Ei­ne Ab­kehr von Rou­ti­nen im In­fra­struk­tur­be­reich

Die natürlich gekühlte Stadt funktioniert wie ein grüner Schwamm mit tiefem Boden. Bäume finden darin Platz zum Wurzeln, und das Wasser bleibt länger verfügbar. Die zuständigen Fachstellen im Kanton und in der Stadt Zürich setzen erste Verbesserungen im Aussenraum und entlang von Verkehrsachsen in Kleinarbeit um.

Publikationsdatum
15-06-2022

Die Farben des Klimawandels sind Violett, Grün und Blau. Hotspots, die sich im Sommer stark aufheizen, sind auf den Klimakarten von Zürich violett markiert: «In der Regel sind es Strassenräume im Siedlungskern», erklärt Christoph Abegg, Projektleiter Umwelt im kantonalen Tiefbauamt. Entsprechend verbreitet sind die dunkelroten Stellen; sie warnen praktisch in jeder mittel bis grossen Gemeinde vor dem Risiko einer besonders hohen Hitze-belastung. Um solche Einfärbungen zu verhindern, braucht es jedoch mehr Grün und Blau. Diese Farben stehen für Massnahmen, die der Erhitzung im Siedlungsraum entgegenwirken.

Grün steht zum Beispiel für «entsiegeln und begrünen», erklärt Ingo Golz, stellvertretender Direktor von Grün Stadt Zürich (GSZ). Dafür sollen Bäume spriessen, «doch das geht nicht von heute auf morgen». Ebenso wichtig ist es, den aktuellen Bestand an Stadtbäumen «zu erhalten und aktiv zu schützen», so Golz.

«Kein Grün ohne Blau», ergänzt Franz Günter Kari, Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ). «Bisher fliesst Regenwasser so schnell als möglich ab; neuerdings soll es möglichst lang verweilen.» Damit lasse sich die Umgebung stärker als bisher natürlich bewässern. «Das Entsiegeln allein genügt aber nicht», ergänzt Hannes Schneebeli, Leiter Werterhaltung beim Tiefbauamt Stadt Zürich (TAZ). Es brauche auch Flächen, auf respektive unter denen Wasser gesammelt wird und wo es verdunsten kann. Damit übernimmt man ein Element aus dem «Schwammstadtprinzip». Für die Hitzeminderung im Aussenraum ist also der Wasserkreislauf einer Stadt – auf Siedlungsarealen und im Verkehrsraum – gemäss heutigen Erkenntnissen zu reorganisieren.

Wasser vermehrt zurückhalten

Die Reform beginnt mit Blau: Das Wasser ist auch im dicht bebauten Raum der Ursprung allen Lebens und im Siedlungsraum neuerdings willkommen. Das an den Klimawandel angepasste Regenwassermanagement funktioniert deshalb wie folgt: Es dämpft die Folgen von Starkregen, insofern begrünte Dächer und Mulden im Vorgarten den Abfluss zurückhalten. Sickerfähiger Grund auf Parkplätzen verstärkt den temporären Speichereffekt. Davon profitieren begrünte und bepflanzte Flächen daneben unmittelbar. So bleibt möglichst viel Wasser im tiefgründigen Boden auch während einer Trockenperiode verfügbar. Daraus entsteht ein Dominoeffekt für die Hitzeminderung: «Bäume und Sträucher erhöhen ihre Verdunstungsleistung und tragen so direkt zur Abkühlung der heissen Stadtluft bei», ergänzt ERZ-Experte Kari.

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Die grün-blauen Erkenntnisse fliessen bereits in die Gestaltung von Aussenräumen ein, in der Stadt ebenso wie im übrigen Kantonsgebiet. In neuen Parkanlagen oder in der Umgebung von Entwicklungsarealen tauchen immer häufiger offene Wasserelemente auf. «Private Bauherrschaften achten inzwischen stärker auf die neuartige Bewirtschaftung des Meteorwassers», bestätigt der stellvertretende GSZ-Direktor Golz. Im Strassenraum geht die öffentliche Hand dagegen selbst mit gutem Beispiel voran. Überall, wo die Oberfläche ohnehin verändert werden muss, «setzen wir punktuelle Verbesserungen um», sagt der TAZ-Verantwortliche Schneebeli. Eine Anleitung dazu hat das städtische Tiefbauamt in der «Guideline Quickwins Hitzeminderung» verfasst. Die Kolleginnen und Kollegen des Kantons sind ihrerseits daran, das vielfältige Spektrum an Möglichkeiten bei Strassenumbauten auszuschöpfen.

