Der Weg zu mehr Raum­ge­bor­gen­heit

Kongress «Siedlungen hochwertig verdichten»

Wie muss die Verdichtung des Siedlungsraumes umgesetzt werden, damit die Wohn- und Lebensqualität nicht auf der Strecke bleibt? Dieser Frage ging Ende Mai ein vom VLP-ASPAN organisierter Kongress nach.

Publication
23-06-2015
Revision
25-08-2015

In der Schweizer Raumplanung wurden mit der Revision des Raumplanungsgesetzes im Mai 2014 die Weichen neu gestellt. Die Ziele sind klar: den Siedlungsraum begrenzen und verdichten. Wie lassen sie sich aber so umsetzen, dass dieser  attraktiv bleibt und gar an Qualität gewinnt 

Dazu ist der Informations- und Diskussionsbedarf gross, wie der enorme Andrang beim Kongress zum Thema «Siedlungen hochwertig verdichten» zeigte, den die Schweizerische Vereinigung für Landesplanung (VLP-ASPAN) Ende Mai in Solothurn durchführte. 

Agglomeration wird Stadt

Antworten liefert unter anderem das kürzlich abgeschlossene NFP65 «Neue urbane Qualität», dessen Quintessenz der Präsident der Leitungsgruppe, Prof. Jürg Sulzer vorstellte. Als Maxime für die Raumplanung prägte er den anschaulichen Begriff der «Raumgeborgenheit», also Räume zu schaffen, denen man sich verbunden fühlt und die über eine eigene Identität verfügen.

Die Raumgeborgenheit sei es, die Menschen in historisch gewachsenen Innenstädten schätzen und in den oft anonym wirkenden Agglomerationen vermissen. Im Zentrum der Raumplanung des 21. Jahrhunderts müsse daher die Stadtwerdung der Agglomerationen stehen, resümierte Sulzer.

Der Weg dorthin führe über eine Abkehr von der bisherigen Zeilen- und Einzelbauweise hin zu vielfältig gestalteten Stadtbauensembles, die sich an Städtebautradition und -konvention orientieren. Eine gute Ausgangsbasis für die konkreten Schritte in diese Richtung seien Bilder, die das langfristige Fernziel visualisieren. 

Aktivere Planungsbehörden

Was es konkret braucht, um die Siedlungsentwicklung auf solche Ziele hin auszurichten, erläuterte Beat Suter von der Metron AG. Sein Vortrag basierte auf dem im Oktober 2014 veröffentlichten Bericht «Das 3x3 der nachhaltigen Siedlungsentwicklung», den er im Auftrag der Tripartiten Agglomerationskonferenz, einer politischen Plattform von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden, mitverfasst hat.1

Kern des Berichts sind neun Forderungen für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung. So müssten etwa die Planungsbehörden, die heute oft eher passiv verwalten und genehmigen, eine aktivere Rolle übernehmen und die Innenentwicklung gezielt und aktiv lenken, so Suter.

Städte und Gemeinden seien aufgefordert, Strategien für die Siedlungsentwicklung nach innen zu entwerfen. Und sie müssten ein aktives Bodenmanagement betreiben, das heisst Reserven und Potenziale erheben und nutzen, auch in Zusammenarbeit mit Privaten.

Wichtig sei dabei, dass Siedlung, Freiräume, Mobilität, Infrastrukturen und soziale Themen integral betrachtet werden und die Bevölkerung einbezogen wird. Ausserdem sei es sinnvoll, funktionale Räume über Gemeinde- und Kantonsgrenzen hinweg zu betrachten.

Diese Veränderungen in der Planungs- und Baukultur seien für die Gemeinden eine grosse Herausforderung, stellte Suter klar. Sie seien daher auf Unterstützung durch die Kantone angewiesen – über finanzielle Anreize und durch Knowhow. Gleichzeitig sei es Aufgabe der Kantone, klare Rahmenbedingungen für die Siedlungsbegrenzung vorzugeben. 

Charakter bewahren

Dass viele der von Forschung und Fachleuten aufgestellten Forderungen von fortschrittlichen Gemeinden bereits erfolgreich angewendet werden, zeigten zwei Beiträge aus der Praxis. Jolanda Urech, Stadtpräsidentin von Aarau, erläuterte die Erfolgsfaktoren für eine qualitativ hochwertige Verdichtung, für die Aarau letztes Jahr mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet wurde. 

Zentral sei, jedes Quartier individuell zu betrachten, damit bei der Transformation der jeweilige Charakter und die damit verbundenen Qualitäten erhalten bleiben. Ebenso bestätigte Urech die Bedeutung einer aktiven Rolle der öffentlichen Hand, die dafür entsprechende Fachpersonen in den Schlüsselpositionen brauche.

