Ei­ne frag­wür­di­ge Lö­sung

Projektwettbewerb Ergänzungsbauten Regierungsgebäude

Für einen neuen Verwaltungsbau im Regierungsviertel Frauenfeld wurden 99 Projekte eingereicht. Die Vielfalt der Vorschläge widerspiegelt die Schwierigkeit der Aufgabe.

Publikationsdatum
28-09-2017
Revision
28-09-2017

Dass Frauenfeld ein städtebauliches Schmuckstück ist, liegt nicht nur an der Altstadt, sondern auch am Regierungsviertel. 1813 wurden der Stadtgraben aufgefüllt und die Promenade an­gelegt. In der Folge entstanden hier in relativ kurzer Zeit die wichtigen öffentlichen Gebäude der Stadt: die Kantonsschule, das städtische Promenadenschulhaus und das Regierungsgebäude. Dazu kam als einziger Privatbau an dieser repräsentativen Adresse das Verlagshaus Huber, das Heim der Thur­gauer Zeitung. Sie alle wurden, wie auch die nahe gelegene Kaserne, vom Architekten Johann Joachim Brenner gestaltet, der mit seiner etwas spröden, nüchternen Architektur das Gesicht des noch jungen Kantons prägte.

Mit dem Ersatz des städtischen Schulhauses durch den «Glaspalast» (Müller und Haldemann, 1968) und der Umwidmung der Kantonsschulen zu Obergericht und Kantons­bibliothek wurde die Promenade als Ort kantonaler Repräsentation weiter gestärkt. Unlängst wurde ­jedoch die Chance verpasst, auch das ­Huber-Areal für eine öffentliche Nutzung zu sichern und damit das Schulhaus Spanner von Alexander Koch (1878) in den Kranz öffentlicher Bauen einzubinden. Als Folge stören nun grossmassstäbliche Wohnbauten das Ensemble.

Dadurch hat sich die städtebauliche Situation des Grundstücks hinter dem Regierungsgebäude nicht vereinfacht. Nordwestlich wird es von der Rückseite der Vorstadtzeile an der Zürcherstrasse begrenzt, nordöstlich von einer offe­nen Bebauung mit denkmalgeschütz­ten Villen und im Südosten vom prägnanten Schulhaus Spanner sowie von der Stirnseite eines voluminösen Wohnblocks, der den Raum zu den anderen Regierungs­gebäuden verstellt. Trotzdem ist hier zweifellos der richtige Ort, die Verwaltung in einem Neubau zu konzentrieren, die derzeit in zahlreichen Liegenschaften verstreut arbeitet. Für den dafür ausgeschriebenen Projektwettbewerb war ein städtischer Holzbau mit 170 bis 190 Arbeitsplätze zu entwerfen.

Die Qual der Wahl

Die knapp hundert eingereichten Projekte schlagen höchst unterschiedliche Typen und städtebauliche Setzungen vor. Fast alle Lösungsansätze sind unter den prämierten Entwürfen vertreten, was die Schwierigkeit der Jury andeutet, sich für die eine oder andere Interpretationen der Situation zu entscheiden. Nicht in die Kränze kam der Vorschlag, das Gebäude so schlank wie möglich zu halten, von der Stras­se wegzurücken und dezidiert dem Hof hinter dem Regierungsgebäude zuzuordnen, obwohl dies die städtebaulichen Probleme entschärft und die Entscheidung für einen Holzbau plausibel gemacht hätte (z. B. Staufer & Hasler mit Projekt 56, Bilder in der Galerie).

Ohne Überzeugung

Gewonnen hat ein Projekt von Gäumann Lüdi von der Ropp Architekten, von dem man den Eindruck bekommt, es versuche sich durch eine stark aufgegliederte Baustruktur einer städtebaulichen Stellungnahme zu entziehen. Dass es dadurch «sowohl baukörperlich wie stilistisch zwischen den unterschiedlichen Massstäben und Architekturen des Ortes zu vermitteln vermag», wie die Jury behauptet, kann man jedoch bezweifeln. Die Architektur, die die Jury zu Recht «an die Massivität von Sichtbetonbauten der 60er Jahre» erinnerte, wirkt ortsfremd. Der zweiseitige Kamm geht von einer Mitte aus, die stadträumlich keinen Anschluss findet, sodass der Bau in der Situation zu schwimmen scheint. Trotzdem und trotz der komplizierten Gebäudeabwicklung wird es notwendig sein, das benachbarte Baudenkmal für den Neubau zu verschieben. Das scheint jedoch – folgt man Programm und Jury – weder ökonomisch noch denkmalpflegerisch ein wesentliches Problem.

Zur Staubeggstrasse hin präsentiert sich der siegreiche Entwurf mit drei weitgehend geschlossenen Stirnwänden, die den Massstab der anschliessenden Villen sprengen. Gleichzeitig vermag der von Höfen zerschnittene Baukörper dem vis-à-vis liegenden Schulhaus weder ein Rückhalt noch ein adäquates Gegenüber zu sein – ein Mangel, der im Vergleich zum zweitrangierten Projekt von Enzmann Fischer besonders deutlich wird. Auf das typusimmanente Eingangsproblem reagiert das erstplatzierte Projekt mit einem offenen Erdgeschoss unter dem ersten Gebäudeflügel, das allerdings durch die Tiefgarageneinfahrt desavouiert wird. Hinter dieser, in der Achse der Abfahrt, liegt der Haupteingang. Insgesamt gewinnt man so den Eindruck einer gesichtslosen Architektur, die der Stadt lauter Rückseiten präsentiert.