Für die Staatsstrassen ausserhalb von Zürich und Winterthur ist der Kanton zuständig; für die beiden Städte sind es jeweils diese selbst. Doch auch so haben sie vieles selbst in der Hand: Der Strassenraum gehört den Gemeinwesen; die Finanzierung von Umbauvorhaben ist gesichert, selbst wenn Bäume einen Mehraufwand verursachen. Und wichtig ist, dass auch Know-how vorhanden ist: «Wir haben in kurzer Zeit viel Fachwissen über die Hitzeminderung erworben», sagt Schneebeli.

Entwässerung als Schwerpunkt

Wie die Verbesserungen im kantonalen Strassennetz aussehen, sammelt der Umweltverantwortliche Abegg auf einer eigenen Projektliste. Zusätzlich zu den Baumpflanzungen sind vor allem Anpassungen im Entwässerungsmanagement geplant, wie die Entsiegelung von Parkplätzen, die Begrünung von Mittelstreifen oder der Einbau von Rückhalte und Versickerungssystemen zwischen Fahrbahn und Veloweg. Der konventionelle Strassengraben ist zudem ein Auslaufmodell: In Zürich-West wurde letztes Jahr erstmals ein Mulden-Rigolen-System eingebaut, um den Wasserabfluss saisonal zu regulieren.

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Die grosse Hürde bei jeglichen Veränderungen ist aber: Es fehlt Platz, über und unter dem Boden. Mehr Blau respektive ein verzögertes Versickern ist nur möglich, wenn der «Untergrund nicht bereits durch Leitungskanäle, Tiefgaragen oder anderweitige Unterbauten besetzt ist», so Christoph Abegg. Allerdings wären mächtige, natürlich gewachsene Böden ebenfalls vonnöten, wenn zusätzliche Bäume gepflanzt werden sollen. Mit deutlich mehr Grün möchte die Stadt den urbanen Wärmeinseleffekt jedoch an einigen Standorten mildern.

Mehr Schatten von Bäumen

Ein Stadtbaum wirkt fast so gut wie ein mechanisches Raumklimagerät. Dank der Beschattung und der Verdunstung kühlt sich die unmittelbare Umgebung um fast 9 °C ab. Hohe Bäume mit grosser Krone, also solche im stolzen Alter, sorgen für die stärkste Abkühlung. An diesen Merkmalen orientiert sich die Stadt Zürich neuerdings bei der Definition ihres spezifischen Begrünungsziels: Sie will die durch Bäume beschattete Fläche erhöhen, muss dafür neue Standorte finden und dort vor allem robuste Baumarten einpflanzen. Denn der aktuelle Bestand leidet unter Hitzestress. «Buche und Bergahorn werden es im Trocken- und Hitzestress künftig schwer haben», so Golz. Vorzuziehen sind an das zu erwartende Klima angepasste Baumarten aus südlichen Regionen.

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Aber wo finden zusätzliche Bäume überhaupt Platz? Tatsächlich ist der öffentliche Raum stark versiegelt und faktisch voll belegt. «Der Flächenbedarf ist die grösste Herausforderung für die Hitzeminderung», bestätigt Schneebeli. «Politisch ist zwar akzeptiert, dass Parkplätze im Strassenraum aufgehoben werden», sagt Golz. Doch werden irgendwo Flächen frei, meldet auch der Langsamverkehr Interesse daran an.

