In­klu­si­ons­ma­schi­ne Stadt

Im Zusammenhang mit Architektur und Städtebau assoziieren viele Menschen Inklusion mit barrierefreiem Bauen. Die Neuerscheinung «Inklusionsmaschine Stadt» zeigt verständlich und facettenreich, dass dieses Thema breiter gedacht und auch diskutiert werden muss.

Publikationsdatum
20-12-2020

Acht Jahre seiner Lebenszeit, und damit mehr als 10 % davon, lebt jeder Mensch mit irgendeiner Form der Beeinträchtigung, so die Vereinten Nationen. Dies gilt für alle Länder auf dieser Welt, in denen die Lebenserwartung im Schnitt bei mehr als 70 Jahren liegt.

Bei einer Gesamteinwohnerzahl der Schweiz von 8.6 Mio., davon 1.7 Mio. Menschen mit Behinderung, stellt man mit einer einfachen Hochrechnung fest: Von Einschränkungen betroffen sind nicht nur jene Menschen, die ohnehin dieser Gruppe zugerechnet werden, sondern darüber hinaus viele, viele mehr: Menschen, die aufgrund für sie unbezahlbarer Mieten an den Rand der Städte gedrängt werden, oder Fussgängerinnen und Velofahrer, die in den vom Autoverkehr beherrschten Strassen kaum Platz finden.

Deshalb ist es richtig und wichtig, dass nun vermehrt Literatur zu diesem Thema erscheint und dass deren Autorinnen und Herausgeber die Inklusion aller Menschen breiter denken als in der Vermeidung baulicher Barrieren mittels Rampen, kontrastreicher Beschriftungen und akustisch gut gestal­teter Räume.

Eines dieser Bücher ist  «Inklusionsmaschine Stadt». Es verfolgt den Ansatz, Inklusion als «gesellschaftliches Konzept zu verstehen und umzusetzen». Die Basis bilden Erfahrungen aus der Lehre an der Fakultät für Architektur der Hochschule München und vier interdisziplinäre Werkstattgespräche mit Teilnehmenden aus Lehre, Forschung und Praxis. Alle waren in einem der beiden Themenfelder «Städtebau» oder «Inklusion» fachfremd. Die Landschaftsarchitektin und Mediatorin Susann Ahn von der ETH Zürich moderierte die ­Veranstaltungen. Durch die Teilnahme der Initiatoren am Forschungs- und Praxisverbund «Inklusion an Hochschulen und barrierefreies Bayern» ist das Vorhaben in einen grösseren Kontext eingebunden.

Gegliedert ist das Buch in drei Abschnitte. Zu Beginn leiten drei Texte in Thema, Titel und Format der Werkstattgespräche ein. «Neun Ansatzpunkte für eine inklusive Stadt» geben den Leserinnen und Lesern als Abschluss ausreichend Inhalte und Anregungen mit, um sich auch nach der Lektüre gedanklich und bestenfalls praktisch mit dem Thema zu beschäftigen.

Den meisten Raum nehmen verschriftlichte Auszüge aus den Werkstatt­gesprächen ein, die beispielsweise betitelt waren mit «Ist die Stadt von heute eine Inklusionsmaschine?» oder «Welche Bauteile braucht die Inklusionsmaschine Stadt?». Dabei mischen sich Begriffsdefinitionen mit theoretischen und praktischen Ansätzen, verschiedene Standpunkte mit kritischen Nachfragen. Die Wortbeiträge der einzelnen Teilnehmenden reihen sich wie bei einer Perlenkette aneinander und ermöglichen es den Leserinnen und Lesern, leicht zu folgen. Meist dezent im Hintergrund: die Moderatorin. Zum Gesprächsthema passende Aufsätze runden jedes der vier Kapitel ab. Bilder von den Diskussionsrunden mit den Gesprächsteilnehmenden unterstreichen den persönlichen und individuellen Charakter der Texte.

Einen wichtigen Aspekt gilt es insbesondere bei einer Publika­tion zum Thema Inklusion und damit auch Barrierefreiheit noch zu erwähnen: die Barrierefreiheit des Buchs selbst. Ob bewusst oder unbewusst – sie ist in diesem Fall gelungen, beispielsweise dank einer ausreichend grossen, serifenlosen Schrift, sehr gutem Kontrast und dem Flattersatz mit seinen immer gleichen Wortabständen. Der eine oder andere Satz wäre gekürzt oder aufgeteilt verständlicher geworden.

Sich in dieses Buch zu vertiefen macht Freude, die Lektüre regt zum Nachdenken über sich selbst und unsere Städte an und bringt die Prozesse hin zu einer im weitesten Sinn inklusiv gedachten Stadt hoffentlich zügig voran.

Angaben zur Publikation

Andrea Benze / Dorothee Rummel (Hrsg.): Inklusionsmaschine Stadt. Inklusion im Städtebau, interdisziplinär diskutiert. Jovis Verlag, Berlin 2020. 208 S., 30 farb. Abb., 17 × 24 cm, Broschur mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-86859-627-4, Fr. 47.90

 

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