Marie-Hélène Giraud von der Fachstelle öffentlicher Raum und Mobilität der Stadt Genf fokussierte in ihrem Beitrag auf die zentrale Bedeutung des öffentliches Raums für die Siedlungsqualität. Der Mensch als soziales Wesen brauche Orte für das Zusammenleben. In bestehenden, dichten Quartieren müsse man diese oft vom Verkehr beanspruchten Räume wieder zurückerobern und attraktiv gestalten 

Bei der Entwicklung neuer Siedlungen sei es wichtig, den öffentlichen Raum bereits vor den Gebäuden zu planen, damit am Schluss nicht zufälliges «Abstandsgrün» übrig bleibe. Und man müsse Landschaftsplaner in die Planungsprozesse einbeziehen. 

Vorschriften vereinfachen 

Wie stark die Identität eines Ortes zugunsten der Verdichtung verändert werden darf, darüber gingen die Meinungen von Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes und Philippe Biéler, Präsident des Schweizer Heimatschutzes erwartungsgemäss auseinander.

Während Bigler das Raumpotenzial betonte, das sich mit Aufstockung bzw. Ersatzneubauten in innerstädtischen Quartieren schaffen liesse und eine radikale Vereinfachung der Bauvorschriften forderte, plädierte Biéler dafür, Verdichtung differenziert anzugehen, um die Identität von Orten und damit das Heimatgefühl der Bewohner nicht zu zerstören.

Um eine qualitativ hochwertige Verdichtung zu erreichen, seien Architekturwettbewerbe und Partizipation der Bevölkerung wichtig. Aber auch Auszeichnungen wie der Wakkerpreis seien ein gutes Instrument, um Vorbilder ins Bewusstsein zu rücken und Diskussionen anzuregen.

Das Thema der Bauvorschriften kam auch in einer Diskussionsrunde mit Investoren und Vertretern von Kantonen und Gemeinden zur Sprache. Man müsse aufpassen, dass der Trend zu immer mehr Reglementierung Investitionen in Verdichtungsprojekte nicht behindere, meinte Paul Rambert, bis vor kurzem Verwaltungsrat der Mobimo Management SA. Wichtig sei, dass Vorschriften lediglich den Rahmen setzten. Wie dieser dann ausgefüllt werde, müsse flexibel bleiben, meinte auch Antonio Hodgers, Vorsteher des Departements für Raumplanung, Wohnungsbau und Energie des Kantons Genf. So gebe es in Genf beispielsweise Vorgaben für eine minimale Dichte.

Die Bevölkerung gewinnen

Während sich Politik, Wirtschaft und Fachleute einig sind, dass es Verdichtung braucht, lehnt die betroffene Bevölkerung konkrete Projekte oft ab. Einer der Workshops im Rahmen des Kongresses ging daher der Frage nach, wie die Bevölkerung für die Innenentwicklung gewonnen werden kann.

Ablehnung entstehe aus Angst vor dem Verlust der vertrauten Umgebung sowie aus der Furcht vor Verschiebungen im sozialen Gefüge, konstatierten Barbara Emmenegger, Professorin am Institut für Soziokulturelle Entwicklung der Hochschule Luzern und Daniel Kübler, Professor für Demokratieforschung und Public Governance der Universität Zürich. Damit sich diese Befürchtungen nicht erfüllen, brauche es hochwertige Entwicklungen, die bestehende Qualitäten bewahren und Mehrwerte für die Bevölkerung schaffen. 

Wie aber lässt sich dieses hehre Ziel erreichen? Zentral dafür seien Partizipationsprozesse, die die Bevölkerung von Anfang an in die Planung einbeziehen. Ausserdem müssten vor allem kleine und mittlere Gemeinden die öffentlichen Interessen gegenüber Investoren stärker vertreten, so Kübler, das heisst eine entsprechende Strategie entwickeln und personelle Ressourcen schaffen, um diese umzusetzen.

Da in kleineren Gemeinden die Wertschöpfung ohnehin deutlich geringer ausfällt als in städtischeren Gebieten und Investoren daher zusätzliche Investitionen in die urbane Qualität eher scheuen, braucht es umso dringender Fachleute auf Seiten der Gemeinde, die das öffentliche Interesse durchsetzen. 

Damit sich die Gemeinden dies leisten können, bieten sich Kompetenzplattformen für mehrere Gemeinden an, wie die Tripartite Agglomerationskonferenz in ihrem Bericht vorschlägt. Klar ist damit: für eine qualitativ hochwertige Siedlungsentwicklung braucht es mehr Fachleute denn je, aber sie müssen auf Kooperation mit allen Akteuren setzen. 

Anmerkung

  1. Tripartite Agglomerationskonferenz (Hrsg.) «Das 3x3 der nachhaltigen Siedlungsentwicklung», 2014

Literatur

Die Ergebnisse des NFP65 sind in zwei Publikationen zusammengefasst:

  • Brigit Wehrli-Schindler, «Urbane Qualität für Stadt und Umland. Ein Wegweiser zur Stärkung einer nachhaltigen Raumentwicklung», Scheidegger & Spiess, Zürich 2015
  • Jürg Sulzer, Martina Desax, «Stadtwerdung der Agglomeration. Die Suche nach einer neuen urbanen Qualität», Scheidegger & Spiess, Zürich 2015

Verwandte Beiträge