Um das Prozedere zu entspannen, sollen temporäre Linderungsaktionen helfen: «Wir befassen uns auch mit Interventionen, die keine baulichen Veränderungen erfordern», sagt der GSZ-Verantwortliche. Inspiration dazu hole man sich etwa in Städten wie Wien oder Graz; dort werden ganze Strassenzüge jeweils im Sommer mit Wasserinstallationen und grünen Hochbeeten als kühlende Oasen ausgestattet.

Eingeschränktes Unterbauen

Allerdings steht der grösste Anteil des Zürcher Baumbestands auf privatem Grund. Und hier findet viel Raubbau statt. Gemäss Golz werden Bäume oft einer baulichen Verdichtung geopfert, weil der Grenzabstand zu den Neubauten unterschritten oder der Untergrund ausgehöhlt wird. Zwei Reformen auf kantonaler Ebene sollen die Rahmenbedingungen für den Baumzuwachs jedoch verbessern. So greift die laufende Baurechtsrevision den Baumschutz und die Limitierung des Unterbaus auf. Was Städte und Gemeinden erst in Sonderbauvorschriften und Gestaltungsplänen festschreiben, soll an sich für das gesamte Baugebiet gelten. Parallel dazu wird das Verkehrswegerecht derart angepasst, dass der Abstand zwischen Fahrbahn und privater Bepflanzung schrumpfen darf. Christoph Abegg erhofft sich davon eine wesentliche Erleichterung für das hitzemindernde Tun: Der enge Platz wird besser genutzt.

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Doch wie bei der Siedlungsentwässerung bringt die Hitzeminderung eine Abkehr von der Routine auch für Verkehrsplanende: Planung und Unterhalt ausserorts bevorzugten bislang ein radikales Vorgehen: «Weg mit dem Grün.» Zur Kapazitätserweiterung und zur Minderung des Unfallrisikos wurden strassennahe Bäume gefällt. Werden nun aber Mittelstreifen wieder begrünt, erhöht sich dadurch das Sicherheitsrisiko für das Unterhaltspersonal und dessen Arbeitsaufwand.

Relativ geringe Kosten

Trotz solchen Hindernissen wollen die Tiefbauämter ihren Beitrag an die Klimaanpassung leisten. «Ideal sind etwa Tempo-30-Projekte, um Strassenräume hitzemindernd umzugestalten», so Abegg. Die Kosten zur Entsiegelung und Begrünung von Parkplätzen und Restflächen sind relativ gering. Und dass der Kanton eine Baumpflanzung auf Privatgrundstücken übernehme, die an den Strassenraum angrenzen, sei politisch opportun, so Abegg. Seit letztem Sommer wird nach der neuen Prämisse geplant; fast jedes dritte Projekt im laufenden Umbauprogramm wurde spontan angepasst. So sollen Flächen im Innerortsbereich der Zürcher Gemeinden (ohne die Städte Zürich und Winterthur) mit einem Gesamtumfang von fast drei Fussballfeldern demnächst begrünt werden.

Das dürfte freilich nicht genügen, um Siedlungsräume langfristig vor Hitzewellen zu schützen. Gemäss dem Umweltverantwortlichen im kantonalen Tiefbauamt braucht es Grundsatzentscheide: «Die Politik muss definieren, wie viel der steigende Unterhalt auf den zusätzlichen Grünflächen kosten darf oder wo ein gewisses Kollisionsrisiko bei strassennahen Bäumen in Kauf zu nehmen ist, zugunsten der Hitzeminderung», so Abegg. Gemäss Hannes Schneebeli vom städtischen Tiefbauamt werden die laufenden Pilotprojekte genau solche Entscheidungsgrundlagen liefern: «Sie fördern den schnellen Erkenntnisgewinn, damit wir mehr über den Nutzen und die Kosten erfahren.» Denn die Hitzeminderung im Aussenraum steht trotz vielfältiger Aktivitäten erst am Anfang: Geht man aktuell noch pragmatisch vor und wählt Standorte, die niemanden stören, braucht es langfristig eine Prioritätsliste für die Massnahmen an den besonders stark von Hitzewellen betroffenen, violett markierten Hotspots.

Dieser Artikel ist erschienen im Sonderheft «Hitzeminderung».

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