Dass die Jury ihren einstimmigen Entscheid aufgrund einer ganz anderen Einschätzung fällte, versteht sich von selbst. Sie erkennt, dass sich von der Promenade aus «eine Abfolge von drei viergeschossi­gen Einzelbauten» zeige, «die in Stil und Art an die Modernität des Verwaltungsgebäudes anknüpfen und so die Promenade bis in die Staubeggstrasse verlängern», sieht eine «Feingliedrigkeit der Anla­ge» und «gut proportionierte Aussen­räume», «einen lebendigen Wechsel von unterschiedlichen Situationen des Einblicks und Durchblicks» und kommt zum Schluss: «Angesichts der Grösse der Gesamtbaumasse gliedert sich diese Struktur verblüffend selbstverständlich in den Kontext ein und bildet zugleich eine selbstbewusste, zeitgemässe Erscheinung aus, die das repräsentative Regierungsgebäude stimmig komplettiert.»

Eine unübliche Vorgehensweise

Die interessante Vielfalt der Projekte widerspiegelt nicht nur unterschiedliche Auffassungen vom Ort, sondern auch von einem städtischen Holzhaus, von einer zeitgemässen Verwaltung sowie von Repräsentation und Öffentlichkeit. Es lohnt sich also, den Jurybericht zu konsultieren. Allerdings dokumentiert dieser, wie schon die Ausstellung, den Wettbewerb nur unvollständig. Zwei Projekten, die schliesslich die beiden ersten Preise erhielten, hatte man die Chance einer Weiterbearbeitung gegeben. Entgegen dem Usus wurde von ihnen nur die zweite Projekt­variante publiziert, aber weder die eigentliche Wettbewerbsabgabe noch die «Kurzbeurteilung des Preisgerichts», die der Überar­beitung zugrunde lag. Diese hatte unter anderem das Ziel, präzisere Aus­sagen über Energieeffizienz und An­lagekosten pro Arbeitsplatz zu gewinnen. Die Resultate dieser Überprüfung wären gerade bezüglich des erstrangierten Projekts mit seiner grossen Gebäudeabwicklung interessant, wurden aber nicht protokolliert.

Dies alles mag damit zusammenhängen, dass in der Schlussrunde der Jurierung nicht bloss die beiden überarbeiteten Projekte, sondern alle sechs Arbeiten der engeren Auswahl beurteilt wurden. Wie der Besucher der Wettbewerbsausstellung verglich also auch die Jury abschliessend Projekte miteinander, die einen unterschiedlichen Be­arbeitungsgrad aufweisen. Dieses ungewöhnliche Vorgehen mag reglementskonform sein, Schule machen sollte es aber nicht.

Auszeichnungen
 

1. Rang / 1. Preis: «Dino»
Gäumann Lüdi von der Ropp Architekten, Zürich;
Fischer Landschaftsarch., Richterswil;
SJB Kempter Fitze, Herisau;
Edelmann Energie, Zürich
 

2. Rang / 2. Preis: «Vinculum»  
Enzmann Fischer Partner, Zürich;
Landschaftsarchitektur und Städtebau Lorenz Eugster, Zürich;
Ulrich Binder, Zürich;
Christoph Schläppi, Bern;
Pirmin Jung Ingenieure, Rain;
Schnetzer Puskas Ingenieure, Zürich;
Polke Ziege von Moos, Zürich
 

3. Rang / 3.Preis: «Ludwig»
Marazzi + Paul Architekten, Zürich;
WaltGalmarini, Zürich
 

4. Rang / 4. Preis: «Nik»
Christian Huber Architekt, Zürich
 

5. Rang / 5. Preis: «Dovetail»
pool Architekten, Zürich;
Zwahlen + Zwahlen, Cham;
Hermann Blumer, Herisau;
Gruenberg + Partner, Zürich;
Schmid Janutin, Urdorf
 

6. Rang / 6. Preis: «Curo»
MSM Architekten, Zürich

 

Sachjury
 

Carmen Haag, Regierungsrätin, Vorsitz, Chefin Departement für Bau und Umwelt; Dr. Jakob Stark, Regierungsrat, Chef Departement für Finanzen und Soziales; Urs Meierhans, Chef Finanzverwaltung; Beda Blöchlinger, Chef Büromaterial-, Lehrmittel- und Drucksachenzentrale; Marco Sacchetti, Generalsekretär De­partement für Bau und Umwelt (Ersatz)

 

Fachjury
 

Carmen Haag, Regierungsrätin, Erol Doguoglu, Kantonsbaumeister Kanton Thurgau; Christof Helbling, Stadt­architekt Frauenfeld; Prof. Anna Jessen, Architektin, Basel; Brian Baer, Architekt, Frauenfeld; Konrad Merz, Bauingenieur, Altenrhein; Florian Schoch, Architekt, Frauenfeld (Ersatz)