Be­suchs­werk­statt für die Hol­cim Schweiz

Besuchswerkstatt Holcim Werk, Siggenthal

Der offene Architekturwettbewerb für die neue Besuchswerkstatt im Holcim-Zementwerk Siggenthal ist entschieden. Mit dem Sieger­projekt «Holcim Lab» erhält die künftige Ausstellung über die Herstellung, Entwicklung und den nachhaltigen Einsatz von Betonprodukten einen architektonischen Rahmen, der selbst Teil der Vermittlung wird.

Publikationsdatum
21-10-2026

Der Standort Siggenthal zählt seit über einem Jahrhundert zu den prägenden Orten der Schweizer Zementindustrie. Das 1912 gegründete Zementwerk gehört heute zu den drei Zementwerken von Holcim Schweiz und bildet zusammen mit dem benachbarten Steinbruch Gabenchopf einen der wichtigsten Produktionsstandorte des Unternehmens. 

Ein Raum für die Wissensvermittlung

Mit einer neuen Besuchswerkstatt soll dieses Wissen rund um Zement und Beton künftig einer breiten Öffentlichkeit vermittelt werden. Das Besucherzentrum gibt Einblicke in deren Herstellung und zeigt zugleich aktuelle Entwicklungen im nachhaltigen Bauen auf. Dafür schrieb Holcim Schweiz einen offenen Architekturwettbewerb nach SIA 142 aus. Gesucht war kein klassisches Besucherzentrum mit überzeugender Architektur und ansprechender Szenografie, sondern ein Gebäude, das den verantwortungsvollen Umgang mit Beton selbst räumlich und konstruktiv erfahrbar macht. Die offene Ausschreibung richtete sich bewusst auch an junge Büros. Architekturteams entwickelten gemeinsam mit Szenografinnen und Szenografen Entwürfe, die Empfangs­gebäude, Ausstellung und Vermittlungsort vereinen. Bewertet wurden Nachhaltigkeit, architektonische Qualität, Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und die Qualität der Szenografie. 

Entscheidung in der zweiten Runde

32 Projekte gingen ein. Nach der ersten Wettbewerbsphase inklusive Preisvergabe liess die Jury drei Projekte anonym überarbeiten, da keiner der Beiträge sie in allen Bereichen zu überzeugen vermochte. Die zweite Runde ermöglichte eine vertiefte Beurteilung und führte schliesslich einstimmig zum Siegerprojekt «Holcim Lab». Christine Dietrich, Portfolio-Manager Nachhaltiges Bauen bei Holcim Schweiz und Sachpreisrichterin, erklärt: «Die zweite Runde erlaubte uns, die Projekte auch nach dem zu beurteilen, was die Teams tatsächlich entwickeln wollten – nicht nach dem, was man hineininterpretieren konnte.»

Den Zuschlag erhielt die Arbeitsgemeinschaft Allen + Crippa und Julian Meier Architektur gemeinsam mit der Zürcher Szenografie-­Agentur Aroma. Ihr Entwurf entwickelt die bestehende Industrieanlage weiter. Ausgangspunkt ist der vorhandene Materialschopf, dessen markantes Holzdach erhalten bleibt und künftig den überdeckten Ankunfts- und Begegnungsbereich bildet. Zwischen diesem Bestand und den bestehenden Silobauten fügt sich der Neubau in das Werkensemble ein. Dieser Ansatz des Weiterbauens reduziert nicht nur die mit dem Neubau verbundenen grauen Emissionen, sondern verleiht der Besuchswerkstatt zugleich eine ortsspezifische Identität, die der Jury bei vielen anderen Wettbewerbsbeiträgen fehlte. Dieser Weiterbau entspricht dem Nachhaltigkeitsverständnis der Bauherrschaft: Nicht ein einzelner Baustoff steht im Vordergrund, sondern dessen angemessener und sinnvoller Einsatz im Zusammenspiel mit anderen Materialien und der vorhandenen Bausubstanz. 

Das Tragwerk als Teil der Ausstellung

Im Tragwerk wird dieser Anspruch deutlich. Der Neubau basiert auf einem klaren konstruktiven Raster aus CPC-Elementen (Carbon Prestressed Concrete). Vorgespannte Carbonlitzen übernehmen die Zugkräfte, was gegenüber konventionellen Stahlbetonkonstruktionen schlankere Querschnitte und einen geringeren Materialeinsatz ermöglicht. Die Konstruktion bleibt weitgehend sichtbar und macht die Tragweise selbst zum Bestandteil der Ausstellung. Ergänzt wird das System durch wiederverwendete Betonplatten, die durch zusätzliche Bewehrung und Überbeton statisch ertüchtigt und erneut als tragende Bauteile eingesetzt werden. Re-Use bleibt damit nicht auf die Materialwahl beschränkt, sondern wird Bestandteil des Tragwerkskonzepts. Zugleich beruht der Entwurf auf einer einfachen, regelmässigen Grundstruktur mit kurzen Spannweiten und wenigen tragenden Bauteilen, die flexibel nutzbare Ausstellungsflächen ermöglicht. Tragwerk, Gebäudehülle und Ausstellung sind nicht getrennt gedacht, sondern als zusammenhängendes räumliches Gesamtsystem konzipiert.

