Ent­wick­lungs­ge­biet Neu­gas­se Zü­rich: Ge­mein­sam Stadt ma­chen

Bei den Planungen für das Entwicklungsgebiet Neugasse betraten die SBB Neuland: Erstmals konnte die Bevölkerung von Beginn an ihre Anforderungen an ein neues Quartier formulieren.

Publikationsdatum
06-09-2018
Revision
11-09-2018
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Die Geschichte der Schweizerischen Bundesbahnen SBB beginnt vor über 170 Jahren in Zürich. Hier wurde 1847 die erste komplette Bahnstrecke auf Schweizer Boden eingeweiht. Die im Volksmund «Spanisch-Brötli-Bahn» genannte Linie führte von Zürich nach Baden und wurde von der Schweizerischen Nordbahn SNB betrieben, die 1902 zu den staatseigenen SBB wurde. Für den Bahnbetrieb benötigte man Flächen: zum Rangieren, für die Reparatur und Wartung des Rollmaterials, als Kohlelager. Ermöglicht wurde der möglichst unbürokratische Land­erwerb vom 1850 eigens erlassenen Ex­propria­tionsgesetz – zur Not auch gegen den Willen der Besitzer.

Heute geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung: Man braucht weniger Flächen, Funktionen werden an einzelnen Standorten gebündelt. Die Veränderungen betreffen auch das SBB-Depot G auf dem Areal Neugasse. Das zwischen Gleisfeld, Viadukt und Josefwiese liegende, 30 000 m² grosse Grundstück beherbergt die schützenswerte Lokomotivremise (1925–1927), entworfen vom damaligen Leiter des SBB-Hochbaubüros des Kreises III, Mainard Lorenz. Dazu kommen Werkhallen von 1959 und 1963 sowie ein Hochhaus von SBB-Architekt Max Vogt von 1965. Aktuell werden hier noch Lokomotiven und einzelne Waggons gewartet oder repariert. Für längere Zugkompositionen ist die Halle aber zu kurz. Das Grundstück ist es auch, ein Ausbau daher nicht möglich. Bis 2022 sollen die Werkstätten in die benach­barte Serviceanlage Herdern umziehen. Zudem wird im Gleisfeld eine neue An­lage gebaut. Das Areal Neugasse wird ­somit frei für eine Neunutzung.

Dabei ist die Neugasse nur eines von drei Stadtzürcher Gebieten, die geöffnet und auf denen künftig statt Eisenbahnen Bewohner und Angestellte verkehren werden. Zusammen mit den Arealen «Werkstadt» und «Hardfeld» wird bis 2031 eine Fläche von 140 000 m² für Wohnungen und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Zürich wächst entlang der Gleise.

Im Hinblick auf diese Veränderung erarbeiteten die SBB 2016 die Strategie «Gleisraum West», die in Zusammenarbeit mit der Stadt die Ziele für die frei werdenden Areale festlegte. Bei der Neugasse einigten sich die Beteiligten auf eine kleinmassstäbliche Entwicklung mit durchmischter Wohnüberbauung: Neben rund 250 Arbeitsplätzen sollen Wohnungen für etwa 900 Menschen entstehen, ein Drittel davon gemeinnützig. Eine Ausnützungsziffer von > 2.0 wird angestrebt.

Bottum-up

Im Süden grenzt das Gebiet Neugasse an die SBB-Gleise. An den übrigen Seiten ist es von Wohnüberbauungen umgeben. Aufgrund dieser Nachbarschaft und der gewünschten engen Verflechtung mit dem umliegenden Quartier entschieden sich die SBB, einen partizipatorischen Planungsprozess für die Entwicklung des Areals zu initiieren. Das Besondere daran: Anstatt wie sonst üblich mit der Bevölkerung über weit ausgereifte Konzepte zu diskutieren, wurde hier der Ablauf umgekehrt. In moderierten Workshops formulierte die Bevölkerung ihre Bedürfnisse und entwickelte Szenarien für den frei werdenden Raum – eine Idee des ­beteiligten Moderatorenteams, das auch die Methodik für die Umsetzung des anspruchsvollen Verfahrens erarbeitete (vgl. Interview). Das Ziel: Ein städtebauliches Entwicklungskonzept als Grundlage für die Umzonierung des Gebiets von der Industrie- in eine attraktive Wohnzone.

