Die Rich­tung machts

Publikationsdatum
29-01-2021
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Meine erste Kolumne an dieser Stelle handelte von einem Stundenstein kurz vor den Toren von Bern. Nun ist mir wieder eine solche Distanzmarkierung ins Auge gefallen – erneut an einer ungewöhn­lichen Stelle. Der steinerne Kilo­meterstein steht neben dem Eingang zur Kirche San Niculò an der Via Maistra in Pontresina. 5.5 km gibt er als Distanz an. Aber wohin? Klar, einst war diese Strasse eine frequentierte Handelsroute, Säu­merkolonnen brachten den Veltliner Wein hier entlang in den Norden. Und der Berninapass ist nicht weit, davon zeugen ebensolche Distanzsteine entlang der Passstrasse.  

Aber wurde damals in Kilometern gemessen? Und sind es tatsächlich nur so wenige? Als ich die Strecke einst mit dem Velo befuhr, kam sie mir deutlich länger vor. Nein, Gefühl und brennende Waden täuschten nicht. Bis zur Passhöhe ist es rund dreimal so weit. Doch Moment – die Säumer brachten den Wein in den Norden? Genau: Der Stein gibt die Distanz zur nächsten nördlich gelegenen Ortschaft an – Samedan. Und das metrische System? Trat 1877 in der ganzen Eidgenossenschaft in Kraft. Bis 1925 die ersten Automo­bile das Bündnerland legal bevölkerten, hatten die Säumer noch gut zu tun. Merke: Manchmal gehts einfach nicht nach oben. Und das ist gut so.

Verwandte Beiträge