Lop­per: Über­quert–um­run­det–um­kämpft

Lopper gleich Stau, so die Assoziation. Der Lopper ist aber mehr – ein Berg mit instabilen Flanken, ein südöstlicher Ausläufer des Pilatus, eine Halbinsel im Vierwaldstättersee, eine topografische Barriere und auch ein Verkehrshindernis auf der Nord-Süd-Achse. Ein lesenswertes Buch dokumentiert die Geschichte des Bergkamms.

Publikationsdatum
13-01-2021

Hier, auf diesem nur 10 m2 kleinen Stück Schweiz, lassen sich mehr als 20 wegweisende Verkehrsprojekte dokumentieren: Saumpfad, Landstrasse, Autobahn und Eisenbahn – erbaut unter Einsatz von innovativen Tunnel- und Brückenkonstruktionen.1 Dass die Geschichte, wie die Menschen diesen tückischen Bergkamm seit jeher überwunden haben, höchst spannend sei, das war Oberst a. D. Bruno Bommeli aus Alpnach bewusst. Er initiierte ein Buchprojekt und konnte Marion Sauter – Professorin für Kulturtheorie an der Berner Fachhochschule und Dozentin für Architekturgeschichte an der Hochschule Luzern – für die Schweizer Militärgeschichte begeistern.

Die drei Lopper-Gemeinden Hergiswil, Alpnach und Stansstad beherbergen nicht nur einen stark frequentierten Verkehrsknotenpunkt, und hier verankert sich nicht nur viel Verkehrsgeschichte. Der Lopper war über Jahrhunderte hinweg auch das Tor einer der wichtigsten geografischen Verteidigungslinien der Schweiz. Nach intensiver Recherche zu diesem Ort ist ein umfangreiches Grundlagenwerk der Innerschweizer Verkehrsgeschichte entstanden, worin die Buchautorin Aspekte der Mobilität, der Siedlungsentwicklung und der Geschichte verbindet. Prädikat: absolut lesens- und durchstöbernswert.

Der Verfasserin gelingt es sprachlich gekonnt, Fachwissen für Laien aufzubereiten und für Fachpersonen interessant zu belassen. Sie schafft es, einen mit vielschichtigem Wissen über Verkehrsgeschichte zu fesseln und bei Nicht- oder Halbwissen zu ertappen – oder wussten Sie vom Renggpass als neuralgischem Punkt auf der Gotthardroute? Wie heute die N2 bei Stansstad die wichtigste und leistungsstärkste Verbindung zwischen der Schweiz und Italien ist, so war es früher der Saumpfad über den Rengg.

Gleich zu Beginn erläutert Geologe Peter Spillmann, was dabei das Problem ist: Die Geologie der markanten Felsnase bestimmt die topografische Situation und definiert hier und in der Region in hohem Mass die Verkehrswege zu Land und zu Wasser. Allerdings ist diese ehemals beschwerliche Querung – über den Renggpass (885 m ü. M.), im Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz als von nationaler Bedeutung eingestuft – auf der heutigen Transitstrecke für die meisten Verkehrsteilnehmenden kaum noch als solche wahrnehmbar.

Die Artikel im Buch zeigen denn auch auf, wie bedeutend der Weg war. Vor 1860, als es rund um den Lopper noch keine Landstrasse gab, war der Renggpass für den Warenverkehr die einzige Landverbindung vom Luzernischen nach Ob- und Nidwalden und jahrhundertelang eine Alternative zu den kostspieligen Schiffspassagen. Ab dem Mittelalter gingen alle Herden und berittenen Säumer über den Pass, weil das Vieh auf den Booten kaum oder nur schwierig zu transportieren war. Der Pass war somit ein bedeutender regionaler Wirtschaftsfaktor. Er spielte aber auch bei militärischen Bedrohungsszenarien mehrfach eine wichtige Rolle, zuletzt im Réduit und im Kalten Krieg.

Konzentrierte Verkehrsgeschichte

Statt des fast in Vergessenheit geratenen Renggpasses eschliessen heute eine Landstrasse, die Eisenbahn mit Tunnel, ein Autobahnknotenpunkt mit zwei Röhren und komplizierten Kreuzungen und Schleifen sowie fünf Brückengenerationen den Lopper bzw. die Umgebungen darum herum. Von den beschaulichen Anfängen hin zu zahlreichen teils mit Ablenkkonstruktionen gegen Felsstürze geschützten Infrastruktur-Superlativen – inklusive der bislang längsten, wegen des Felssturzes 2010 provisorisch errichteten Pontonbrücke Europas: Der Lopper bildet auf engstem Raum nahezu alle Aspekte der Schweizer Verkehrsgeschichte ab. Und «Lopper. überquert – umrundet – umkämpft» greift diese Entwicklung vom beschwerlichen mittelalterlichen Kirchweg über den Renggpass zur komfortablen Transitstrecke am Lopper fundiert, ausführlich und vielschichtig auf.

Das Buch ist aber auch eine Publikation – wie die Autorin selber im letzten Kapitel «Fazit» schreibt –, die «widerspiegelt, was eine versierte Architekturhistorikerin mit den handwerklichen Mitteln der Wissenschaft innerhalb von gut sechs Monaten in zu weiten Teilen neuem Terrain erreichen kann und was nicht». So lassen die Beiträge durchaus auch vermuten, welcher Fundus noch brach liegen könnte und aufbereitenswert wäre. Dennoch – die interessierte Leserin kommt auf den Geschmack.

Die Kapitel «Fahrstrassen», «Brücken» und «Eisenbahn» – eingeleitet mit einer schönen Bildstrecke im Kapitel «Saumpfad» – geben mit Text und Bild einen erhellenden und eindrucksvollen Einblick in die ingenieurspezifischen Arbeiten. Brücken, Lehnenviadukte, Tunnel, Quer- und Normalprofile von historischen Strassen, Studienvarianten und Modelle von Infrastrukturbauten, Baustellenbilder, historische Fotos von Vorgängerbrücken wie Dreh- und Aufziehbrücken am Acheregg – so variantenreich am Lopper gebaut wurde, so vielfältig sind die Beschriebe und Abbildungen zur Ingenieurbaukunst an diesem zentralen Ort.

Entsprechend erwähnt die Autorin im letzten Abschnitt: «Wenn die aktuellen Baumassnahmen und damit auch die baustellenbedingten Staus beendet sind, wird der Blick wieder ungetrübt und respektvoll auf die Leistungen der Ingenieurinnen und Ingenieure fallen, die hier seit 160 Jahren wirken.»

Anmerkung

1 https://denkmalpflege-schweiz.ch/2020/11/27/lopper-ueberquert-umrundet-umkaempft/

Angaben zur Publikation

Marion Sauter: Lopper. überquert – umrundet – umkämpft. LIBRUM Publishers & Editors, Basel/ Frankfurt am Main, 2020. 200 S., 21 × 24 cm, Hardcover, ISBN 978-3-906897-52-3, 45 Fr.

 

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