­te Schwarm­in­tel­li­genz

Gebietsentwicklung Kleinmatt-/Bireggstrasse, Luzern

Für die Gebietsentwicklung im Dreieck zwischen Biregg-, Bleicher- und Eschenstrasse/Freigleis hat die Stadt Luzern ein Dialogverfahren durchgeführt, um die Kriterien für die Abgabe der Grundstücke im Baurecht zu definieren. Zum Ergebnis wird die Politik noch Stellung nehmen.

Publikationsdatum
02-09-2026
Gerold Kunz
Architekt, Fachsekretär der Stadtbildkommission Basel und Mitherausgeber der Zentralschweizer Architekturzeitschrift «Karton»

Die 2015 durchgeführte Machbarkeitsstudie, die von einer Neubebauung der Parzellen ausging, stelle heute «keine ausreichende Grundlage für die konkrete Weiterentwicklung des Gebiets und die Abgabe der städtischen Grundstücke im Baurecht» dar. Eine neue Bedeutung für die Stadtentwicklung bekamen die Liegenschaften im Gebiet Kleinmatt und Biregg­strasse wegen dem Neubad, einem 2013 zum Kulturzentrum zwischengenutzten Hallenbad mit Baujahr 1969, und dem Freigleis, einem stillgelegten, von der zu Fuss gehenden und Fahrrad fahrenden Bevölkerung rege genutzten Gleistrassee. Doch nicht nur der Erfolg der beiden Projekte hat bei der Behörde zu einem Umdenken geführt. Stand 2015 der Ersatz aller Bauten und die städtebauliche Justierung der Baubereiche im Vordergrund, soll künftig mit dem Baubestand weitergearbeitet werden.

Das betroffene Gebiet liegt abseits des Stadtzentrums. Otti Gmür widmete ihm in seinem Architekturführer Luzern wegen der Abgeschiedenheit den sechsten und letzten Spaziergang. Hier prägt die Topografie das Siedlungsmuster, das von der geschlossenen Blockrandbebauung über Zeilenbau zur Einzelbauweise übergeht. 2015 sollte die Machbarkeitsstudie zur Stadtwerdung beitragen und die urbane Struktur klären. Eine im Auftrag der SBB ausgearbeitete Studie von den Luzerner Rigert Bisang Architekten empfahl entlang des Gleisfelds 2013 sogar mehrere Hochhäuser.

In ihrer Machbarkeitsstudie von 2015 gingen EMI Architekten noch von einer Neubebauung der Parzellen aus und legten mögliche Baubereiche fest. Die Studie sah vor, den Baubereich Tramdepot auf die Flucht der Bauten der Eschenstrasse zurückzusetzen, um den Strassenraum in seinem Querschnitt durchgehend gleichbleibend zu halten. Der Bebauungsperimeter des Baufelds Neubad zur Kreuzung Biregg- und Eschenstrasse hin sollte erweitert werden, um den Richtungswechsel der Langsamverkehrsachse Freigleis räumlich zu begleiten und zu fassen. Und die Einmündung der Kleinmattstrasse an ihrem Anschluss an die Eschenstrasse sollte gekröpft werden, um die strassenbegleitende Fassade des Baufelds an der Eschenstrasse zu verlängern. In ihrem Konzept kam dem Freigleis – damals erst in Planung – die Funktion eines linearen Parks zu.

Neustart

Begleitet von einem Fachgremium und Vertretungen der Quartiervereine und Fachverbände sowie den öffentlichen Auftakt-, Werkstatt- und Ergebnisforen lag der Fokus des 2025 durchgeführten Dialogverfahrens nun auf Freiraumqualitäten und Kultur-, Quartier- sowie Wohnnutzungen. Zwei Teams wurden zum Verfahren eingeladen: Denkstatt + Baubüro in situ, Basel sowie toblergmür Architekten + ORT + HVDM + sonara, Zürich und Luzern. Vorausgegangen war eine Selektion unter fünf geladenen Teams.

Die von ihnen unter Mitwirkung erarbeiteten Projekte «Metamorphose» und «Kleinmatt-Hof» stimmen in den massgebenden Aussagen überein. Das in zwei Baufelder (Neubad und Feuerwehr) unterteilte Areal wird im Erdgeschoss eine hohe Durchlässigkeit aufweisen. Die bestehende Hallenstruktur soll weitergenutzt werden und zur lokalen Identität beitragen. Entlang des Freigleises, weiterhin als linearer Park ausgebildet, wird der zweigeschossige Bestandsbau um sechs Geschosse aufgestockt und die heute noch in Privatbesitz stehenden Bauten an der Ecke Biregg-/Bleicherstrasse können später durch einen Punktbau ersetzt werden.