In diesem Prozess gibt es drei Teilnehmergruppen: die interessierte Bevöl­kerung, die innerhalb von moderierten öffentlichen Veranstaltungen verschiedene Visionen für das Gebiet entwickelte. Zwei dieser Workshops sowie ein Planungsatelier fanden zeitlich konzentriert mit jeweils einem Abstand von zehn Tagen im März 2017 statt, pro Anlass nahmen 80 bis 200 Personen teil. Die Workshops dienten dem Sammeln und Schärfen der Vorstellungen und Anforderungen. Im Planungsatelier wurden die schriftlich und in Plänen festgehaltenen Ideen in 1 : 200-Modellen räumlich überprüft und weiterentwickelt. Zwischen den Veranstaltungen fassten die beauftragten Planer – Gruppe 2 – mit den Moderatoren die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und verdichteten sie für die Weiterbearbeitung im nächsten Workshop. 

An einem weiteren Workshop im ­Mai 2017 wurden zwei Varianten der bisherigen Ergebnisse kommentiert und bewertet. In dieser Phase wurde der Prozess fachlich eng begleitet von der dritten Gruppe, einem 16-köpfigen Gremium aus Vertretern der involvierten Depar­temente der Stadt, ausgewählten Ver­tretern ­der Berufsverbände sowie Fachpersonen assoziierter Disziplinen, von Landschaftsarchitektur über Immobi­lienökonomie bis hin zur Soziologie. Dieses Fachgremium nahm teilweise auch beobachtend an den Workshops teil. Das von Planern und Moderatoren erstellte städtebauliche Entwicklungskonzept legte man Ende November in einem weiteren Workshop den Teilnehmenden zur Diskussion vor.

Neben der intensiven und weitreichenden Beteiligung der Bevölkerung betrifft eine weitere Besonderheit die Zusammensetzung der Planergruppe: Um den Fokus nicht zu eng zu fassen, sind hier neben je einem Büro für Raum-, Verkehrs- und Umweltplanung auch jeweils zwei Büros für Städtebau und Freiraum­planung vertreten. Anstatt mit zwei ­Entwürfen gegeneinander anzutreten, ­sollen die jeweiligen Disziplinen als Autorenkollektiv im Dialog gemeinsam am Konzept arbeiten. Darüber hinaus können sich Interessierte über die Webseite laufend über die Planung informieren und auch Feedback zu den Ergebnissen der Workshops geben.

Wer entscheidet, was wichtig ist?

Bei über 200 Beteiligten besteht die Krux darin, die verschiedenen Ideen so zu bündeln, dass aus den Visionen vieler nicht plötzlich ein schaler Kompromiss auf kleinstmöglichen Nenner wird. Bei der Planung für das Gebiet Neugasse fiel ­diese Übersetzungs- und Systemati­sierungsarbeit dem Moderatorenteam und der Planergruppe zu. Dafür identi­fizierten sie die vier Themenbereiche «Alltag und Nachbarschaft», «Wohnen, Arbeiten + gemeinsam Nutzen», «Raum und Atmosphäre» sowie «Mobilität und Energie» und teilten das Grundstück räumlich in sieben Gebiete mit eigenen baulichen und funktionalen Charakteristiken auf .

Das Ergebnis: Das heutige Depot wird als dreiseitig gefasster Hof zum Zentrum des neuen Areals. Die Dienst- und Werkgebäude bleiben teilweise erhalten und verweisen auf die Bahngeschichte des neuen Quartiers. Ergänzend dazu kommen sechs- bis zehngeschossige Bauten, in den Erdgeschossen sind Dienstleistungen wie Kindertagesstätten, aber auch Gewerbe vorgesehen. Zu den Anforderungen für Letzteres ist im Herbst 2018 ebenfalls ein öffentlicher Workshop geplant. Aus diesem Konzept erstellt die Planergruppe einen Masterplan, der per Ende 2018 der Stadt Zürich übergeben wird und die Grundlage für die weiteren baurechtlichen Schritte bildet.