Lernen durch Perspektivenvielfalt

Die Jury würdigte das Zusammenspiel von Tragwerk, Materialwahl und Energiekonzept. Gleichzeitig empfahl sie, die Fassadenkonstruktion weiter zu vereinfachen und den ökologischen Nutzen einzelner Re-Use-Elemente im weiteren Planungsprozess zu optimieren. Die interdisziplinär zusammengesetzte Jury aus Architektur, Bauingenieurwesen, Nachhaltigkeit und Szenografie zeigte dabei auch, dass sich nachhaltiges Bauen nur aus unterschiedlichen Fachperspektiven angemessen beurteilen lässt. Die Besuchswerkstatt soll künftig als Plattform für den Dialog über die Zukunft des Bauens dienen. Sie vermittelt, wie sich Beton als Werkstoff weiterentwickelt, welche Potenziale Kreislaufwirtschaft, Materialeffizienz und neuartige und hybride Tragwerke bieten und wo weiterhin Zielkonflikte bestehen. Das Gebäude selbst wird dabei zum ersten Ausstellungsobjekt.

Weitere Informationen und Pläne finden Sie auf competitions.espazium.ch

Vorbehaltlich der erforderlichen Genehmigungen soll die Besuchswerkstatt ab 2027 realisiert werden. Künftig wird sie Besucherinnen und Besucher, Schulklassen, Fachleute und die interessierte Öffentlichkeit empfangen – nicht nur als Eingangstor zum Werk, sondern auch als Ort der Begegnung und des Austauschs. Darin spiegelt sich zugleich eine zentrale Erkenntnis aus dem Wettbewerbsverfahren: Nachhaltiges Bauen verlangt, unterschiedliche Fachkenntnisse zusammenzuführen. Für Holcim Schweiz war der Wettbewerb nicht nur die Suche nach einem überzeugenden Entwurf, sondern auch ein Lernprozess. «Nachhaltigkeit beginnt auch in der Diskussionskultur in den eigenen Reihen», fasst Dietrich zusammen. «Der Wettbewerb hat gezeigt, wie viel Potenzial entsteht, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen – und wie wichtig es ist, diesem Potenzial auch künftig Raum zur Entfaltung zu geben.»


Besuchswerkstatt Holcim Werk, Siggenthal
Projektwettbewerb im offenen Verfahren
 

1. Preis (ex aequo), mit Empfehlung zur Weiterbearbeitung: «Holcim Lab»
ARGE Allen + Crippa GmbH und Julian Meier Architektur, Zürich; Aroma, Zürich; co-struct, Zürich; Atelier für Landschaft, Rorschach; Vonder Mühll Consulting GmbH, Zofingen; Wirkungsgrad Ingenieure, Luzern; Durable Planung und Beratung, GmbH, Zürich
 

1. Preis (ex aequo): «Re: mix»
VPS, Zürich; Ut Sol, Zürich; Erik Bydal und Lucian Ramaj, Basel; EBP Schweiz AG, Zürich; Zirkular GmbH, Zürich


Ankauf: «Zmitzt»
ARGE Höppner Wahl, Zürich; Kellenberger-White, London


3. Preis: «Domebauhütte»
Ilg Santer Architekten, Zürich; Früst Laffranchi Bauingenieure GmbH, Aarwangen; Kalt + Halbeisen Ingenieurbüro AG, Zürich


4. Preis: «Re:lab»
LPA GmbH/Studio Luv, Zürich; Dr. Schwarz Consulting AG, Zürich


5. Preis: «Case Study»
Dürig AG, Zürich; Fabian Bircher – Erfindungsbureau, Zürich; Amstein + Walthert AG, Zürich


Fachjury

Barbara Holzer, Architektin (Vorsitz), Zürich; Andreas Bründler, Architekt, Basel; Claudio Meletta, Architekt, Zürich; Mirjam Niemeyer, Architektin, Zürich; Salomé Hug, Bauingenieurin, Basel (Ersatz)
 

Sachjury 

Marco Maccarelli, CEO, Holcim Schweiz; Clemens Wögerbauer, Director of Sustainability, Holcim Schweiz; Christine Dietrich, Bauingenieurin, Holcim Schweiz; Markus Rentsch, Head of Cement Industrial Performance(Ersatz), Holcim Schweiz; Thomas Brühlmann, Werkleiter Zement­werk Siggenthal (Ersatz), Holcim Schweiz


Auftraggeberin
Holcim Schweiz AG, Zürich


Wettbewerbsabwicklung
raumplan wirz gmbh, Basel

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