Während sich die Projekte beim Perimeter des Neubads mit Vorschlägen zur energetischen Verbesserung und Öffnung des Erdgeschosses ganz im Sinne der Denkmalpflege zurückhalten, erfährt der Perimeter Feuerwehr die grös­seren Veränderungen. Die Unterschiede zur Machbarkeitsstudie von 2015 liegen im Zwischenraum: Nun als öffentlicher Stadtraum ausgestaltet, verliert die Kleinmattstrasse die Funktion als Erschliessungsstrasse. Sie wird zum Quartierplatz und verbindet die Nutzungen im Neubad mit den allen zugänglichen, offenen Hallenräumen. Das Areal wird über mehrere Quartierzugänge erschlossen, wobei der Hauptzugang weiterhin vom Vorplatz des Neubads erfolgt, wo das Freigleis in einen Stadtplatz mündet.

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Dieses klare Konzept funktioniert als solides Gerüst für die Weiterentwicklung des Areals. Die wichtigste Botschaft ist der Erhalt der Institution Neubad. Dank der erfolgreichen Zwischennutzung ist aus dem ehemaligen Hallenbad an Stadtrandlage ein wichtiger Kultur­ort geworden, der weit über die angrenzenden Quartiere ausstrahlt. Nach Vorbild des Gundeldingerfelds in Basel soll er nun zum städtischen Treffpunkt ausgebaut werden.

Das Dialogverfahren markiert aber auch eine Abkehr von einer massgebend von städtebaulichen Kriterien geleiteten Planung. Die Mitwirkung bringt andere Schwerpunkte in die Diskussion ein. Als Folge der Machbarkeitsstudie gingen die Gestaltungsplanpflicht und eine Regelung für gemeinnützigen Wohnungsbau hervor. In der Machbarkeitsstudie fehlte jedoch eine differenzierte Auseinandersetzung mit Aspekten der Nutzung und mit dem Freiraum. 

Das Dialogverfahren war möglich, weil die Neubadzwischennutzung nach einer anderen, behutsameren Entwicklung verlangte. 2015, zum Zeitpunkt der Machbarkeitsstudie von EMI, waren der Betrieb noch nicht gefestigt und das Freigleis noch nicht realisiert. Aber auch das Bewusstsein im Umgang mit bestehenden Bauten – das Hallenbad und die Feuerwehr sind erhaltenswert eingestufte Inventarobjekte – ein anderes.

Im Herbst werden die Ergebnisse «politisch eingeordnet», was bedeutet, dass das städtische Parlament Stellung bezieht. Für die beteiligten Fachleute ist aber bereits heute klar, dass mit dem Richtkonzept nun eine klare, robuste Grundlage für den nachgelagerten Projektierungsprozess vorliegt, um aus dem Areal einen, wie sie im Schlussbericht schreiben, «eigenständigen, gemeinwohlorientierten Ort – offen, durchlässig, klimaresilient und sozial verankert» zu machen.

Gebietsentwicklung Kleinmatt-/Bireggstrasse, Luzern
Im offenen Dialogverfahren mit zwei kooperativ arbeitenden, interdisziplinären Teams 
 

Team Denkstatt sàrl mit Baubüro in situ
Denkstatt sàrl, Basel; Baubüro in situ, Basel


Team toblergmür Architekten mit Ort AG, HVDM und Sonara
toblergmür, Zürich; Ort AG, Zürich; HVDM, Luzern; Sonara, Luzern
 

Begleitgremium, Expertinnen und Experten

Stephan Buchhofer, Architektur/Städtebau, Biel (Vorsitz); Claudia Mühlebach, Architektur/Städtebau, Luzern; Pascal Biedermann, Kultur/Sozialraum, Basel; Markus Bieri, Freiraumarchitektur/Landschaftsarchitektur, Luzern; Beat Züsli, Stadtrat Bildungsdirektion/ Präsidiales und Stadtpräsident Luzern; Korintha Bärtsch, Stadträtin Baudirektion; Pascal Hunkeler, Stadtarchitekt/Leiter Städtebau, Stadt Luzern; Deborah Arnold, Leiterin Stadtplanung, Stadt Luzern; Letizia Ineichen (bis Februar 2025) bzw. Gianluca Pardini (ab März 2025), Leitung Kultur und Sport, Stadt Luzern; Milena Scherer, Co-Leiterin Mobilität, Tiefbauamt, Stadt Luzern; Sybille Stolz, Leiterin Quartiere und Integration, Stadt Luzern; Regula Hug, Teamleiterin Denkmalpflege und Kulturgüterschutz, Stadt Luzern; Jules Gut, Leiter Strategie- und Arealentwicklung, Immobilien, Stadt Luzern; Nathalie Brunner (bis Dezember 2024) bzw. Philippe Weizenegger (ab Januar 2025), Delegierte Kultur/Neubad; Florian Flohr, Delegierter G-Net; Corinne Spielmann, Delegierte Planerverbände; Andreas Gervasi, Delegierter Quartiervereine; Pascal Stalder, 2ap, Bauökonomie; Lukas Dürr, Intep, Energie
 

Auftraggeberin
Stadt Luzern 


Auftragnehmerin
ecoptima AG, Bern

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