Er­fun­de­ne Tra­di­ti­on

Inmitten der Berner Altstadt ist hinter einer historischen Fassade ein Neubau enstanden. Die HIG Immobilien Stiftung realisierte hier eine zeitgenössische Version des Gestern.

Publikationsdatum
30-09-2022

Nach heutigen Massstäben ist eine Bauparzelle von 850 m2 Grundfläche eher bescheiden. Doch mitten in einer als UNESCO-Weltkulturerbe geschützten Innenstadt ist sie eine Sensation. Der Abriss des Kinos «Capitol», das in den 1920er-Jahren ein Barockpalais und drei Altstadthäuser ersetzt hatte und 2017 seinerseits ein Ende fand, erlaubte einen Neubau an einer Stelle, wo kaum je noch etwas Neues realisiert werden kann.

Zwischen der Rathausgasse auf der einen Seite und der Kramgasse auf der anderen realisierten die Architekten in sensibler Reaktion auf den Genius Loci eine inspirierte Rekonstruktion der für Bern charakteristischen Typologie des Hofhauses, wie es sie hier zuvor gegeben hatte. Wo sich knapp 100 Jahre lang eine singuläre und grossräumliche Nutzung befunden hatte, ist damit nun wieder ein Konglomerat aus Gewerbeflächen und Wohnungen entstanden, was dem Davoser Wunsch nach einer «lebendigen und gemischten Nutzung» entspricht.

Ein Hofraum mit Laubengängen

2015 erwarb die HIG Immobilien Anlage Stiftung die Liegenschaft. Die Betreiberin Kitag gab die Schliessung des Kinos auf Ende 2017 bekannt. Gemeinsam mit der Denkmalpflege wurde ein Studienauftrag für eine Neukonzeption mit Einzelhandel und Wohnungen ausgeschrieben, bei dem sich das Projekt des Architekturbüros Buol & Zünd durchsetzte. Die historischen Fundamente und Gewölbekeller im Untergeschoss, die als einzige Rückschlüsse auf die ehemaligen Bauten zuliessen, bezeichnen die Architekten als «Keimzelle ihres Entwurfs».

Prägend ist der nach historischem Vorbild neu geschaffene, etwa 9 auf 10 m messende Hofraum im Innern des dichten Gewebes der Altstadt. Seine gestalterische und stimmungsführende Qualität mit sanften, historisch referenzierenden Korbbögen erschliesst die Wohnungen mit dem für die Berner Unterstadt charakteristischen Laubengang – eine sehr eigene, lokale räumliche Kohärenz.

Ein Ort von emotionaler Qualität

Bei diesem architektonischen Entwurf an exklusiver Lage dürfte für die Investoren auch der Zweck bzw. Gebrauchswert der Wohnungen und Geschäftsräume wesentlich sein. «Trotz Neubau behält das Haus seinen historischen Charme», verspricht die Werbung zum Mietangebot und benennt damit eine wesentliche Problematik des zeitgenössischen Wohnungsbaus. Entstanden ist ein Ort auch von emotionaler Qualität.

Der Neubau entspricht einer üblichen Massivbauweise mit gemauerten Wänden und Geschossdecken aus Stahlbeton. Für die tragenden Aussenwände wurde Dämmbackstein bzw. Einsteinmauerwerk verwendet. Die neuen Stützen und Bögen des Hofs bestehen aus Betonfertigteilen, deren Oberflächen mit Säure behandelt wurden und so eine raue Struktur aufweisen. Dasselbe Material ist auch für die Böden der Umgänge und die Stufen der Treppe eingesetzt. Die Brüstungen sind mit Glasbausteinen, gefasst von einem grün gestrichenen Tragwerk aus Metall, gebaut. Der Dachstock ist eine Holzkonstruktion, gedeckt mit spitz zulaufenden Biberschwanzziegeln.

Die bernerische Typologie ermöglicht ein «Durchwohnen» von der Strassenseite bis hin zum Hof. Die Anordnung der Räume in den Wohnungen folgt historischen Beispielen mit grosser Dichte und bietet sehr eigene Qualitäten: direkte Zugänge durch Wohn-Ess-Küchen anstatt Korridore; die Möglichkeit, den Laubengang als Aussensitzplatz zu nutzen; und nicht zuletzt eine ausserordentlich hochwertige Ausstattung mit sogenanntem Bernerparkett (grossflächige helle Rechtecke, gerahmt mit dunklem Hartholz) und brüstungshohen Holzvertäfelungen. Die neue Fassade zur Rathausgasse, die Hoffassaden wie auch die Innenräume erfinden also eine Vergangenheit, die so hätte stattgefunden haben können, schaffen aber eine dem sensiblen Auge doch als zeitgenössisch zu erkennende Schönheit.

Neues Leben in den Lauben

Der Kinobetrieb hatte seinerzeit in der Rathausgasse zu einer zugemauerten, toten Laubenfassade geführt. Heute beleben dort wieder Schaufenster und Ladeneingänge das Bild – nicht allein ein wirtschaftlicher, auch ein ästhetischer Mehrwert. Als Erdgeschossnutzung ist auf Seite der Rathausgasse ein Restaurant vorgesehen, aufseiten der Kramgasse ein Geschäft. Die ganze Fläche könnte später aber auch zusammengelegt oder anderweitig unterteilt werden.

Dieser Neubau als Ersatz für das «Capitol» im Herzen Berns ist in seiner realisierten Komplexität und architektonischen Haltung exemplarisch und erweitert das Angebot der HIG und darüber hinaus auch das des zeitgenössischen Wohnungsmarkts. So erstaunt es kaum, dass nicht wenige der neuen Mieter bereits in der Innenstadt ansässig waren und die Gelegenheit ergriffen, am selben Ort eine zeitgemässe und doch stimmungsvolle Wohnstatt zu beziehen.

Dieser Artikel ist erschienen im Sonderheft «Erfolgsfaktor Baukultur | La culture du bâti – un facteur de réussite | Cultura della costruzione: un fattore di successo».

Capitol, Bern

 

Bauherrschaft
HIG Immobilien Anlage Stiftung, Zürich

 

Architektur
Buol & Zünd, Basel

 

Tragwerksplanung
Weber + Brönnimann, Bern

 

HLKS Planung
Gruner Roschi, Köniz

 

Elektroplanung
HHM, Köniz

 

Baumeister
ARGE Ramseier und Frutiger

 

Betonelemente
Filigran, Oberdiessbach

 

Steinhauerarbeiten
Carlo Bernasconi, Bern

 

Holzbau
Herzog, Bern

 

Schreinerarbeiten Fenster
Schreinerei Iseli, Biembach

 

Schreinerarbeiten Türen
HTI-Schreinerei, Interlaken

 

Parkett
Lüthi Holzbau, Münsingen