Woh­ni­ko­ne neu be­trach­tet

Nach fast hundert Jahren des Gebrauchs der Werk­bundsiedlung Neubühl in Zürich-Wollishofen wirft ein Buch neue Blicke auf das Leben ihrer Bewohnerinnen.

Publikationsdatum
27-01-2026

Wer wohnt in welchem Typ Etagenwohnung oder Reihenhaus, wer sonnt sich auf der privaten Seite des Hauses, wer kocht trotz der engen Platzverhältnisse gerne zusammen mit Kindern oder Freundinnen? Die Werkbundsiedlung Neubühl gibt trotz zahlreicher Publikationen immernoch viele Fragen auf.

Die Idee für den Bau der Siedlung in Zürich-Wollishofen entstand während der regelmässigen Spaziergänge von Flora Steiger-Crawford – erste diplomierte Architektin der Schweiz – und ihren Architektenkollegen über den damals noch unbebauten Wollishofer Hügelzug. 

Im einleitenden Aufsatz des neuen Buchs über die Wohnerfahrungen von Frauen in der berühmten Siedlung beschreibt Werkbund-Vertreterin Sandra König die Entstehungsgeschichte und wechselvolle Beziehung des Schweizerischen Werkbunds (SWB) zur Zürcher Werkbundsiedlung: Anders als die Werkbundsiedlungen Stuttgart Weissenhof, Brünn, Breslau, Prag und Wien, die ebenfalls kurz vor und während der Weltwirtschaftskrise um 1930 entstanden, geht die Siedlung Neubühl nicht auf eine Initiative des Werkbunds, sondern einer Gruppe von in Zürich tätigen Architekten zurück. Achtung: Wenn in diesem Buch «Architekten» steht, sind wirklich nur Männer gemeint.

Flora Steiger-Crawford im Neubühl

Die Autorinnen und Herausgeberinnen von « Frauen leben im Neubühl » haben genau hingeschaut, wer welche Rolle einnehmen durfte oder musste, und haben nachgefragt, welche Geschichten (auch des Widerstands) sich daraus entwickelten. In Interviews mit Bewohnerinnen haben sie dies aufgezeichnet und zu spannenden Portraits verdichtet. In Archiven haben sie gesucht, vielerlei Zusammenhänge und einzelne Hinweise auf das Leben der Frauen im Neubühl gefunden und dies in Aufsätzen reflektiert. 

Die Gruppe der Neubühl-Architekten bestand ausschliesslich aus Männern, nämlich Paul Artaria, Max Ernst Haefeli, Werner Max Moser, Hans Schmidt und Rudolf Steiger, dazu stiessen der Ingenieur Carl Hubacher und der Architekt Emil Roth. Die Initiative ging zwar stark von Rudolf Steiger aus. Doch seine Frau Flora Steiger-Crawford wirkte an dem Entwurf nicht mit, obwohl sie bestens qualifiziert gewesen wäre.

Eine Frau von vielen

Der korrigierende Blick auf die Geschichte der Siedlung am Stadtrand, unmittelbar an der Grenze zu Kilchberg, nimmt den Faden der Geschichte von Flora Steiger-Crawford immer wieder auf: In einem Kapitel untersucht Nina Hüppis mit kritischem Blick die Küchen, die für die verschiedenen Wohnungstypen der Siedlung Neubühl entworfen wurden. 

Darin erfahren wir, dass das Pendeln zwischen der Wohnung am Stadtrand und dem Büro in der Stadt für die berufstätige Mutter sehr anstrengend war. Ein Arzt der Familie riet, in die Stadt zurückzuziehen. Dieser Ausschnitt aus dem Alltagsbericht der Architektin zum Leben im Neubühl in den 1930er-Jahren ist der Auftakt für eine kritische Sicht auf die Alltagstauglichkeit der Neubühler Architektur. 

Die Grundrisse der Küchen sind mit teilweise nur 6 m2 äusserst knapp gehalten (Paul Artaria hätte sie sogar gerne noch kleiner gestaltet) und liessen zeitgenössisches Wissen ausser Acht, etwa über die arbeitsoptimierte Frankfurter Küche der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky oder die Erkenntnisse der Haushaltreformerin Dr. Erna Meyer. Dem neuen Mobiliar, das eigens für die Neubühl-Wohnungen entworfen und über die dafür gegründete Wohnbedarf AG vertrieben wurde, kam hingegen viel Aufmerksamkeit zu, wie Nina Hüppi in ihrem Text analysiert. 

Im abschliessenden Aufsatz des Buchs reflektiert Henriette Lutz die Technik der biografischen Befragungen, mittels derer die Studierenden der Berner Fachhochschule das Wohnen zu untersuchen lernten. Eine der ein­leitenden und sehr wichtigen Fragen ist die nach dem Lieblingsort in der Wohnung oder im Haus. Diese taucht in den acht Bewohnerinnenportraits in Wort und Bild auf, wird aber auch erweitert auf die historischen Bewohnerinnen des Neubühl. So sehen wir auf einem Bild Flora Steiger-Crawford beim Lesen im Licht des grossen Wohnzimmerfensters in ihrer Vier-Zimmer-Wohnung (Typ LM) – an ihrem ihr posthum zugeschriebenen Lieblingsort.

Vielerlei Alltagserfahrungen

Die Portraits der in Alter und Berufen, Haushaltsformen und Gewohnheiten unterschiedlichen Bewohnerinnen breiten ein grosses Spektrum an Wohnerfahrungen aus. Sie erzählen vom Ein- und Aus- und Wiedereinziehen im Neubühl oder vom Umziehen innerhalb der Genossenschaft. 

Die Betrachtung über die Zeit erweitert Ulrike Schröer mit der Frage nach dem Typus-Begriff in der Architektur über die fast hundert Jahre des Wohnens in der Siedlung und die gesamte neuzeitliche Architekturgeschichte. Und auch in die Soziologie greift das Buch aus: Henriette Lutz ruft die Wohnforschung von Margrit Hugentobler und Susanne Gysi in Erinnerung, die in den 1990er-Jahren in der Deutschschweiz Wohn- und Lebens­geschichten von Frauen aufzeichneten und gesellschaftspolitisch kontextualisierten. 

Konsequent zieht sich das Thema der Wohnerfahrung von Frauen als roter Faden durch das abwechslungsreich und sorgfältig gestaltete Buch. Mit den Erzählungen zum Kochen, Essen, Spielen und (Haus-)Arbeiten erzählt es Geschichten, die zwar schon immer da waren, in ihrer Vielfalt aber doch überraschen. 

Allerdings weisen die Autorinnen wiederholt auf die schlechte Quellenlage und die mit diesem Buch längst nicht geschlossenen Forschungslücken hin. So waren etwa verheiratete Paare lange Zeit nur unter dem Namen des Mannes verzeichnet – es sind also weiterhin Entdeckungen möglich, welche jungen und alten, heimwerkenden oder berufstätigen Frauen einmal über kürzere oder längere Zeit im Neubühl gelebt haben.

In diesem Sinn ist das Buch kein Abschluss einer fast hundertjährigen Geschichte, sondern ein Auftakt, die vielen ungeschriebenen Geschichten zum Wohnen zu suchen und zu finden.

Frauen leben im Neubühl. 
Vom Wohnen in einer Ikone

 

Herausgegeben von Sandra König, Henriette Lutz, Ulrike Schröer

 

Jovis Verlag, Berlin 2025
Broschur, 208 Seiten, ISBN 978-3-9861219-9-0

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