Weiter so?

Ohne Zweifel, der Aufwand für ein solches Verfahren ist immens. Er bedingt grosses Engagement der Beteiligten und Verantwortlichen, aber auch eine gewisse Offenheit der Bauherrin SBB. Dass partizipatorisch entwickelte Projekte besser in der Bevölkerung abgestützt sind, traf in diesem Fall hingegen nur teilweise zu. Einige Teilnehmer nahmen die Workshops zum Anlass, im Nachhinein den vorgesehenen Anteil von einem Drittel gemeinnützigen Wohnungen zu kritisieren und einen 100%-Anteil zu fordern. Um allerdings einen solch offenen Prozess überhaupt anstossen zu können, braucht es verlässliche Rahmenbedingungen: Für die SBB als Investorin ist es beispielsweise wichtig, dass die Wirtschaftlichkeit gegeben ist – ansonsten ist die Investition schlicht nicht tragfähig. Ob das Ergebnis letztendlich besser sein wird als bei einem konventionellen Verfahren, wird die ­Zukunft zeigen. Der Baubeginn ist für 2022 vorgesehen. Für die SBB hat sich die Vorgehensweise jedenfalls gelohnt – gemäss Jürg Stöckli, Leiter SBB Immobilien, sogar so sehr, dass die SBB planen, «nun alle unsere 150 frei werdenden Areale in der Schweiz auf diese Weise [zu] entwickeln».

Dieser Beitrag stammt aus der Sonderpublikation «SBB-Areale: vom Betrieb zur Stadt». Weitere Beiträge zum Thema finden Sie hier.

Facts  &  Figures


Planungsverfahren
Partizipatorische Planung / Studie


Arealgrösse
30 000 m2


Nutzung
Wohnen 75 %; Gewerbe 15 %; Schule 10 % 


Ausnutzungsziffer
> 2.0


Planungsschritte
2016: Festlegung Rahmenbedingungen
2017: öffentliche Beteiligung
2018–2019: Vernehmlassung, Umsetzung Baurecht
2020: Architekturwettbewerbe
2022: voraussichtlicher Baubeginn


Projektbeteiligte
Bauherrschaft: SBB Immobilien, Zürich, Gesamtprojektleitung Barbara Zeleny
Vertretung Stadt Zürich: Stadtentwicklung Zürich (STEZ); Grün Stadt Zürich (GSZ); Amt für Städtebau (AfS); Tiefbauamt Zürich (TAZ)
Raumplanung: KEEAS Raumkonzepte, Zürich
Städtebau: Hosoya Schaefer Architects, Zürich; Christian Salewski & Simon Kretz Architekten, Zürich
Freiraumplanung: freiraumarchitektur, Luzern; Studio Vulkan, Landschaftsarchitektur, Zürich
Verkehrsplanung: Porta, Zürich
Beteiligungsprozess: Michael Emmenegger, Zürich
Kommunikation: Weissgrund, Zürich


Fachgremium
Städtebau: Martin Albers, Zürich; Uli Hellweg, Berlin; Monika Klingele Frey und Cornelia Taiana,
Amt für Städtebau, Zürich
Freiraumplanung: Paul Bauer, Grün Stadt Zürich
Vertretung Berufsverbände: Daniel Bosshard, , Zürich (SIA, BSA); Daniel Ménard, Zürich (SIA)
Soziologie: Barbara Emmenegger, Luzern
Landschaftsarchitektur: Massimo Fontana, Basel
Genossenschaftswohnen: Andreas Gysi und Andreas Wirz, Zürich
Architektur: Barbara Holzer, Zürich
Mobilität: Willi Hüsler, Zürich
Verkehrsplanung: Michael Neumeister, Tiefbauamt Zürich; Christoph Suter, ewp Zürich
Baukollegium Zürich: Lisa Ehrensperger, Zürich
Immobilienökonomie: Joris van Wezemael, Zürich
SBB Immobilien: Andreas Steiger
Denkmalpflege: Giovanni Menghini, SBB Fachstelle Denkmalpflege

Tags

Verwandte Beiträge